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ARTE & Frankfurter Buchmesse - 11/10/06

Der Literarische Club

Vier Bücher – vier Meinungen

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Das stellten Sigrid Löffler (Literaturen), Matthias Schreiber (Der Spiegel), Hubert Spiegel (FAZ) und Moderator Wilfried Schoeller (PEN) bei der Aufzeichnung des Literarischen Clubs am 7.10.2006 einmal mehr unter Beweis. Vier Bücher hatten sie sich unter den 80 000 Neuerscheinungen ausgewählt, hier einige Meinungssplitter:


  • Kiran Nagarkar: Gottes Kleine Krieger

Sigrid Löffler: Der  meist diskutierte Roman auf dieser Buchmesse: eine Studie über Terrorismus, die zeigt, wie jede Religion potenziell pervertiert werden kann

Hubert Spiegel: Eine Erzählung von hoher Qualität, ein glänzender Autor

Matthias Schreiber: Sehr farbig entwickelte Szenen, aber auch zu sehr eine pädagogische Konstruktion zur Bewältigung eines Problems dieser Zeit. Mir ist ein bisschen unbehaglich. Gleich auf den ersten 20 Seiten rieche ich schon den Braten. Hier wächst ein Terrorist heran!


  • Botho Strauss: Mikado

Hubert Spiegel: In Anknüpfung an die Kalendergeschichten, die wir von Kleist und Johann Peter Hebel kennen, erzählt Botho Strauss unerhörte Begebenheiten von maximal zehn, elf Seiten. Besonders reizvoll: die Verschiebung von Realitäten. Die Sprache ist gewählt, wechselt aber geschickt die Register.

Matthias Schreiber: Manches ist lachhaft und ärgerlich formuliert, so wenn Botho Strauß in die Gensprache  einzudringen versucht und von „quantenerotischen Bausteinen“ spricht.

Wilfried Schoeller: Seitenarm, aber sentenzenreich!

Sigrid Löffler: Diese Kalendergeschichten sind merkwürdige Fragmente der Undeutlichkeit. Viele Geschichten sind auf mechanische Weise verrätselt, aber sie haben kein Geheimnis


  • Leane Dirks: Falsche Himmel

Matthias Schreiber: Die Icherzählerin schreibt Tagebuch in einer Endzeitstimmung: draußen herrschen apokalyptische Temperaturen, Autos dürfen nicht mehr fahren, eine Umweltkatastrophe steht kurz bevor. Es ist die Momentaufnahme einer Stimmung, die mit ihrer Prosalyrik und ihren bizarren Gestalten fast eine Wiederauflage des Beckett’schen Endspiels ist.

Sigrid Löffler: Eine negative Utopie kann nur funktionieren, wenn sie präzise ist, so dass wir uns die apokalyptische Welt vorstellen können. In dieser Beziehung macht es sich Leane Dirks zu einfach. Ich erwarte eine präzise Imagination.

Wilfried Schoeller: Alle bisherigen Motive in ihren Büchern haben sich in diesem Roman zusammengefunden. Es ist ein geordneter Abschied von ihrer bisherigen Literatur.

Hubert Spiegel: Es wird viel in das Buch „geheimnist“, was ich gar nicht wissen will


  • Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg

Wilfried Schoeller: Ein Buch des Eigensinns abseits von allen Moden. Ein Roman, der zugleich ein Versepos ist, über zwei Brüder aus Irland, die einen noch namenlosen Berg im Himalaya besteigen und karthographieren wollen.

Sigrid Löffler: In der Schwebe bleibt der Berg auch durch die Erzählform, die etwas Mythisches hat.

Matthias Schreiber: Ein wirklich faszinierendes Buch. Hier stimmen die Bilder im Gegensatz zu Botho Strauss. Grandios ist das erste Kapitel mit seinem Spannungsbogen zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod. Über das ganze Buch hinweg kann er nicht gehalten werden, aber das tut dem Roman keinen Abbruch. Ransmayr ist ein grandioser Mystiker und Sänger des Lebens.

Hubert Spiegel: Ransmayrs Roman ist ein Beweis, das wir nicht abgeschnitten sind von den mündlichen Wurzeln der Literatur, der Zeilenfall ist kein Lesehemmnis.

Zusammengestellt von Angelika Schindler

Rezension zu Ransmayers neuen Roman in unseren Buchtipps

Erstellt: 08-10-06
Letzte Änderung: 11-10-06