27/08/09
Der Koffer
Der Koffer - ein ständiger Begleiter in der jüdischen Leidensgeschichte. Die Holocaustüberlebenden, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrten, hatten ihn auf jeden Fall griffbereit. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte von Heimat und Exil und der Koffer war immer dabei.
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Der jüdische Hang zur Mobilität fing mit den Wanderungen der Urväter an. Abraham zog vom Ur am persischen Golf über Mesopotamien und Ägypten nach Kanaan. Seine Nachkommen sind im ganzen Nahen Osten unterwegs. Auf der Flucht in die Freiheit: Eine lange Wanderung ins gelobte Land. Später werden die Israeliten nach Babylonien vertrieben, ins Exil.
Auch nachdem viele ins Land Israel, wie sie es immer nannten, zurückkehrten, waren die Reisen nicht vorbei. Jüdische Händler agierten nun von Afrika über Jemen bis in den Orient. Mit den Römern gelangten Juden ins Rheinland bis Köln, nach Südfrankreich und Spanien.
Mit der Niederlage im Bar-Kochba Aufstand, der Zerstörung Jerusalems und Vertreibung aus Judäa im 1. Jahrhundert nach Christus, begann das, was Juden bis heute ihr Exil nennen: Das Leben in der Diaspora, also außerhalb Israels.
Begleitet von einer tragbaren Religion, die sich in Form von Schriften mitnehmen ließ, zogen Juden aus, um ihr Glück zu suchen. Schon im 12. Jahrhundert gab es Synagogen in China und in England, in Nordeuropa und in Marokko. Da die Juden ihre geistige Heimat mit sich trugen, konnten sie die sich bietenden Chancen schnell ergreifen. Es ging ihnen jedoch selten so gut, dass sie bleiben konnten. Das traf besonders auf das Europa der Kreuzzüge, der antijüdischen Ausschreitungen und der Massenvertreibungen zu. Juden waren oft unterwegs, ihre Heimat in der Tasche und ihr Herz ganz woanders. Wie der große jüdische Dichter Jehuda Halevi aus Spanien es formulierte: „Mein Herz ist im Osten (Jerusalem), mein Körper im äußersten Westen (Spanien)“.
Seit dem 19. Jahrhundert, als das Reisen mit Eisenbahn und Dampfschiff viel einfacher wurde, waren die Juden mobiler denn je. Chajim Weizmann, der spätere erste Präsident des Staates Israel, bezeichnete seinen Geburtsort in der weißrussischen Ebene als „kleine Inseln, verstreut in einem Ozean von Andersgläubigen“. Die „Shtetl“ waren dabei, sich aufzulösen. Wer konnte, ging. Den Abschied von der bekannten Welt begleiteten Koffer mit Hab und Gut, Trauer und Hoffnung. In den 30 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wanderten 2,4 Millionen Juden in die USA ein, davon über 2 Millionen aus dem russischen „Ansiedlungsrayon“. Auch dort angekommen lebten sie auf ihren Koffern, verbesserten sich langsam in größere Wohnungen, bis sie es sich leisten konnten, ein Zuhause für die mitgebrachte Heimat zu finden.
Auch in Europa hatten die Koffer eine Rolle zu spielen, auf der Flucht vor dem Naziregime, als Juden vergeblich Schutz suchten, in Holland, in Frankreich, in Russland. Volle Koffer hatten auch diejenigen, die es schafften, nach England, Spanien, Palästina oder in kleinen Kontingenten woanders hin. Sie alle haben ihren Besitz hinter sich gelassen und nur das wertvollste und wichtigste in ihre Koffer gepackt. Oft waren es Bücher, Werke der Literatur und der Wissenschaft. Photoalben, Erinnerungsstücke und ein paar Kleider. Als die Gestapo dann kam und die Juden abholte, durfte jeder nur einen Koffer mitnehmen.
Aber aus den Koffern derjenigen, die flüchten oder sich verstecken konnten und die Hölle überlebten, entsprang wieder Leben. Ein Aufbruch mit der Hoffnung auf eine bessere Welt: In den USA in Gleichheit, in Palästina und ab 1948 in Israel in Unabhängigkeit, in Südamerika, Australien, Afrika in Freiheit. Bücher, die Religionsschriften, die Erinnerungsstücke wurden aus den Koffern gepackt heraus und gründeten, wie immer, ein neues Leben, ein neues Zuhause.
von Allon Sander
Erstellt: 01-03-07
Letzte Änderung: 27-08-09