15/05/07
Der Träumer
Arthur Eloesser (1870 - 1938) war ein bekannter Literatur- und Theaterkritiker und ein bedeutender Literaturwissenschaftler. Er war der Bruder meiner Großmutter väterlicherseits, und weil er in einer Händler- und Kaufmannsfamilie als erster das Recht und die Mittel hatte, an der Universität Berlin zu studieren und geistigen statt kaufmännischen Interessen nachzugehen, galt er als "Prunkstück" der Familie. Seine Ansichten und Wertvorstellungen waren exquisit deutsch, und mit jedem Schritt verkörperte er deutsche Kultur. Als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, als zeitweiliger Dramaturg des Lessing-Theaters und als Vorsitzender des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller spielte er im literarischen Leben Berlins eine aktive Rolle. Vom Judentum wußte er fast zeitlebens recht wenig. "Die Mesusa", schrieb er einmal, "verschwand schon von unserer Tür, als ich noch ein Kind war."
Seine Lehrer schätzten den hochbegabten Schüler, und für eine vielversprechende Universitätslaufbahn brachte er alle Voraussetzungen mit. Doch er sollte bald herausfinden, was es selbst nach der Emanzipation in Deutschland wirklich hieß: Jude zu sein. Für seinesgleichen war die Universität kein behaglicher Ort, und ein Lehrstuhl kam für einen nicht getauften Juden nicht in Frage. So war er gezwungen, Journalist und Kritiker zu werden - ein typisches Schicksal für die in den "freien" Berufen deutlich überrepräsentierten gebildeten modernen Juden.
In der Person von Arthur Eloesser erkennt man die Einstellungen und Erfahrungen deutscher Juden in der besten und schlimmsten Zeit. Als deutscher Patriot meldete er sich mit 45 Jahren als Kriegsfreiwilliger. Im Kaiserreich noch Monarchist, wandelte er sich in der Weimarer Republik zum Demokraten und hoffte auf das Gelingen der Demokratie. Als Humanist und Liberaler - den wir heute politisch eher als konservativ einstufen würden - erinnerte er sich wie viele Deutsche wehmütig an die Disziplin und Ordnung der autoritätshörigen Vergangenheit und betrachtete die Weimarer Zeit mit Sorge und einer gewissen Angst.
Er glaubte an Deutschland und an einen Platz für die Juden in Deutschland. Er war der typische assimilierte Jude, für den die deutsch-jüdische Symbiose Realität war. Er war der Prototyp des intellektuellen modernen deutschen Juden - deutsch gesinnt und der jüdischen Tradition entfremdet. Typisch war allerdings auch seine Unfähigkeit, in den zwanziger Jahren die zunehmenden Anzeichen eines immer weiter um sich greifenden Antisemitismus zu erkennen und die Prämissen zu prüfen, die seinen assimilationistischen Ansichten zugrunde lagen. Wie viele deutsche Juden tat er das erst, als die Tragödie schon ihren Lauf genommen hatte. Als Hitler an die Macht kam, verbrannten die Nazis seine Bücher, und er erhielt Berufs- und Publikationsverbot.
In den letzten Jahren seines Lebens studierte Arthur die Bibel, entdeckte seine jüdischen Wurzeln wieder und wurde zum engagierten Zionisten. Seine Kinder flohen aus Deutschland, er selbst unternahm zwei Reisen nach Palästina und entdeckte "das Gelobte Land" wieder. Es war, schrieb dieser deutsche Humanist, als sei er "nach Hause gekommen". Doch beide Male kehrte er nach Deutschland zurück. Er starb, bevor er auswandern konnte; seine Witwe wurde ermordet.
Erstellt: 01-03-07
Letzte Änderung: 15-05-07