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Emmanuelle Pagano - 02/05/08

Der Tag war blau

Eine in den Fels geschlagene Höhle. Ein Roman über die Geburt des Ich und die Entdeckung des Schreibens.

Eine Rezension von Christine Lecerf


Seit zehn Jahren durchquert Adèle täglich eine felsige Weite. In ihrem Minibus, «Schiebetüren, Vierradantrieb und neun Sitzplätzen», sammelt sie die Kinder der Bauernhöfe ein, die am Straßenrand auf sie warten. Die Kleinen zuerst. Dann die Großen. Auch wenn sie inzwischen Turnschuhe tragen und ein Handy benutzen, noch immer füttern diese «heranwachsenden Schatten» das Vieh, noch immer schnäuzen sie sich in Blätter und noch immer verbreiten sie einen hartnäckig-angenehmen Stallgeruch. Und so steigt Adèle jeden Morgen und jeden Abend hinauf und hinab in die eigene Kindheit: der hinterste Hof, die Mutter und ihre Fehlgeburten, der kleine Bruder Axel, ihr Kopf füllt sich mit Erinnerungen und leert sich wieder, genau wie ihr Fahrzeug. Die äußere Landschaft wird zur Innenwelt, und umgekehrt: «Ich frage mich, ob der künstliche See, der meine Kindheit bedeckt, jene Körper oder das, was von ihnen übrig ist, an die Oberfläche geschwemmt hat. Mir ist die Erinnerung an all die Mühe aus Blut und Schlamm und welkem Laub geblieben, mit dem ich mich hinterher abgerieben und weinend geschnäuzt hab».

Das Geheimnis der Naturverwandlung

Doch eines Tages kommt ein heftiger Wind auf, in den Dingen wie in den Menschen. Draußen herrschen minus 20 Grad. Eigentlich dürfte es nicht schneien und trotzdem schneit es. Es fällt ein Schnee, der nicht von hier ist und die Straße für den Rückweg unpassierbar macht. Da verlässt Adèle mit ihren Schülern den vorgezeichneten Weg und wagt sich hinein in den harten, dornenbewehrten Schnee. Sie kämpfen sich bis ganz nach unten an das schwarze Wasser eines Sees, der wie in einer Stifternovelle einer weitgeöffneten Pupille gleicht, und suchen Zuflucht in einer alten Höhle, die jedoch inzwischen zum Freilichtmuseum umgestaltet wurde. Ausgerechnet inmitten dieser total künstlichen Inszenierung aus Stroh und Holzschuhen, lüftet eines der Kinder Adèles Geheimnis: Adèle war ein Mann, Axels Bruder, bevor sie als Schulbusfahrerin in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehrte. Am Ende wird das Gerücht die ganze Landschaft erfassen, wie die Schneeschmelze, voller Schmutz. „Aber es wird schön sein, es wird wahr sein, auf dem Boden der Tatsachen, die Wahrheit wird den Boden erobern, Schritt für Schritt».

Schreiben, zur Landschaft werden

Mit der ganzen Kraft der Jugend gelingt es Adèle, ein ganz und gar widernatürliches Dorfgeheimnis in den Fels zu schreiben: sie war er, er ist sie geworden. Das Buch von Emmanuelle Pagano begleitet den Weg einer Naturverwandlung, die Rückkehr ins Dorf eines jungen Mannes im Körper einer jungen Frau. Dabei hatte sich der Skandal der Frauwerdung überall in der Landschaft bereits angekündigt, in den schwellenden Linien der Wolken, den Kurven der Felder, unter den Achseln der Bäume, auf der Haut der Birken, im schwellenden Geruch des Schlamms.

Schreiben, so sagte Emmanuelle Pagano in einem Interview, heißt «zu versuchen, die Narben zu öffnen, sie aufzukratzen, auch wenn das ein wenig schmerzt». In all ihren Büchern blutet die Sprache. Denn es schmerzt sie an einem Ort, der immer noch wortlos ist, einem sehr weiblichen. Ein Wissen aus dem Bauch, roh und gewaltig, das die Handlung tränkt, die Figuren durchdringt und die Sprache modelliert wie eine Landschaft: «Beim Gehen wissen wir nicht, was wir als Nächstes berühren oder was an uns hängen bleibt, abgesehen von der Kälte des Nebels. Er ist fleischlich und eisig ». Eine zweite Natur.

Die zweite Natur

Die Natur ist in Emmanuelle Paganos Büchern nicht mehr das, was sie einmal war. Auf dem Hochplateau, dort, wo der Wind am stärksten bläst, sind statt Blumen Windräder gewachsen. Nur ein paar Umweltschützer züchten Ziegen. Und Tafeln warnen die Touristen vor Taschendieben. Unten in der Ebene sind die Bauern, die noch Kühe haben, selten geworden. Viele Dörfer haben ihre Schulen dicht gemacht. Und die abgelegensten Höfe liegen mittlerweile unter dem Wasser eines künstlichen Sees. Erst das Schreiben schwemmt Erinnerungen daran an die Oberfläche. Die Natur ist zur Kulisse geworden ist, bleibt aber dennoch Ort einer Neugeburt. "Der Tag war blau" bildet so etwas wie eine künstliche, in den Fels geschlagene Höhle, sowohl Schutzraum gegen den Sturm als auch Schauplatz einer Verwandlung.

"Der Tag war blau" ist Emmanuelle Paganos vierter Roman. Das Buch erschien in Frankreich 2007. Im Blog der Autorin unter http://www.lescorpsempeches.net sind Landschaften zu bewundern.

Und Zeilen zu lesen wie diese:
«Im Moment schreibe ich einen Text, in dem die im Schreiben entwickelte Landschaft ein Abhang ist, ich bin ein Abhang, der grüne Abhang eines Menschen (eines Flussmenschen), ein Abhang, in dem ich diese topographische Neigung werde. Ich schreibe mit Karten, Kurven, Stoffen, Farben, Pflanzen, Wasser.»




Erstellt: 28-04-08
Letzte Änderung: 02-05-08


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