Kinostart 27. Januar 2005 - 31/01/05
Der Wald vor lauter Bäumen
Ein Film von Miriam Ade
Ein großartiges, der Kinoleinwand
würdiges Ende
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Synopsis: Die frisch gebackene Biolehrerin Melanie Pröschle (Eva Löbau) wagt voller Tatendrang den großen Schritt ins selbst bestimmte Leben – sie verlässt Freund und Familie in der schwäbischen Provinz, um im badischen Karlsruhe an einem Gymnasium zu unterrichten. Doch ihre Autorität an der Schule ist bald untergraben und der Anschluss an die Kollegen missglückt. Da erscheint in Gestalt ihrer Nachbarin Tina (Daniela Holtz) eine potentielle neue Freundin. Mit ihrer aufdringlichen Freundlichkeit aber hat Melanie auch die sozial erfolgreiche Tina schnell vergrault. Bald kann Melanie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen …
Kritik: Hand aufs Herz – wer hatte als Schüler nicht selbst schon mal eine jener bemitleidenswerten Bio-, Erkunde oder Englisch-Refrendarinnen vor sich, die sich mit ihren idealistischen, antiautoritär daherkommenden Lehrplaninnovationen als Opfer und Sündenböcke für erlittene Schulqualen nahezu aufdrängten. Melanie Präschle, die Hauptfigur der Münchner Filmhochschulabsolventin Miriam Ade, ist mit ihrer Ponyfrisur, ihren Schlabberklamotten und ihrem Dialekt von der schwäbischen Alp eine dieser Personen, für deren nervenzusammenbruchsreife Schikanierung man sich auch noch 20 Jahre später immer noch ein wenig schämt. Aber irgendwie, daran lässt auch die Regisseurin keinen Zweifel, ist diese idealistische Lehrerin selbst nicht ganz unschuldig an ihrer zunehmend peinigenderen Isolation. Denn Fräulein Pröschles naive Spießigkeit, ihre bis zur Selbsterniedrigung reichenden Anbiederungsversuche bei ihren Mitmenschen sind auch für den Zuschauer kaum zu ertragen. Wie sie zunächst ihre Kollegen mit naiven Reformvorschlägen nervt, dann ihre Nachbarin bemuttert und später bevormundet, das grenzt an Masochismus.
Nie aber, und das ist die besondere Qualität dieses nur 170 000 Euro teuren, digital gedrehten Spielfilm-Debüts, ist der Blick der Regisseurin auf ihre Hauptfigur schadenfroh oder gar herablassend. Auch wenn man die Hände vors Gesicht schlägt angesichts des Ungeschicks der Protagonistin, man will und muss sie weiter begleiten auf ihrem Leidensweg, fast als wolle man sie beschützen vor allzu großer Pein, was einem natürlich nicht gelingen kann. In ihrer Endlosreihung von falschen Entscheidungen, Sätzen oder Nachbarschaftsritualen mag der Film für einige ermüdend sein, doch hätte uns Miriam Ade einige Details dieser selbst verschuldeten Isolation erspart, wäre das Mitleid nicht so groß für sie ausgefallen. Am Ende dann erweist sich die Antiheldin dann doch als erwachsener und heldenhafter als man dachte und als durchaus selbst dazu in der Lage, den Wald hinter den Bäumen doch noch zu erkennen. Mitten auf einer tränenreichen Autobahnfahrt erblickt sie ihn plötzlich, verlässt den Platz am Steuer und klettert nach hinten auf die Rückbank, um ihn in Ruhe und aus größerer Distanz zu betrachten. Hier gibt der Film seine bedrückend realistische Perspektive auf und schafft für seine Protagonistin ein großartiges, der Kinoleinwand würdiges Ende.
Martin Rosefeldt
Der Wald vor lauter Bäumen
Regie/Drehbuch: Miriam Ade
Darsteller: Eva Löbau, Daniela Holtz u.a.
Deutschland, 2003, 84’
Erstellt: 25-01-05
Letzte Änderung: 31-01-05