Der letzte in dieser Reihe meiner Vorfahren ist Ewald Blumenthal (1889 - 1990), mein Vater. Er war einer der deutschen Juden, die den Holocaust überlebten. Sein Leben zeigt, wie die Geschichte endete. Jost Liebmann, sein erster namentlich bekannter Vorfahr, hatte als armer Außenseiter angefangen, hatte in Deutschland kein Bürgerrecht und galt als minderwertiger fremder Jude. Mit Ewald sollte der Kreis sich schließen. Als er zur Welt kam, befanden sich die Juden in Deutschland auf dem höchsten Punkt. Ein halbes Jahrhundert später floh Ewald aus dem Land, ein besitz- und rechtloser Jude wie Jost dreihundert Jahre früher.Mein Vater war ein konventioneller deutscher Jude der Mittelklasse. In seinem Selbstverständnis war er Deutscher. Er hatte in der Leibgarde des Kaisers gedient und in den Schützengraben in Frankreich für sein Vaterland gekämpft. Der Kaiser persönlich hatte ihm das Eiserne Kreuz überreicht, doch bevor er aus Deutschland floh, um sein Leben zu retten, war er Häftling im Konzentrationslager Buchenwald.
Über die anormale Situation der deutschen Juden hatte er sich nie grundsätzliche Gedanken gemacht - schließlich hatte er nie etwas anderes gekannt. Seine Wertvorstellungen waren die eines Deutschen. Geschäftlicher Erfolg war ihm wichtig, Intellektuelle respektierte er, und in einer gewissen Vorsicht und Ängstlichkeit und auch in den Einstellungen und Vorurteilen, die er unbewußt übernahm, zeigen sich die historischen Erfahrungen und Anschauungen vieler assimilierter deutscher Juden.
Nach 1933 blieb er noch fünf Jahre in Deutschland und hoffte, Hitler sei nur ein schlimmer Traum. Das Land zu verlassen war ein Alptraum - kein anderes Land wollte ihn, und eigentlich wollte auch er nirgendwo anders hin. Jahrelang hatte er gesagt, er könne unmöglich "nur mit Juden" in Palästina leben. Schließlich mußte er an eben einem solchen Ort - im jüdischen Ghetto in Shanghai - seine deutsche Vergangenheit gezwungenermaßen ein für allemal begraben.
Als er im Alter von 101 Jahren in San Francisco starb, war er seit fast vierzig Jahren amerikanischer Staatsbürger. Er sprach Englisch mit starkem deutschem Akzent, hatte noch gute Erinnerungen an Deutschland und einige wenige ganz böse. Er kehrte nur einmal nach Deutschland zurück - es sollte eine kurze Reise werden. Über die Vergangenheit sprach er nicht gerne. Ich glaube, er war überzeugt, er hätte dort einst ein gutes Leben gehabt und der ganze Rest sei eine entsetzliche Täuschung.
Als ich im Außenministerium und im Weißen Haus arbeitete, sammelte er alle Zeitungsausschnitte über seinen amerikanischen Sohn und war ungeheuer stolz. Als Präsident Carter mich zum Finanzminister ernannte, bemerkte er mit bitterer Ironie: "In Deutschland, dem Land deiner Geburt, hättest du das als Jude nie geschafft."







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

