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Montag, 23. Mai 2005, 20.45 Uhr - 06/05/05

Der Sohn

(Belgien 2002)
Regie, Drehbuch, Produzenten: Jean-Pierre & Luc Dardenne
Darsteller: Olivier Gourmet, Morgan Marinne, Isabella Soupart
Kamera: Benoît Dervaux
Produzent: Denis Freyd
55. Internationale Filmfestspiele in Cannes 2002: Wettbewerb


Szenenbilder aus Der Sohn

Synopsis: OLIVIER (Olivier Gourmet), ein schweigsamer, bulliger Mitvierziger, gibt seine Berufserfahrung als Schreinermeister innerhalb eines Resozialisierungsprogramms an straffällig gewordene, minderjährige Jugendliche weiter. Die Ehe mit seiner Frau MAGALI (Isabella Soupart) ging in die Brüche, nachdem ihr gemeinsamer Sohn von einem jugendlichen Autoknacker ermordet wurde. Eines Tages kehrt FRANCIS, der Mörder seines Sohnes, nach 5-jähriger Jugendstrafe in die Freiheit zurück. Olivier wird sein Lehrer und Tutor.

Kritik: 20 Minuten lang saugt die Handkamera der Brüder Dardenne an dem bulligen wie verletzlichen Nacken dieses rätselhaften, düsteren Mannes fest. Hinter dicken Brillengläsern sehen wir allenfalls im Profil seinen verlorenen Blick, werden Zeuge seines merkwürdigen Verhaltens: Wenn sich Olivier unbeobachtet weiß, spioniert er verstohlen seinen minderjährigen Lehrlingen hinterher, die unter seiner strengen Aufsicht den Schreinerberuf erlernen. Wir folgen ihm in die hintersten Winkel seines Arbeitsplatzes, vor und zurück über Treppen, enge Gänge und Mauerecken, bis sein Arbeitsplatz wie ein Labyrinth erscheint. Wenn die Kamera ihn endlich frontal ins Visier nimmt, begreift man allmählich, dass sich hinter seiner voyeuristischen Geheimniskrämerei keine abnormen Begierden, sondern ein plötzlich aufbrechendes Trauma verbirgt.

Trotz seiner 0-8-15-Erscheinung ist Olivier eine enigmatische Persönlichkeit, deren Verhalten und aus der Balance geratene Physis uns immer wieder aufs Neue überrascht. Die Aufklärung des Mysteriums, das ihn von seinem Schützling Francis zugleich trennt und an ihn fesselt, enthalten uns die Dardenne-Brüder vor. Auch deshalb, weil sie das Unverständnis seiner Ex-Frau dafür, warum Olivier den Mörder ihres Sohnes unter seine Fittiche nimmt, genau so wenig erklären können, wie dieser selbst. Konsequenterweise bleibt bis zum allerletzten Moment ungewiß, ob Olivier sich an seinem Zögling rächen oder ihm vergeben wird. Es liegt an uns, den Zuschauern, ob wir die moralische Vorstellungskraft und Fähigkeit aufbringen, sich in diesen bemerkenswerten Mann hineinzuversetzen. Erstaunt wacht man aus dem Kinosessel auf, um festzustellen, wie weit uns Olivier in seinen Gefühlskosmos mit hineingezogen hat. Er ist die eigentliche Hauptfigur des Films und so könnte der Film genauso gut den Titel „Le Père“ tragen.

Mit „Le Fils“ haben die Dardenne-Brüder in Cannes erneut eine eindringliche psychologische Charakter- und Milieustudie vorgelegt, die ab heute zu den heißesten Anwärtern auf eine Palme d’Or zählen muß. 1999 löste unter Jurypräsident David Cronenberg die Auszeichnung ihres Dramas „Rosetta“ mit der Goldenen Palme für den besten Film und für Émilie Dequenne als beste Schauspielerin einen Skandal aus. Denn ihr Beitrag war erst am letzten Festivaltag vor halbleeren Rängen gelaufen. Das Spiel der Frittenverkäuferin Rosetta wirkte so echt, dass das Gros der Presse sie für eine nicht preiswürdige Laiendarstellerin hielt. Die unverfälschte, spannungsgeladene Nähe jedoch, die die Dardenne-Brüder zwischen ihren Akteuren und dem Publikum herzustellen vermögen, gehört zu den pursten, verstörendsten Kinoerlebnissen, die das Kino gegenwärtig zu bieten hat. Noch reduzierter und konzentrierter als „Rosetta“ verzichtet „Le Fils“ auf jegliche Musik (bis auf eine von Francis beim Pinkeln gepfiffene Melodie), gewährt der Film seinen Schauspielern mit seinen langen, ungeschnittenen, aus großer Nähe fotografierten Plansequenzen noch größeren Freiraum. Und hierin liegt bei aller thematischen Vielfalt vielleicht der gemeinsame erzählerische Fixpunkt des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes: ob Amos Gitai, Abbas Kiarostami, Alexander Sokurov, Elia Suleiman, Jia Zhang-Ke oder die Dardenne-Brüder – allen Filmemachern ist der Wunsch gemeinsam, durch den Verzicht auf das Zerstückeln der Zeit am Schneidetisch - eine Qualität, die als das größte künstlerische Privileg des Kinos unermessliche Freiheiten gewährt – zum magischen, ununterbrochenen Puls des Lebens zurückzukehren.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 06-05-05
Letzte Änderung: 06-05-05