Hören Sie das Interview mit Harald Kimpel im Audio-Format. Dr. Kimpel, wie kommt man auf die Idee ein Buch über Sandburgen zu schreiben?
Wenn man als Kunstwissenschaftler dezidiert auch kulturhistorische Interessen hat, dann trifft man oft Themen, die wirklich auf der Straße oder in dem Fall am Strand liegen. Es war festzustellen, dass bei diesem banalen Gegenstand, bei dem es sich um die Strandburg handelt, doch eine ganze Reihe von komplexen symbolischen Implikationen vorhanden sind. Zunächst mal erweist sich das dichte Thema als durchaus politisch präsent und auch mit politischen Dimensionen verknüpft.
In Ihrem Buch erklären Sie, dass das Strandburgenbauen ein typisches deutsches Phänomen sei. Ich zitiere: „Wer an ausländischen Küsten eine Strandburg antrifft, kann sicher sein, einen Deutschen darin zu finden.“ Ist das Strandburgenbauen wirklich eine typisch deutsche Erfindung?
Es scheint so zu sein. Die Gründe sind schwierig zu ermitteln. Aber sie liegen vielleicht darin, dass, wenn man sämtliche Funktionen dieses Strandburgenbauens zusammennimmt, sich das Charakterbild des deutschen Kleinbürgers dort sehr genau herausbildet: die Ambivalenz gegenüber den Nachbarn. Man geht mit diesem Strandburgenbau zunächst mal auf Distanz, indem man um sich und die Seinen einen Wall legt, gleichzeitig aber ist dieses Distanzmittel auch ein Annäherungsmittel, denn über den Wall hinweg tritt man mit anderen in Kommunikation. Aber man braucht erst diesen Abstand, um Kommunikation möglich zu machen.
Wann ist dieses Hobby in Deutschland entstanden?
Es ist nachweisbar seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dabei gibt es auch eine soziologische Voraussetzung, nämlich die Entdeckung des Meeres für den Massentourismus, das heißt, die Entdeckung des Strandes als Ort des sozialen Lebens und nicht nur als notleidende Küstenregion am Rande des Kontinents.
Sie schildern das Strandburgenbauen zu Saisonbeginn an Nord- und Ostsee als eine Verwandlung der Badestrände in Kraterlandschaften ähnlich der Mondoberfläche. Im Auge eines Franzosen haben Strand und Burgen mehr mit Kindersandburgen, Strandspielen und Sandkasten zu tun. Können Sie uns dieses Phänomen genauer beschreiben?
Die deutsche Variante dieses Bauens am Strand ist eben sehr viel ernsthafter als nur ein Freizeitvergnügen. Schon die früheren Formen, die ich genannt habe im 19. Jahrhundert, also die frühesten Fotografien, zeigen, dass eben eine sehr politische Komponente damit verbunden ist. Nach der Reichsgründung 1870-1871 zeigt das junge Kaiserreich Flagge an seinem gefährdeten Rand, an der Wasserfront. Man demonstriert Verteidigungsbereitschaft, am äußersten Ende des Reichgebiets. Eine durchaus aggressive Unterströmung ist mit diesem doch zunächst recht amüsanten Thema verbunden. Auch ein Beweis dafür, dass diese Strandburg jenseits ihrer reinen Nutzanwendungen, also Schutz gegen Wind und Wetter und gegen die Einsicht von Nachbarn, immer eine Reihe von politischen Implikationen hat. Und später dann, wenige Jahre nach der Reichsgründung zeigen eben die Krater von Verdun und Douaumont, dass sie denen von Sylt und Langeoog zum Verwechseln ähnlich sind.
Ein weiterer Punkt, der mich bei der Lektüre erstaunt hat: Inwiefern ist das Strandburgbauen schädlich für die Umwelt?
Das hat sich erst neuerdings herausgestellt, dass das Strandburgbauen, also wenn man sich mit Spaten am Strand betätigt, in sehr vielen Seebädern nicht mehr gern gesehen ist. Das ist regelrecht verboten oder zumindest verpönt, wobei ökologische und ökonomische Gründe eine Rolle spielen. Der ökologische Grund wäre eben, dass dieses Lockern am Strand die Land- und Strandwegschwemmungen begünstigt. Für eine Küstenlandschaft ist eben Sand das Wichtigste, das die Küsten als Freizeitangebot zu bieten haben. Aber es gibt auch ökonomische Gründe: nämlich die Kommerzialisierung des Strandes. Wenn jeder um sich einen Wall errichtet, können weniger Menschen pro Quadratkilometer auf dem Strand untergebracht werden.
Heißt das, dass die Strandburgen bald der Vergangenheit angehören?
Sie sind in dieser Form wahrscheinlich wirklich erledigt. Ein weiterer Grund kommt hinzu: Ich denke einfach an das veränderte Urlaubsverhalten, das immer mehr auf Animationen aus ist. Man macht bei dem mit, was vorgemacht wird, aber man wird nicht mehr selbst aktiv.
Seit einigen Jahren erfreuen sich die Sandskulpturenfestivals größter Beliebtheit. Wie erklären Sie diese Mode?
Wir sind alle konfrontiert mit wachsender Nichtarbeit, sei es, dass sie gewerkschaftlich erkämpft ist; sei es, dass sie uns unfreiwillig zufällt. Aus dieser immer stärker wachsenden Freizeit, also Nicht-Arbeitzeit, begründet sich eine ganze Industrie der Rückverwandlung von Freizeit in Arbeitzeit, also z.B. Heimwerkerwesen. Und in diesem Zusammenhang denke ich, ist auch die Strandburg zu sehen. Sie dient einerseits zur Beseitigung von Langeweile, also zur Abschaffung des anrüchigen Müßiggangs, die Ungehörigkeit des Nichtstuns wird beseitigt. Also dient sie der Demonstration bürgerlicher Wohlanständigkeit und des Arbeitsethos, nämlich auch am Strand, im Urlaub muss man etwas tun. Die Nichtarbeitszeit wird rückverwandelt in Arbeitzeit und es stellt sich heraus, dass Arbeit immer noch die bessere Form von Freizeit ist. Und in diesem Zusammenhang sind auch die zunehmend zu beobachtenden Sandskulpturenwettbewerbe zu sehen mit teilweise absurden Situationen, dass eben nicht mit einheimischem Strandsand gearbeitet wird, sondern der Sand von weither aus dem Binnenland an die Küste gefahren wird, weil er so wie er am Strand vorzufinden ist, in seiner Konsistenz gar nicht geeignet wäre, diese Skulpturen anzufertigen.
Das Interview führte Aurélie Grosjean, ARTE (Juli 2007).






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