Auf ARTE, 24. September 2008 - 24/09/08
Der Klavierstimmer der Erdbeben
Ein surrealistisches, ebenso bedrückendes wie faszinierendes Drama der Brüder Quay im Zeichen der Musikalität.
von The Quay Brothers
(2005, Großbritannien/Deutschland, 99 Min)
Mit Amira Casar, Gottfried John, Assumpta Serra, Cesar Sarrachu…
Eine ARTE-Koproduktion
Inhalt: Der Neurologe und diabolische Tüftler Dr. Emmanuel Droz ist in einer leidenschaftlichen, jedoch unerwiderten Liebe zur schönen Opernsängerin Malvina van Stille entbrannt. Droz hat das Geheimnis der Wiederbelebung entdeckt und sieht nur einen Ausweg, um Malvina zu erobern: Er tötet sie und erweckt sie erneut zum Leben, allerdings als Untote in willenlosem Zustand. Droz bewohnt ein abgeschiedenes Anwesen am Ozean, die Villa Azucena. Den Lebensfluss in der Villa bestimmen seine Instrumente, auf rätselhafte Weise von den Gezeiten angetriebene Automaten. Um sie zu warten, engagiert Droz den Klavierstimmer Felisberto. Dabei lernt Felisberto auch die gefangene Malvina kennen, deren Zustand in irgendeiner Weise mit den Instrumenten zusammenhängt. Er verliebt sich in sie und beschließt, sie zu retten.
Kritik: Das surrealistische Handwerk der Quay Brothers sucht hier die Nähe zur Oper - einer Kunst ohne Vernunft par excellence. „Der Klavierstimmer der Erdbeben“ entstand zehn Jahre nach dem ersten abendfüllenden Film der britischen Regisseurs-Zwillinge, „Institut Benjamenta“. Vielleicht rührt die trügerisch einlullende Atmosphäre dieses skurrilen Films von der Nähe des Ozeans und dem Gleichmaß seiner Gezeiten.
Das Spiel mit Licht und Schatten, die „lebenden Bilder“ und der Operndekor aus Stuck und Pappmaché erinnern an zahlreiche filmische Referenzen - auch wenn es die kreativen Brüder Quay nicht nötig haben, sich mit fremden Federn zu schmücken. Man ist dennoch an „Der Rosenkönig“ und „Der Tod der Maria Malibran“ von Werner Schroeter, „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ und natürlich an „Die Insel des Dr. Moreau“ erinnert, auch an Jules Vernes „Karpatenschloss“ und Raymond Roussels „Locus Solus“. Aus all diesen Werken stammen die Zutaten für die Verirrungen des Dr. Droz, meisterhaft beunruhigend dargestellt von Gottfried John.
Die Porzellanschönheit der Schauspielerin Amira Casar passt perfekt zur Rolle der Malvina. Wie auch bei den anderen klassischen Referenzen (Droz als „verrückter Professor“ oder als Blaubart) gelingt es den Brüdern Quay, das Offensichtliche auf ein höheres, abstrakteres Niveau zu heben. Der – für sie eher unübliche - Einsatz von Animationssequenzen sowie von naturgetreuen Bauten veranlasste die Zwillinge dazu, nicht im eigenen, sondern in einem Leipziger Filmstudio zu drehen. Eine echte Revolution für die eher im Kleinformat heimischen Filmemacher, angepasst an den omnipotenten Schöpferwahn des Opernliebhabers Dr. Droz.
Julien Welter
Erstellt: 17-09-08
Letzte Änderung: 24-09-08