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09. August, 2009 um 20.15 Uhr - 20/08/09

Der Marschall

Ein Film von Henry Hathaway


Für seine Interpretation des raubeinigen Marshalls Rooster Cogburn wurde John Wayne mit dem einzigen Oscar seiner Laufbahn ausgezeichnet.

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Als John Wayne 1970 für die Titelrolle in „Der Marshal“ aus den Händen der Vorjahressiegerin Barbara Streisand den Oscar als bester Hauptdarsteller entgegennahm, verdrückte er sogar eine Träne. In der Presse war zu lesen, Wayne kämpfe ohnehin nicht um Oscarstatuen, sondern darum, überfallene Postkutschen wohlbehalten und pünktlich ins Ziel zu bringen. Der über 60-Jährige fasste es so zusammen: „In meinem Alter spielt so ein Oscar kaum noch eine Rolle. Der Abend war einer der schönsten meines Lebens, aber deshalb höre ich noch lange nicht mit dem Filmemachen auf, wie das mancher hoffen mag!“
Doch Wayne, in den USA auch unter dem Spitznamen „Duke“ (nach einem Hund, den er als Kind besessen hatte) bekannt, hatte sich durchaus verändert. Nach seiner Co-Regie in „Die grünen Teufel“ (1968), einem konservativen Opus über das amerikanische Eingreifen in Vietnam, das auf breite Ablehnung stieß, strebte Wayne nach Harmonie und Publikumsakzeptanz. Von 40 Jahren Filmkarriere und einer immer wieder aufflammenden Krebserkrankung (er war Kettenraucher) verschlissen, bevorzugte er nunmehr Rollen, in denen er altersweise, patriarchalische Gestalten verkörperte. Angeblich soll sich Charles Portis, der Autor der Filmvorlage („Die mutige Mattie“), beim Entwerfen der Hauptgestalt direkt an Wayne inspiriert haben. Wayne soll selbst mit dem Gedanken gespielt haben, die Filmrechte zu erwerben, bevor ihn ein meistbietender Produzent ausstach und ihm anschließend die Rolle anbot. Der über 70-jährige Regisseur Henry Hathaway kannte Waynes Potenzial von früheren Dreharbeiten her: „Wir haben Wayne nie in der Rolle des Schönlings oder des Mystikers auf der Leinwand gesehen, aber man täte ihm unrecht, ihn auf die Rolle des Schießwütigen zu reduzieren. Wayne verkörpert vielmehr die Unerbittlichkeit und Zähigkeit des Wilden Westens. Er räumt seine Gegner nicht einfach aus dem Weg, sondern beweist seine Überlegenheit. Durch die Ablehnung ‚legendärer Rollen’ ist er selbst Legende geworden.“

Unter Hathaways Regie zeigt Wayne als einäugiger Sheriff und Trunkenbold, der den Whisky gleich aus dem Krug in sich hineinlaufen lässt und anschließend im Ladenkabuff seines chinesischen Freundes ausnüchtert, schauspielerische Höchstleistung. Ausgerechnet ihn, den versoffenen Raufbold Marshal Cogburn, bittet die junge Mattie, den Mörder ihres Vaters zu fangen. Der von seiner Frau betrogene und von seinem Sohn verachtete Cogburn gibt sich als Frauenfeind. Doch unter der rauen Schale sehnt er sich nach Liebe und Zärtlichkeit. Zunächst sträubt er sich, den 100-Dollar-Auftrag anzunehmen, stellt dann aber seinen grenzenlosen Mut unter Beweis, nicht zuletzt im denkwürdigen Showdown auf der laubübersäten Prärie unter Weiden und Ahornbäumen – eine Westernkulisse, die den letzten Abschnitt von Waynes Filmkarriere einleitete.

Der Film wurde in den Wäldern und Bergen Colorados gedreht. Cogburns und Matties Reise durch das Land bietet dem Regisseur Gelegenheit, die traditionelle Bilderwelt des Westerns zu zelebrieren. In einem Atemzug wechselt der Film zwischen Komödie und brutalem Gangsterfilm. Die Sympathie mit dem einäugigen Sheriff durchzieht das gesamte Werk. In seinem Essai „Politique des acteurs“ merkt Luc Moullet zu John Wayne an, der Schauspieler habe bereits mit 39 alte Haudegen dargestellt (in Howard Hawks’ Klassiker „Panik am roten Fluss“ spielte er mit grau gefärbtem Haar). Die Gestalt des einäugigen Marshalls mit dem Colt in der einen, der Winchester in der anderen Hand und dem Zügel zwischen den Zähnen kam beim Publikum so gut an, dass Wayne 1975 zusammen mit Katharine Hepburn den Fortsetzungsfilm „Mit Pulverdampf und frommen Sprüchen (DVD-Titel: „Mit Dynamit und frommen Sprüchen“) drehte.

Gleich nach der Oscarverleihung kehrte John Wayne an das Set von „Rio Lobo“ unter der Regie von Howard Hawks zurück. Dort wartete eine kleine Überraschung auf ihn: Alle Mitglieder des Drehteams, selbst das Pferd des Duke, trugen wie der Marshal Augenklappen. Selbst Waynes ärgste Gegner konnten sich einer gewissen Sympathie für ihn nicht erwehren. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit der Vietnamkriegsgegnerin Jane Fonda frotzelte diese, als er sich neben sie setzte: „Ich wundere mich nicht, Sie an meiner Rechten zu finden.“ Schlagfertig antworte Wayne: „Und ich fühle mich wohl dabei!“
Bei einem Schusswechsel in „Der Marshal“ transportiert Marshal Cogburn auf seinem Pferd die Leiche eines üppig gelockten Schurken alias Dennis Hopper, der gerade „Easy Rider“ gedreht hatte, ein Loblied auf die amerikanischen Outsider. Anscheinend hatte Henry Hathaways Castingleiter visionäre Fähigkeiten!


Julien Welter
 

Quellenverzeichnis:

  • „John Wayne“ von Philippe J.P. Ferrari (Solar, 1980)
  • „John Wayne: un homme une légende“ von Christian Dureau (Dualpha, 2001)

Der Marshal
Dienstag 25. August 2009 um 15.10 Uhr
Keine Wiederholungen
(Usa, 1969, 128mn)
ARTE F

Erstellt: 26-06-09
Letzte Änderung: 20-08-09