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Der Freischütz

Robert Wilsons Neuinszenierung von Webers Oper 'Der Freischütz' am 1. Juni 2009 ab 19 Uhr live aus dem Festspielhaus Baden-Baden und auf ARTE und arte.tv!

> Der Freischütz - Ein Mythos? > "Kein Sterben im deutschen Wald"

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Robert Wilsons Neuinszenierung von Webers Oper 'Der Freischütz' am 1. Juni 2009 ab 19 Uhr live aus dem Festspielhaus Baden-Baden und auf ARTE und arte.tv!

Der Freischütz

Carl Maria von Weber: Der Freischütz - 25/05/09

"Kein Sterben im deutschen Wald"

Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" in der Inszenierung von Robert Wilson im Baden-Badener Festspielhaus

Armer deutscher Wald! Was ist er nicht durch Märchen, Mythen und politischen Zeitläufte belastet worden und als Sehnsuchtslandschaft beschworen worden sei es für Jägerromantik und einem gemütlichen Försterhaus oder als ein unheimlicher, mystischer Ort, der für das Unterbewusste und die Untiefen der menschlichen (deutschen) Seele steht. In dieser Mischung hat ihn Carl Maria von Weber wohl in seiner romantischen Oper "Der Freischütz" ein Denkmal gesetzt. Doch dann kamen die Nazis, und dann die Umweltverschmutzung, dann wurde er krank und war fast schon totgesagt, dieser deutsche Wald. Heute ist er immer noch krank, muss aber dennoch für Ökoromantiker als Gehege der Sehnsucht inmitten der Klimakatastrophe dienen, für „the german Angst“ sozusagen.

Auf der Suche nach einem Gehege ist der Regisseur Robert Wilson (Jahrgang 1941), der derzeit Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" für das Festspielhaus Baden-Baden inszeniert, gewiss nicht. Doch offenbar fasziniert den Amerikaner das Gespinst aus Naturmystik, Schauerromantik und altdeutscher Gemütstiefe, die der Sage von jenem Schützen innewohnt, der im Bunde mit den Mächten der Dunkelheit «Freikugeln» zu gießen vermag, die jedes erwünschte Ziel treffen.

Schon einmal hat sich Wilson mit dem urdeutschen Thema beschäftigt. Das war 1990, als er am Thalia Theater in Hamburg die Inszenierung für das deutsch-englischsprachige Musical„The Black Rider" übernahm. Eine Weber-Opernparodie war dies nicht, eher eine „zeitgenössische Variante“ der alten Volkssage, wie sie im "Gespensterbuch" von Friedrich Laun und August Apel 1810 erschien - ein Pop-Märchen im deutschen Wald, eine expressionistische Geisterbahn, eine Drogen-Allegorie. Schauerliche Texte hatte der greise Underground Pop-Poet William S. Burroughs dazu gedichtet, dazu die lärmend-laute Musik des abgründigen Rockbarden Tom Waits. Das Ergebnis: eine schräge Travestie, eine Mischung aus billigem Varieté mit mal sentimentalen mal aggressiven Songs und grell-geschminkten Figuren, die mit exzentrischen Bewegungen in Wilsons knallig-grellem Bühnenbild durch die Fabel geisterten.
Den Titel "Black Rider" hatte sich Wolfgang Wiens - damals Dramaturg am Thalia Theater - einfallen lassen. Er ist auch jetzt für die Inszenierung in Baden-Baden zuständig. Die Analogie zwischen Teufelspakt und Drogenkonsum findet er heute nur noch albern. Die wilden Zeiten scheinen offenbar vorbei. Jetzt gilt es der hehren ernsten Kunst inklusive künstlichem Happy – End. Denn diesmal siegt das sittlich Gute über das Böse. In der "Black Rider"- Story war die Geschichte – ganz wie im originalen „Gespensterbuch“ noch übel ausgegangen. "Beim Probeschuss erschießt der Jägerbursche mit der Teufelskugel, die ihn äfft, die eigene Braut und endet im Irrenhaus." In Carl Maria von Webers Oper aber überlebt die holde Agathe.

Die Frage aber bleibt: wie wird sich ein amerikanischer Regisseur, der obendrein aus Texas stammt, sich den deutschen Wald vorstellen, der sowohl atmosphärisch als auch symbolisch die Hauptrolle in Carl Maria von Weber Oper „Der Freischütz“ spielt? Wilson wuchs im texanischen Waco auf, mit nicht sehr viel Wald drum herum, dafür aber einem See und inmitten einer stark ausgeprägten reformatorisch geprägten Gläubigkeit – wie sich an den vielen baptistischen Kirchen zeigt. Als Kind litt er unter dem rigiden Puritanismus seiner Umgebung, die selbst die Ermordung Abraham Lincolns im Theater als Fingerzeig Gottes wertete. Ein völlig introvertiertes Kind sei er gewesen, das sich oft stundenlang in seinem Zimmer einschloss, kaum sprechen konnte und wohl hier seine Einfälle sammelte, die er heute in jede seiner Inszenierungen einfließen lässt. „Naturalismus basiert auf einer Lüge“, sagt er. „Mein Theater ist ein formalistisches Theater. Nur so kann man ehrlich sein mit dem, was man macht.“

Also kein Rauschen der Bäume, kein gemütliches Försterhaus mitsamt fröhlichem Volkstreiben unter strahlend blauem Himmel. keine unheimlich wilden Felsenwände mit wolkenverhangenem Horizont für die Wolfsschluchtszene? Bestenfalls ein paar Stäbe mit Holzprintstoff beklebt, das könnte der deutsche Wald sein, verrät Gewandmeisterin Angelika Sproll. Genau weiß sie es allerdings nicht. Denn Bob Wilson ist immer für Überraschungen gut.

Eines aber ist sicher: mit Illusionstheater oder Pappmaché-Kulissen hat er nicht viel am Hut. Sein Theater lässt sich am ehesten mit dem ebenfalls hoch-stilisierten und formalisierten japanischen „Nô-Theater“ vergleichen. Wilson liebt den Menschen als Marionette: Wie ein Choreograph geht er vor: reißbrettartig präzise werden die Positionen und Bewegungen der Figuren aufgezeichnet und nummeriert . Ein ausgefeiltes streng stilisiertes und ritualisiertes Gesten-Zeichen-System dient der Kommunikation untereinander, oft in Zeitlupe ausgeführt und mitunter monoton wiederholt.
Die Kostüme lieferte das Amsterdamer Designer Duo Viktor & Rolf. „Unsere Assoziationen sind ziemlich klischeehaft”, räumt einer der beiden Designer ein, „Unsere Kostüme sind in Comic-Manier angelegt, abstrakt und wenig historisch“. Man denke nur an das prächtige mit Swarowski-Kristallen über und über verzierte Blumenkostüm der Agathe, von dem die Interpretin Juliane Banse sagt: „Es ist, als wäre ich in eine Bonbonniere gefallen“.
Wahrscheinlich wird die Kritik nach der Premiere von einer „ironisch gebrochen-amerikanischen Sicht“ der deutschesten aller Opern sprechen. Der deutsche Wald wird auch das überleben.

©2009 Von Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 28-04-09
Letzte Änderung: 25-05-09


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