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01/12/04

Der Liebhaber

Eine Amour Fou in Saigon


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Synopsis: Saigon, Ende der 20er Jahre. Sie, eine knapp 16-jährige Französin, reist zurück ins Internat, nachdem sie ihre Sommerferien bei ihrer zerrütteten Familie verbracht hat. Auf der Fähre über den Mekong begegnet sie ihm zum ersten Mal. Er ist ein wohlhabender Chinese, doppelt so alt wie sie. Entgegen aller Vernunft beginnen sie eine leidenschaftliche Affäre miteinander, doch diese ist von der Gesellschaft absolut untragbar.

Der Kommentar zum Film: Der Film erzählt sich als Rückblende aus der Sicht der Autorin Marguerite Duras. Eine weiche, erwachsene Erzählerinnenstimme beginnt: „Ich war 15 ½... Eine Fähre überquert den Mekong“. Ein junges Mädchen (Jane March) steht in einem leichten, hellen, untailliert geschnittenen Sommerkleid, das von einem großen Gürtel um die Hüfte gehalten wird. Sie trägt mit kleinen Strassperlen besetzte Schuhe mit Absatz, in denen sie sich noch ein wenig ungeschickt bewegt. Unter einem Männerhut baumeln ihre schwarzen Zöpfe hinab. Geschäftiges Treiben auf der Fähre, Schweine quieken, Menschen laufen rufend hin und her. Er sieht sie durch das Fenster seiner Limousine. Steigt aus, bietet ihr eine Zigarette an. So kommen sie ins Gespräch.

Vom ersten Augenblick an bestimmt das Bild das Geschehen. Mit einer großen Sensibilität fürs Detail fängt der hervorragende Kameramann Robert Fraisse die langsame Annäherung der beiden ein. Die Körpersprache der Schauspieler spielt dabei eine große Rolle. Die Art, wie das Mädchen ein Bein auf die Reeling stellt, und erwartungsvoll auf den Fluß hinaussieht, wirkt wie die Eröffnung eines Spiels. Für sie ist es anfangs auch ein Spiel. Keine Liebe. Als sie beide zum ersten Mal in seinem Zimmer sind, sagt er zu ihr: „Ich habe Angst... Sie zu lieben.“ „Mir wäre es lieber, wenn Sie mich nicht lieben“, erwidert sie. „Ich möchte, dass sie das tun, was sie sonst mit Frauen tun.“

Regisseur Jean-Jacques Annaud konzentriert sich bei der Erzählung seines Films stark auf die Körperlichkeit der beiden Liebenden, die er fortan ausgiebig in Szene setzt. „Er beherrscht die Liebe wie einen Beruf“, weiß die Stimme, und dennoch ist es dem Paar bewußt, daß sie einander besser nicht lieben sollten. Jean- Jacques Annaud gelingt es, die Szenen so einzufangen, als wären es die Erinnerungen einer Frau, die an die größte und glücklichste Liebe ihres Lebens zurückdenkt – und zugleich ist es eine unglückliche Liebe.

Kameramann Robert Fraisse komponiert jede einzelne Einstellung mit Hingabe. Die Panoramaaufnahmen Saigons und des Mekongs sind hinreißend wie Gemälde. Die Ausstattung von Than At Hoang zaubert eine Atmosphäre, die das exotische Flair der Kolonialstadt spürbar macht. Die zahlreichen Liebesszenen mögen manchen Zuschauer sicherlich unterfordern. Annaud hat aus Duras bekanntestem Buch nicht gerade einen intellektuellen Film gedreht. Aber es ist ihm gelungen, das Gefühl einer ersten leidenschaftlichen - aber verbotenen - Liebe einzufangen.



Das Bonusmaterial: Der französische Trailer der DVD führt in die Irre. Er konzentriert sich fast ausschließlich auf den Körper des Mädchens. In der einen Minute die er dauert, erweckt er den Eindruck schwülstiger Sinnlichkeit, gepaart mit exotischen Aufnahmen Vietnams und des Mekongs. Der Liebhaber selbst wird dabei kein einziges Mal gezeigt. Dieser mißlungene Trailer wird sicher nicht das Publikum anziehen, das der Film verdient hätte.

Das eine knappe Stunde dauernde Making Of dagegen ist eine eindeutige Bereicherung für jeden Käufer der DVD. Es zeigt, was für eines ungeheuerlichen Aufwands es bedarf, einen Film zu realisieren, der im Saigon der 30er Jahre spielt. Einer der ersten Sätze der Erzählerinnenstimme lautet: „Eine Fähre überquert den Mekong.“ Das liest sich in zwei Sekunden, im Film dauert die ganze Sequenz ungefähr zehn Minuten. Doch die Vorbereitung dies zu drehen sind höchst umfangreich und kompliziert. Der Locationscout sucht einen Ort, an dem das Mekongufer noch nicht mit Häusern zugebaut wurde. Eine Fähre wie die aus den 20ern wird gebaut, ebenso ein Bus. Um eine schwarze, herrschaftliche Limousine zu finden, reist ein Mitarbeiter der Filmcrew um die halbe Welt, das passende Fahrzeug entdeckt er in Seattle. Dieses wird nach Paris geflogen, und dort in ein kleines Filmstudio umgebaut – schließlich spielt die erste Szenen, in der das Mädchen ihren Liebhaber kennen lernt in eben dieser Limousine.

Das richtige Mädchen zu finden, ist ebenfalls eine Herausforderung. Sieben Castingregisseure suchen unter 7000 Mädchen die passende Hauptdarstellerin. Die meisten von ihnen haben sich auf eine Zeitungssuchanzeige gemeldet, doch schauspielerisches Talent haben wenige. Schließlich findet Jean-Jacques Annaud ‚sein’ Mädchen, und erkennt es sofort. Sie hat, wie er sagt „das gewisse Etwas“, die richtige Ausstrahlung und diesen unverkennbaren bewußten Blick. Überrascht stellt er fest, dass sie dem Foto der damals gleichaltrigen Marguerite Duras extrem ähnelt.

Schade ist es, daß kein Interview mit Marguerite Duras auf den Bonus Tracks zu finden ist, immerhin handelt es sich ja nach ihren Angaben um ihre autobiografische Geschichte. Viele der Orte, an denen sie damals lebte, existieren immer noch – kaum verändert. Über Jean-Jacques Annaud dagegen, dem Regisseur bekannter Filme wie etwa DER NAME DER ROSE erfahren wir viel, etwa, daß er es liebt, „neue Orte zu entdecken“, und daß er vor jedem Dreh sein Team tagelang mit Details über den geplanten Film aufklärt. Neben diesem sehr informativen Making Of ist auf der DVD noch eine Trailershow mit neun Titeln zu finden, u.a. mit Jean-Jacques Annauds DER BÄR, dem neuen Film von Almodovar LA MALA EDUCACIÓN – SCHLECHTE ERZIEHUNG und MONSIEUR IBRAHIM UND DIE BLUMEN DES KORAN.

Nana A.T. Rebhan


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Der Liebhaber
Frankreich/ Großbritannien 1991, 110 Min.
Regie: Jean-Jacques Annaud
Mit Jane March, Tony Leung Ka Fai, Frederique Meininger, Arnaud Giovaninetti

DVD
Sprachen: deutsch, englisch
Deutsche Untertitel
Extras:
-Trailer
-Making Of
-Trailershow

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 01-12-04