13/03/02
Der Fluß
Kinostart 14. März 2002
DER FLUSSHe Lui
Ein Film von Tsai Ming-liang
Twa/Chi 1997
Synopsis
In einer Wohnung in Taipeh lebt Xiao-kang mit seinen Eltern. Viel haben sie nicht gemeinsam, alle drei gehen ihre eigenen Wege.
Sein Vater arbeitet nicht mehr und verbringt seine Zeit damit, in den unzähligen Saunas der Stadt jungen Männern nachzuspüren. In den schmalen, kaum beleuchteten Räumen sucht er Trost und jagt einer Illusion von Freundschaft hinterher. Was er findet, sind flüchtige Kontakte.
Xiao-kangs Mutter ist die Fahrstuhlführerin eines Restaurants. Für sie dreht sich alles darum, das Essen für Mann und Sohn, aber auch für ihren Liebhaber auf den Tisch zu bringen. Ihr Geliebter handelt mit Porno-Videos und ist oft unterwegs. Die Liebe zwischen den Eltern ist seit langem erloschen. Sie teilen längst nicht mehr dasselbe Bett und besprechen nur noch das Nötigste.
Zufällig trifft Xiao-kang eine alte Freundin wieder. Xian-chi, die inzwischen Produktionsleiterin einer Filmcrew geworden ist, lädt ihn zu einem Besuch am Drehort ein. Xiao-kang folgt ihrer Aufforderung, und es stellt sich heraus, daß dringend ein Komparse benötigt wird; jemand, der bereit ist, sich im Fluß treiben zu lassen. Obwohl Xiao-kang schon der Gedanke abstößt, sich in das völlig verschmutzte Gewässer zu begeben, läßt er sich schließlich von der Regisseurin überreden.
Unmittelbar nach dem Dreh überkommen ihn heftige Schmerzen, die vom Nacken auszugehen scheinen. Doch schon bald breiten sie sich über seinen ganzen Körper aus und greifen auch seinen Kopf an. Es beginnt eine Odyssee zu zahlreichen Ärzten und Heilern. Niemand kann ihm helfen.
Dann stellt sich heraus, daß die Decke im Zimmer des Vaters undicht ist. Es tropft und tropft, nicht einmal der gerufene Klempner kann die Ursache ausfindig machen. Xiao-kangs Zustand verschlechtert sich. Auf der Suche nach einem Wunderheiler reisen Vater und Sohn gemeinsam in den Süden. Nachdem sie ein Hotel gefunden haben, begibt sich der Vater auf die Suche nach einer Sauna. Auch Xiao-kang sucht eine Sauna auf, und zufällig begegnet er dort seinem Vater.
Zu Hause nimmt sich die Mutter vor, die Quelle des Lecks ausfindig zu machen. Während es draußen gewittert und stürmt, bricht sie die leerstehende Wohnung über ihrer eigenen auf.
Biografie Tsai Ming-liang
Geboren am 27.10.1957 in Ku Ching, Malaysia. Studium an der Theater- und Filmfakultät der Universität Taiwans.
Arbeitete als Produzent und Regisseur am Theater, als Autor und Regisseur für das Fernsehen. Nach mehreren Drehbüchern seit 1992 mit den Spielfilmen REBEL OF THE NEON GODS und VIVE L'AMOUR auch international erfolgreich.
Filmografie
- 1988 JIA JIAFU - TV Film
- 1989
KUAILE CHEFANG - TV Film
BU LIAO QING - TV Film
HAIJIAO TIANYA - TV Film
- 1990
WODE YINWENMINGZI JIAO - TV Film
MARY - TV Film
LI XIANGDE GANQINGXIAN - TV Film
AH XIONGDE CHULIAN QINGREN - TV Film
- 1991 XIAOHAI - TV Film
- 1992 QINGSHAONIAN NAYU (REBEL OF THE NEON GODS)
- 1994 AIQING WANSUI (VIVE L'AMOUR)
- 1995 MY NEW FRIENDS Dokumentarfilm
- 1996 HE LIU (DER FLUSS)
- 1998 DONG (THE HOLE)
- 2001 WHAT TIME IS IT THERE?
Kommentar
Gut zwanzig Minuten benötigt der aufmerksame Zuschauer bis er versteht, dass die gezeigten einzelnen Personen zusammen eine Familie ergeben. Vater (Miao Tien), Mutter (Lu Hsiao-ling) und Sohn Xiao-kang (Lee Kang-sheng) wohnen in einer gemeinsamen Wohnung, doch sie haben sich nichts zu sagen. Es fällt auf, dass die Personen dieselben Räumlichkeiten nutzen, doch sie laufen sich nicht über den Weg. Minimal geredet wird erst, als das Thema Essen ansteht.
Xiao-kang befällt nach einer Statistenrolle in einem Film, in dem er in einem dreckigen Fluß für mehrere Minuten eine Wasserleiche spielt (mit einem Gastauftritt von Ann Hui als Regisseurin) eine seltsame Krankheit: sein Nacken versteift sich. Die Schmerzen verschlimmern sich, weder Ärzte noch Wunderheiler können helfen.
In statischen, durchkomponierten Bildern erzählt DER FLUSS die Leidensgeschichte Xiao-kangs. Durch die karge Handlung und die minimalistischen Dialoge entwickelt der Film eine Sogwirkung. Der stets schiefgelegte Kopf und das Jammern des Sohnes transportieren sein Leiden.
Seltsame Dinge geschehen: Die Decke im Zimmer des Vaters wird undicht. Wasser tröpfelt hindurch. Das Wasser wird immer stärker, bald reicht ein Eimer nicht mehr aus, um es zu sammeln. Die Räume haben eine Art Eigenleben in diesem Film. Sie kommunizieren mit dem Zuschauer, mindestens so stark wie die Figuren dies tun. Als die Mutter schließlich die leerstehende Wohnung über ihrer aufbricht, entdeckt sie einen kaputten Wasserhahn, und kann den Wasserfluss abstellen. Für den taiwanesischen Regisseur Tsai Ming-liang versinnbildlicht der Wasserfluss ein emotionales Leck bei den Personen. Emotionale Notstände, die weder zu Bewußtsein noch zur Sprache gebracht werden. Die aber so heftig sind, dass sie schließlich aufbrechen und überlaufen.
Als der Vater mit seinem Sohn in eine fremde Stadt zu einem Wunderheiler fährt, quartieren sie sich in einem Hotel ein. Den Vater zieht es in die dunkle Geborgenheit einer schwulen Sauna. Den Sohn auch. Die Räume bringen Vater und Sohn zusammen, sie berühren sich gegenseitig, im Glauben, Sex mit einem fremden Mann zu haben. Zum vollzogenen Inzest kommt es nicht, da sie einander vorher gerade noch erkennen. Zurück im Hotel liegen sie schweigend im Bett nebeneinander. Dem Vater rollt langsam eine Träne übers Gesicht. Am nächsten Morgen öffnet Xiao-Kang die Balkontür. Er geht nach draussen, verschwindet um die Ecke. Die Kamera verharrt in ihrer festen Einstellung. Irgendwann kommt Xiao-kang wieder ins Bild, leicht kreist er mit seinem Hals. Er erwacht aus der Starre und sein Nacken wird langsam wieder bewegungsfähig. Vielleicht liegt das auch an dem Verhältnis zu seinem Vater, in das durch die unabsichtliche, gegenseitige Berührung Bewegung gekommen ist.
DER FLUSS ist ein seltsam ruhiger und deshalb geradezu beunruhigender Film, dessen Bilder und Visionen lange und intensiv nachwirken.
Nana A.T.Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 13-03-02