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11/12/07

Der Mantel- und Degenfilm in Frankreich und den USA

„Die schwarze Tulpe“ und „Scaramouche“ sind Glanzstücke ihres Genres. Zwei Filme, die jeder auf seine Weise im beschwingten Stil des Mantel- und Degenfilms gedreht wurden: der eine im legendären, heute verlassenen Studio der Metro Goldwyn Mayer, der andere unter freiem Himmel im südfranzösischen Roussillon.

„Die schwarze Tulpe“ von Christian Jacques (1964)
„Scaramouche, der galante Marquis“ von George Sidney (1952)

Beide Geschichten spielen am Vorabend der französischen Revolution und verspotten die Kurzsichtigkeit des Adels, der die bevorstehenden Veränderungen nicht wahr haben will, die Verblendung der Revolutionäre, die sich vom Geist Rousseaus und den Dogmen der Aufklärung mitreißen lassen, und den Egoismus einiger hedonistischer Abenteurer, die sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie kämpfen wollen (in „Die schwarze Tulpe“ Guillaume de Saint-Preux, gespielt von Alain Delon, und in „Scaramouche“ der nicht minder verführerische André Moreau, der von Stewart Granger verkörpert wird). Doch hier hören die Ähnlichkeiten auch schon auf. „Die schwarze Tulpe“ beeindruckt nicht so sehr durch die Mitwirkung Alain Delons, der übrigens zugab, sich in komischen oder parodistischen Rollen nicht sehr wohl zu fühlen (seinen eigenen Worten zufolge war sein schlimmster Part der des Priesters in der absurden Komödie „Doucement les basses“ von Jacques Deray aus dem Jahr 1970). Doch Delon wollte sich einmal mehr mit Jean-Paul Belmondo messen, und zwar auf dessen ureigenem Gebiet. Der Erfolg des Films „Cartouche, der Bandit“ von Philippe de Broca (1963) war ihm nicht entgangen. Also leistete Delon auf sehr professionelle Weise einen Beitrag zur Mode des Mantel- und Degenfilms, einem Genre voller Witz und Ironie für das breite Publikum. Aber es scheint Alain Delon nur mäßig zu gefallen, dass er nicht nur den furchtlosen maskierten Rächer Guillaume de Saint-Preux spielen muss, sondern auch dessen Zwillingsbruder, einen unscheinbaren Einfaltspinsel, der sich für Guillaume ausgeben soll und noch nicht einmal in der Lage ist, ein Pferd namens „Voltaire“ zu reiten.

Wenn der Film berühmt geworden ist, so nicht zuletzt dank der Dialoge von Henri Jeanson und dank seines ausgesprochen französischen Flairs, obwohl er ganz à la Hollywood im Scope-Format gedreht wurde und die Duelle im Dämmerlicht sehr amerikanisch angehaucht sind. Hübsche Schankwirtinnen mit großzügiger (und großzügig zur Schau gestellter) Oberweite, Francis Blanche in der Rolle eines Großmauls und die Ironie der machohaften Repliken des jungen Delon (die den nicht mehr ironischen Repliken des heutigen Delon erstaunlich ähneln!) ... All das hat nichts mit den Produkten von MGM oder 20th Century Fox zu tun, sondern nimmt eher den überspitzten, schelmenhaften Ton der Spaghettiwestern vorweg, die kurz darauf in Europa Furore machen.

Auch in „Scaramouche“ geht es um Hochstapelei: André Moreau hat allerdings keinen Zwillingsbruder, sondern gibt sich für einen Schauspieler namens Scaramouche aus. Abends steht er auf der Bühne, tags übt er sich im Fechten, um einen Freund zu rächen, der von einem streitlustigen Adeligen umgebracht wurde (dem Marquis de Mayne, gespielt von Mel Ferrer, von dem es immer hieß, er spiele am besten Bösewichter). Der glanzvolle, sportliche Mantel- und Degenfilm hat etwas Spielerisches. Was liegt da näher, als dass der Held sich hinter der Maske eines Schauspielers verbirgt? „Scaramouche“ beruht auf einem Roman von Rafael Sabatini, der auch der „italienische Dumas“ genannt wird. Sabatini ist ebenfalls der Autor des Piratenromans „Captain Blood“, der in Hollywood mit Errol Flynn in der Hauptrolle verfilmt wurde (deutscher Titel: „Unter Piratenflagge“). „Scaramouche“ ist ein Paradebeispiel für das internationale Genre des Mantel- und Degenfilms, das vor allem durch seinen eleganten, flüssigen Stil besticht. Dieser Filmtypus fand mühelos Eingang in die kalifornischen Studios, deren große Filmemacher ihren Stoff oft sehr sorgfältig recherchierten, auch wenn sie letztlich wenig Wert auf historische Exaktheit legten – sehr zum Leidweisen mancher Zuschauer und Kritiker (Marie-Antoinette zum Beispiel wird in „Scaramouche“ als intelligente und verantwortungsbewusste Frau dargestellt).

„Scaramouche“ verkörpert die Perfektion der Traumfabrik Hollywood und der Metro Goldwyn Mayer, die auf Technicolor und Musicals spezialisiert war, während Firmen wie Warner Bros. sich mehr auf den „Film noir“ verlegt hatten. Die Musical-Erfahrung kommt den Abenteuerfilmen zugute und lässt sie grafisch und choreographiert wirken. George Sidney ist auch der Regisseur von „Tolle Nächte in Las Vegas“ mit Elvis Presley und einer Version der „Drei Musketiere“ mit Tanzstar Gene Kelly. Er wollte aus „Scaramouche“ zunächst ein Musical machen, gab dieses Vorhaben dann aber auf und setzte stattdessen auf die Unverfrorenheit von Stewart Granger (der kurz zuvor mit „Im Schatten der Krone“ und „König Salomons Diamanten“ zwei Erfolge gefeiert hatte), die selbstsichere Eleonor Parker, die ewig zerbrechliche Janet Leigh (bevor sie von Hitchcock in „Psycho“ geopfert wurde) und die Ausstrahlung von Mel Ferrer. Eine ideale Besetzung.

In der Welt der Perücken und Taftkleider gehören Bluff und Schwindel einfach dazu, und in „Scaramouche“ wird das Spiel mit dem falschen Schein auf die Spitze getrieben: André Moreau, der falsche Scaramouche und Abenteurer auf der Suche nach einer Identität und nach Idealen, entdeckt, dass ausgerechnet der Mörder seines Adoptivbruders sein leiblicher Bruder ist! Die Wahrheit zu ergründen und herauszufinden, wer er wirklich ist, fällt Moreau umso schwerer, als im Vorfeld der Französischen Revolution so manche Gewissheit ins Wanken gerät. Es ist gewiss kein Zufall, dass es schließlich in einem Theatersaal zum Duell zwischen den beiden Rivalen kommt – sozusagen Theater im Film, ein wahres Bravourstück. Der Ablauf des Geschehens ist dagegen sehr klar und ausgezeichnet geschnitten. In dieser Schlussszene kann der Zuschauer in ausgesprochen ästhetischen Weiteinstellungen die geschickte Beinarbeit der Duellanten bewundern. Tänzerische Eleganz, clevere Winkelzüge: Hier sind wir meilenweit von den Wirtshäusern Südfrankreichs und von Henri Jeansons Bonmots entfernt. Das ist Hollywood!

Julien Welter

Erstellt: 11-12-07
Letzte Änderung: 11-12-07