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Tschernobyl - 20 Jahre danach

Das Ausmaß der Katastrophe, die am 26. April 1986 durch eine Explosion im Atomkraftwerk der ukrainischen Stadt Tschernobyl ausgelöst wurde, ist bis heute nicht abzusehen.

> Der Stand der Kernenergie

01/10/08

Der Stand der Kernenergie

Die Nervosität an den Rohstoffmärkten wächst: der Ölpreis erreicht ein Rekordhoch. Die derzeitigen Förderreserven sind ausgereizt und die Lieferstaaten Iran, Venezuela und Nigeria unsicher. Auch die Kohleressourcen sind begrenzt. Die Angst vor zukünftigen Versorgungsengpässen lässt die Atomkraft in einem neuen Licht erscheinen.

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von Grit Weirauch

Es ist das aufwändigste Industrieprojekt der finnischen Geschichte: In Olkiluoto, dort wo bereits zwei Reaktoren stehen, soll 2009 das leistungsstärkste Atomkraftwerk der Welt ans Netz gehen. Der neuartige Druckwasserreaktor Olkiluoto 3, von einem deutsch-französischen Konsortium gebaut, sei "in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Umweltschutz", so rühmte sich der französische Hersteller Areva bei der Grundsteinlegung, die derzeit "fortschrittlichste Technologie".

Die Atomkraft boomt nach wie vor – in Europa und weltweit. 40 neue Kraftwerke sind in Planung oder im Bau. Von einem Ausstieg aus der Kernenergie sind wir weiter entfernt denn je, so scheint es. Selbst Deutschland, das im Jahr 2001 den Ausstieg aus der Atomkraft beschloss, strauchelt: Die Stromversorger drängen auf eine Verlängerung der Laufzeit der Reaktoren und die Regierungspartei CDU geht auf Distanz zu dem von ihrer rot-grünen Vorgängerpartei gefassten Beschluss.

Europa mit seinen 25 Mitgliedstaaten ist heute weltweit der führende Erzeuger von Atomenergie: von 440 Reaktoren stehen 128 in Europa. Sie decken gut ein Drittel des Strombedarfs des Kontinents, das ist mehr als in Nordamerika, Japan oder Russland. In einigen Ländern liegt der Anteil der Kernenergie sogar mehr als doppelt so hoch. Frankreich hält dabei mit 78 % die EU-Spitze, gefolgt von Litauen (72 %), Belgien und der Slowakei (jeweils 55 %). Selbst das Vorzeigeland in Sachen erneuerbarer Energie, Schweden, erzeugt mehr als die Hälfte seines Stroms in Atommeilern.

Uranvorkommen
Berechnungen zufolge reichen die bekannten Uranvorräte noch für rund 65 Jahre. Bei 1000 neuen AKWs ginge dann in etwas mehr als 20 Jahren der Ofen aus. Uran wird zu 100 % außerhalb der EU importiert und stammt überwiegend aus Russland, Australien, Kanada, Kasachstan, Usbekistan und Niger. Ein Viertel der Uranlieferungen kam 2004 aus Russland. Die Abhängigkeit von russischen Gas durch eine von russischem Uran zu ersetzen, sei völlig widersinnig, sagen Kritiker.
EU-Politik – Subventionen für Forschung und Bau von Kernkraftwerken
Kritiker der Atomenergie behaupten, dass dieser hohe Anteil in erster Linie auf die hohen Subventionen zurück zu führen sei, mit denen die Europäische Union, aber auch einzelne Mitgliedsstaaten den Bau und Betrieb von Kernkraftwerken unterstützen. Staatliche Subventionen und EU-Förderungen senkten so künstlich den Preis von Atomstrom.

Bereits 1957 wurde im EURATOM-Vertrag das Ziel, die Atomenergie weiter zu entwickeln, verankert. Denn die Europäische Atomgemeinschaft sieht in der kommerziellen Nutzung "eine unentbehrliche Hilfsquelle für die Entwicklung und Belebung der Wirtschaft". Deshalb führte der Europäische Rat 1977 auch eine gesonderte Kreditvergabe ein: Unternehmen, die Nukleartechnologie entwickeln, sollen bei ihren Investitionen gestärkt werden. Seitdem vergab EURATOM Kredite mit günstigen Zinssätzen in Höhe von 3,2 Mrd. Euro. Derzeit diskutieren die Unterzeichnerstaaten des EURATOM-Vertrags über eine Fortführung der EU-Atomforschung. Vorgeschlagen sind 3,1 Mrd. Euro für die nächsten fünf Jahre.

Das Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt hat errechnet, dass in Westeuropa derzeit etwa 4,7 Mrd. US- Dollar insgesamt an Subventionen auf Atomenergie entfallen, also neben Krediten auch Zuschüsse, um Atomstrom auf dem Markt einzuführen. Zum Vergleich: auf erneuerbare Energien kommen lediglich 1,5 Mrd. Dollar.

Neue Atomkraft aus dem größten Reaktor der Sowjetunion
Gegenwärtig sind in 13 der 25 EU-Länder Atomkraftwerke in Betrieb. Durch die Osterweiterung sind dabei auch fünf neue Länder vertreten: Die nuklearen Neuankömmlinge Litauen, die Slowakische Republik, Slowenien, die Tschechische Republik betreiben insgesamt 19 Reaktoren. Die meisten von ihnen sind russischer Bauart und wiesen ursprünglich zum Teil erhebliche Sicherheitsmängel auf. Deshalb hat die EU-Kommission, bei den Beitrittsverhandlungen den längerfristigen Betrieb mancher Anlage abgelehnt.

Litauen soll zum Beispiel die beiden Blöcke seines einzigen Kernkraftwerks im Land bis 2009 abschalten. Das war eine der Bedingungen für den Beitritt des baltischen Staates in die Europäische Gemeinschaft. Das größte Kernkraftwerk der ehemaligen Sowjetunion, Ignalina, ist nach dem gleichen Baumuster errichtet wie der Reaktor in Tschernobyl. Da die Abschaltung aber untragbare volkswirtschaftliche Lasten für den baltischen Staat mitbringt, der 2004 noch 81 Prozent seines Stroms eben aus diesem Kraftwerk bezog, strebt Litauen eine Erlaubnis von der EU an, Ignalina solange weiter zu betreiben, bis ein neues Kraftwerk gebaut ist. Doch darauf wird sich die EU wohl nicht einlassen.

Der Neubau des Reaktors Ignalina soll nun erstmals eine länderübergreifende Kooperation werden – zwischen den Staaten Litauen, Estland und Lettland und deren jeweils größten Energieanbietern. Doch, wie das Projekt finanziert werden soll, ist noch unklar. Die Kosten werden auf bis zu drei Milliarden Euro geschätzt – das können auch die drei Länder zusammen nicht erbringen.

Stromspender für das energiehungrige Asien
Seit einigen Jahren drängen auch viele asiatische Länder massiv und rasant auf den Atomenergiemarkt. Schwellenländer setzen große Hoffnung in die Atomkraft, um sich unabhängig vom Öl zu machen und gleichzeitig den wachsenden Bedarf nach Energie kostengünstig zu stillen. Indien will sein ziviles Atomprogramm beschleunigen und Südkorea bis 2015 allein neue elf Reaktoren bauen. In China stehen bisher nur neun Meiler, aber in den nächsten fünfzehn Jahren soll sich deren Kapazität verfünffachen. Gleichzeitig will das energiehungrige Land einen eigens entwickelten Typ Kernkraftwerk auf den Weltmarkt bringen – mit 1000 Megawatt Leistung.

Auch Brasilien hat den Bau von vier neuen Kernkraftwerken angekündigt. Zwei Werke sollen 2010 ans Netz gehen, zwei weitere 2016. Ob, Indien, China, Brasilien oder Iran, für Schwellenländer ist Atomenergie ein wichtiger Zugang zum Weltmarkt - und zur Weltpolitik. Denn die eigene Kerntechnik soll nicht nur verhindern, dass man eines Tages stromtechnisch auf dem Trockenen sitzt, wenn der Energiehahn versiegt oder von fremden Mächten abgedreht wird. Nuklearkraft zu besitzen, ist auch ein militärischer Machtfaktor. Der fortdauernde Streit um das iranische Atomprogramm zeigt das deutlich.

Zwischen den reichen Industriestaaten und ärmeren aufstrebenden Ländern entbrennt so ein neuer Energiekampf: Allen voran die USA vermuten Missbrauch der Atomkraft als Terrorwaffe. Schwellenländer hingegen sehen darin ein Kartell der alten Energiemächte USA, Europa und Russland, die den Zutritt zum hohen Gewinne versprechenden Weltmarkt begrenzen wollen.

Mehr Energie - soviel wie aus 34 neuen Atomkraftwerken
Die Industriestaaten haben in den letzten Jahren die Laufzeiten ihrer Atomkraftwerke verlängert und die Auslastung erweitert. Denn das ist immerhin die billigere und reibungslosere Alternative zum Neubau von Kernkraftwerken, der bei der Bevölkerung meist Protest auslöst. Doch allein durch die Erhöhung der Kapazität brachte das im Jahr 2003 einen Zuwachs von 34 Gigawatt. Das entspricht 34 neu gebauten Atomkraftwerken.
In den kommenden Jahren wird diese Zahl noch steigen: Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA werden die Kapazitäten bis 2030 weltweit um das Zweieinhalbfache steigen, bis 2050 sogar um das Vierfache. Doch die Risiken und Gefahren einer Kernschmelze sind auch 20 Jahre nach Tschernobyl nicht ausgeräumt: Die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunfalls in Europa ist nach wie vor genau so hoch, wie auf Anhieb eine sechs zu würfeln.

Erstellt: 13-04-06
Letzte Änderung: 01-10-08