Schriftgröße: + -
Home > Ureinwohner > Mythos der Schrumpfköpfe

12.02.06 Themenabend "Zwischen Urwaldhölle und Menschenzoo" - 13/02/06

Der Mythos der unbesiegbaren Kopfjäger

In zahlreichen Kulturen gilt der menschliche Kopf als Trophäe. Auf allen Kontinenten entwickelten sich Zivilisationen, die vom Ritual der Enthauptung derart fasziniert waren, dass sie es mitunter institutionalisierten: Kopfjäger auf Borneo, skalpjagende Indianer in Nordamerika, der Einsatz der Guillotine während der französischen Revolution. Schrumpfköpfe sind der wohl markanteste Ausdruck dieser Faszination, die so die Überlieferung, im Krieg der Indianer gegen die spanischen Eroberer zusätzliche Nahrung fand.

Weitere Artikel zum Thema

Die Tradition der Schrumpfköpfe

Bevor die Conquistadores den südamerikanischen Kontinent eroberten, war es bei den Jibaro-Indianern Tradition, die Köpfe getöteter Feinde zu schrumpfen. Diese Form der Gewalt beschränkte sich zunächst auf Angehörige des eigenen Volkes. Gelegentlich wurde sie jedoch auch auf Angehörige anderer Völker wie z. B. die Zaparos ausgedehnt. Ursprünglich war das Schrumpfen der Köpfe bei den Indianern ein spiritueller Akt, der einem unveränderlichen Ritual folgte. Zunächst wurden die Schädelknochen entfernt, anschließend die verbliebene Hauthülle mit dem Skalp immer wieder gekocht und getrocknet, bis sie auf Apfelgröße geschrumpft war. Die geschrumpfte Kopfhaut zog man auf eine Holzkugel, anschließend wurden die Gesichtszüge nachgestaltet. Um zu verhindern, dass die Rachegeister des Toten austreten konnten, wurden der Mund, die Nasenlöcher und die Lider vernäht oder mit Pflöcken verschlossen. Im Glauben dieser Naturvölker ging damit die Lebenskraft des Getöteten auf den Besitzer über.


Der Krieg gegen die spanischen Eroberer

Da sie als Kopfjäger im ständigen Krieg mit anderen Stämmen lebten, waren die Indianer mit den modernen Guerillatechniken bestens vertraut. Sie wurden berühmt als grausame, unerbittliche, kampferprobte Krieger, die den Conquistadores mit viel Geschick Fallen im Urwald stellten. Übertreibungen taten ihr übriges, so dass schließlich der Legende nach der Zugang zum Stammesgebiet der Shuar von geschrumpften Köpfen spanischer Soldaten gesäumt gewesen sein soll. Fakt ist, dass der fünfzig Jahre währende Krieg zwischen indianischen Ureinwohnern und spanischen Eroberern mehrere zehntausend spanische Soldaten das Leben kostete, wohingegen die Shuar weitaus weniger Tote zu beklagen hatten… Für die vom entschlossenen Widerstand der Indianer traumatisierten Spanier wurden die Tsantsa zum grauenvollsten Symbol des Siegs der Wilden über die Zivilisation.

Indirekt verdanken es die Shuar also ihren Tsantsa, dass sie die spanischen Eroberer in die Flucht schlagen konnten und in der Folge drei Jahrhunderte lang unbehelligt blieben. Der Mythos vom unbesiegbaren Kopfjäger war geboren.


(Auszug aus "Indiens Jivaros – Histoire d'une mort programmé"
von Jean-Patrick Costa; © Editions du Rocher 1997
>> Weitere Infos in der Rubrik Bibliographie)

.........................................



Video (Real Player; 21")
"Warum brachten die Leute sich gegenseitig um? Es diente der Gerechtigkeit. Wenn jemand einen unserer Brüder tötete, musste er gerächt werden. Fiel auf der einen Seite ein Kopf, passierte auf der anderen das Gleiche. So sorgte man für Gerechtigkeit unter den Stämmen." (Angel Utitiaj)


"Die Alten, die echten Shuar, die mit Lendenschurz und Federkranz gestorben sind, hätten sich nie geschämt, darüber zu reden. Doch sie waren zur Diskretion angehalten und durften niemandem etwas erzählen, solange derjenige, der getötet hatte, noch am Leben war. Anderenfalls hätten sie ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht. Sie wussten: wenn sie etwas erzählen, und jemand hört es, dann könnte er es der Familie des Toten weitererzählen. Und das hätte schwerwiegende Folgen gehabt. Nach dem Motto: “Dieser Mann hat ein Mitglied meiner Familie getötet und ist noch am Leben?” Da konnte großer Schaden entstehen. Also waren die Alten sehr vorsichtig."

.............................
Photos und Illustrationen : (c) Association Arutam

Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 13-02-06