Regie: Lucrecia Martel
mit Graciela Borges, Mercedes Morán, Martin Adjemian

LA CIENAGA "DER MORAST" beginnt mit einem extrem schwülen Sommertag. Die Luft ist zum Schneiden heiß, jede Bewegung ist mühsam und überflüssig. Einige Erwachsene sitzen auf Liegestühlen um einen Pool, der seine besten Tage schon lange hinter sich hat. Im Haus liegen die Kinder zu mehreren auf Betten, dösen vor sich hin oder langweilen sich. Jeder Moment wird zur Ewigkeit und in der Ferne ist ein grollendes Gewitter hörbar, das langsam, ganz langsam heranrollt. Mecha, eine der Frauen mit schwarzer Sonnenbrille steht auf, um die leeren Weingläser der anderen einzusammeln. Das alles wird fast ausschließlich in Close Ups erzählt, mit wackelnder Handkamera. Mecha fällt. Schlägt hin. Bleibt liegen. Ihre Kinder werden wach, tragen sie ins Auto und fahren sie in ein Krankenhaus. Die Erwachsenen sind zu betrunken dazu, sie registrieren kaum was passiert ist. Das ist die Anfangsszene des Debutfilms der Argentinierin Lucrecia Martel. LA CIÉNAGA ist so eigenwillig, daß er sich jeder Erzählstruktur widersetzt. Dennoch hat er eine Geschichte zu erzählen: die ungefähr 50-jährige Mecha (Graciela Borges) verbringt den Sommer mit ihrer Großfamilie in einer Sumpflandschaft im Nordosten Argentiniens. Jedes Familienmitglied wirkt wie in einem seltsamen Ritual gefangen - ein der Familie eigenes Ritual - das jeden einzelnen dazu bringt, sich oder den anderen äußere wie innere Wunden beizubringen. Immer in der Hoffnung, die Zeit möge die Dinge ändern, und die ewige Wiederholung der Geschichte möge ein Ende finden. Es gibt kaum ein Bild, in dem eine Figur alleine zu sehen ist, immer setzt sich die Familie wie ein Tableau zusammen, ergänzt durch vier Hunde und eine weitere verwandte Großfamilie. Als wäre es Auflösung wenn ein Mensch vereinzelt ist. Besonders auffällig ist auch die Tonebene, die atmosphärische Geräusche des Sommers (Gewitterrollen, Grillen, Wind, Laub) sehr bevorzugt behandelt und sie dadurch fast spürbar macht. Ein seltsamer und wunderbarer Film, dessen viele kleine Augenblicke noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Nana Rebhan
LA CIENAGA ist ein Film, in dem Feuchtigkeit eine große Rolle spielt. Schauplatz ist der Nordwesten Argentiniens in einem besonders schwülen Februar. Auch die Körper der Protagonisten sind feucht von dem schweißtreibenden, drückenden Klima, das ihnen die Lebenskraft raubt und sie zum Nichtstun verurteilt. Lucrecia Martel gelingt es meisterhaft, die bleierne Müdigkeit der Figuren zum Ausdruck zu bringen. Schlafen, sich hinlegen, duschen - das sind die wesentlichen Beschäftigungen der beiden Familien, die sich im Film eine von Unordnung und Verrottung geprägte Villa teilen. Hinter harmlosen Alltagsgesten verspürt man eine enorme Lebensangst, als stehe das Land unmittelbar vom vor dem Untergang. Mecha, die alkoholkranke Mutter, bricht am Schwimmbad zusammen, José, ihr Ältester, wird verprügelt, und die Geschichte endet mit einem tragischen Tod. Die Erzählweise entspricht keinem klassischen Muster, sondern beschränkt sich auf die Vermittlung von Eindrücken. So werden die inzestuösen Wünsche, das einäugige Kind, die Rassentrennung und die Riesenratten von der Regisseurin nur angedeutet, aber nicht voll ausgestaltet. Daher ist es wenig verwunderlich, dass man die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den zahlreichen Familienmitgliedern (ein gutes Dutzend) nur schwer herzustellen vermag; die Personen wirken wie gleichgewichtig nebeneinandergestellt. Diese Undurchsichtigkeit verstärkt noch die merkwürdig dunkle und melancholische Poesie von La Cienaga. Den traurigen Beweis für den pessimistischen Unterton liefert die Rolle, die dem Fernsehen als einziger Hoffnung auf eine neue, bessere Welt beigemessen wird. Durch die TV-Werbung angeregt, schafft sich Mecha einen neuen Kühlschrank an, der ihr den Weg bis in die Küche erspart. Im Fernsehen sieht sie auch die immer wiederkehrenden Bilder von armen Seelen, die berichten, dass ihnen ganz in der Nähe wiederholt die Heilige Jungfrau erschienen sei. Nach dem Film bricht Mechas Tochter auf, um sich vor Ort mit eigenen Augen von den Behauptungen der Dorfbewohner zu überzeugen. Natürlich vergebens ...
Yann Gonzalez






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