Im so genannten Pfarrerblock des Konzent- rationslagers Dachau sind Geistliche aus ganz Europa inhaftiert. Einer von ihnen ist der luxemburgische Priester Henri Kremer, im KZ wegen seines Widerstandes gegen das Naziregime. Hilflos muss er mit anse- hen, wie Mithäftlinge grausam ermordet, ja sogar gekreuzigt werden. Im Januar 1942 wird Kremer unerwartet ein neuntägiger Urlaub gewährt - doch dieser ist an eine furchtbare Bedingung geknüpft: Sollte er nicht ins Lager zurückkehren, werden seine sämtlichen Mithäftlinge aus dem Pfarrer- block exekutiert. Daheim in Luxemburg muss er sich täglich bei Untersturmführer Gebhardt melden. Der macht ihm ein schreckliches Angebot: Er verspricht Kremer die Freiheit, wenn er den passiven Widerstand des luxemburgischen Bischofs bricht und ihn zur Unterstützung von Hitlers Kirchenpolitik bewegt. Sollte Kremer stattdessen fliehen, brächte er nicht nur das Leben seiner Leidensgenossen sondern auch das seiner Familie in Gefahr. Hin- und her gerissen zwischen den grausamen Erinnerungen an das Leben im KZ und seinem festen Glauben an Gott, gerät Kremer in einen schier unerträglichen Gewissenskonflikt. Der junge Karrierist Gebhardt, selbst geweihter Diakon, benutzt seine religiösen Kenntnisse und Überzeugungen als Waffe im Intrigenspiel um Kremer, in dem er die Rolle des Versuchers übernimmt, der Kremer zum Verrat anstiften will. Schließlich hält der Abbé dem Drängen Gebhardts stand und kehrt ins Lager zurück.Gewissen, Glaube, Verrat und Schuld
Volker Schlöndorff ist mit "Der neunte Tag" ein eindringliches, bildmächtiges wie spannendes Werk gelungen, welches in einer überzeugenden Ästhetik das Grauen eines verbreche- rischen Systems widerspiegelt, ohne dabei die gegenwärtigen Adressaten aus den Augen zu verlieren. Exemplarisch thema- tisiert der Film die Haltung der katholischen Kirche zum National- sozialismus und stellt auf diese Weise die noch immer gültige Frage nach Gewissen, Glauben, Verrat und Schuld. Dabei verzichtet Schlöndorff auf Gut-Böse-Klischees, denn auch Gebhardt ist eine gebrochene Figur. Er wird so zum glaubwürdigen Gegenspieler Kremers.Das Drehbuch Andreas Pflügers beruht auf den autobiografischen Aufzeichnungen des Abbé Jean Bernard (1907 - 1994). Von Januar 1941 bis August 1942 war er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Sein 1945 erschienenes Buch "Pfarrerblock 25487" wurde in Luxemburg zum Bestseller, dort, wo sich während der Besetzung durch Hitlerdeutschland besonders viele Geistliche gegen das Naziregime auflehnten. Im Rahmen des Münchner Filmfests wurden Schlöndorff und Produzent Jürgen Haase für "Der neunte Tag" mit dem Bernhard Wicki Filmpreis - Die Brücke - Der Friedenspreis des Deutschen Films, Prädikat "besonders wertvoll" ausgezeichnet. Außerdem erhielt der Film neben zahlreichen Nominierungen Preise beim Biberach-Festival 2004 und beim Fajr Film Festival Teheran 2005 und lief erfolgreich auf dem 29th Toronto International Festival und im Wettbewerb auf dem Filmfestival Locarno 2004.
Regisseur und Schauspieler sind preisgekrönt
Nicht zum ersten Mal beschäf- tigt sich Regisseur Volker Schlöndorff, geboren 1939, kritisch mit gesellschaftlicher Macht- und Gewaltausübung. Der Durchbruch gelang ihm mit der Romanverfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) von Heinrich Böll. Seine Adaptation von Günter Grass "Die Blechtrommel" (1979) wurde unter anderem mit einer Goldenen Palme von Cannes und 1980 mit einem Oscar ausgezeichnet. Für "Die Stille nach dem Schuss" (2000) wurde Schlöndorff bei der Berlinale prämiert. Ulrich Matthes, geboren 1959, verkörpert eindrucksvoll und authentisch die schicksalhafte Figur des Priesters. Er wurde für den Deutschen Filmpreis 2005 und im selben Jahr für den Europäischen Filmaward als bester männlicher Schauspieler nominiert. Matthes spielte in den TV-Produktionen "Nikolaikirche" (1995) und "Abgehauen" (1998) und war auf der Kinoleinwand in Tom Tykwers "Winterschläfer" (1997), in "Aimée und Jaguar" (2000) und zuletzt als Joseph Goebbels in "Der Untergang" (2004) oder in der ARTE-Koproduktion "Mitfahrer" (2004) von Nicolai Albrecht zu sehen.August Diehl überzeugt in der Rolle des aufsteigenden Nazis Gebhardt, die ihm eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis 2005 als bester männlicher Hauptdarsteller einbrachte. Der 1976 geborene Nachwuchsschauspieler erhielt schon 1999 für seine Rolle in Hans Christian Schmids "23 - Nichts ist so wie es scheint" (1998) den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller und den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller. Es folgte "Kalt ist der Abendhauch" (2000) nach einem Roman von Ingrid Noll und 2004 "Was nützt die Liebe in Gedanken" (Deutscher Filmkritikerpreis 2005 und Undine Award Österreich 2004 als Bester Schauspieler).
Wiederholung am 09. April um 0.30 Uhr
Der neunte Tag 91 Min.
Fernsehfilm, Deutschland 2003, BR, Stereo
ARTE strahlt diesen Film auch in einer Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte aus.
Regie: Volker Schlöndorff, Drehbuch: Andreas Pflüger, Eberhard Görner
Kamera: Tomas Erhart, Kostueme: Jarmila Konecna
Redaktion: Benigna von Keyserlingk, Jakob Hausmann, Andreas Schreitmüller, Schnitt: Peter R. Adam; Maske: Juraj Steiner, Tatjana Steinerova, Martin Jankovic
Ton: Gunnar Voigt, Produktion: PROVOBIS
Produzent: Jürgen Haase
Mit: Ulrich Matthes (Henri Kremer), August Diehl (Gebhardt), Bibiana Beglau (Marie Kremer), Germain Wagner (Roger Kremer), Hilmar Thate (Bischof Philippe), Jean-Paul Raths (Raymond Schmitt)






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