Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > Napoleon > Der geniale Feldherr - Der Film > Der geniale Feldherr

Napoleon

Genialer Feldherr, vorausdenkender Reformer oder einfach nur Tyrann? Ob verehrt oder verachtet, der Mythos Napoleon lebt. 1804 ist Napoleon auf dem Höhepunkt (...)

Napoleon

Im Focus : Napoleon - 10/09/09

Der geniale Feldherr

Interview mit dem Regisseur Jean-François Delassus


Napoleon soll mehr Schlachten geführt haben als Karl der Große, Hannibal und Cäsar gemeinsam. Bereits bei seinem ersten Italienfeldzug 1796 setzt er die ganze Palette seines militärischen Talents ein. Es gipfelt in der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805. Jean-François Delassus, Regisseur des Dokumentarfilms "Napoleon, der lange Marsch zum Sieg", der auf ARTE am 11. Juni 2006 gezeigt wurde, äußert sich über den legendären Heerführer.

Ihr Film beginnt mit der Feststellung: „Napoleon verdankte seine Siege eher den Beinen seiner Soldaten als den Waffen.“ Beruht Napoleons Strategie auf Schnelligkeit?

Ja, auf der Schnelligkeit seiner Entscheidungen und ihrer Umsetzung. 1805 ist Napoleon bereits ein sehr erfahrener Stratege. Mehrere Feldzüge liegen hinter ihm – z. B. in Italien und Ägypten – und er hat fast alle Schlachten gewonnen, die er begonnen hat. Er weiß, wie man eine Armee führt und umgibt sich mit den besten Offizieren. Seine Soldaten respektieren und bewundern, ja lieben ihn geradezu. Er lebt mitten unter ihnen, marschiert mit ihnen und schlägt sein Lager bei ihnen auf. Dieser Feldherr ist ein Kind der Revolution.

Inwiefern steht die Große Armee für die Werte der Revolution?

Zum ersten Mal können die Soldaten ihren Verdiensten entsprechend aufsteigen. Einige Offiziere sind erst 23 oder 25 Jahre alt, eigentlich Bauern oder Händler und keine Adligen, und an ihrer Spitze steht Napoleon – kein Bruder des Königs, sondern ein General, der aus dem Volk stammt und sich vom Artilleristen hochgearbeitet hat. Eine solche Haltung geht auf die Revolution und ihre Ideale zurück, und die Soldaten sind stolz darauf, diese revolutionären Werte nach außen zu tragen. Das erklärt auch ihren Patriotismus und ihre Begeisterung für den Kaiser.

Externe Links:

Hintergründe, Ablauf, der Weg bis Austerlitz und die Schlacht:
Austerlitz, Napoleons Triumph 1805

Die Schlacht bei Austerlitz: Kriegstechniken

Umfassende Seite zu allen Seeschlachten


Die Große Armee wird in Belgien, Italien, Holland und Deutschland begeistert empfangen. Es ist der Befehl ausgegeben worden, die Einwohner der feindlichen oder besetzten Länder zu respektieren. Wer stiehlt oder plündert, um sich persönlich zu bereichern, riskiert die Todesstrafe – ganz anders als in der russischen Armee, die ungeniert auf Kosten der österreichischen Bevölkerung lebt, obwohl Österreich ihr Verbündeter ist. Die Feldzüge nach der Schlacht von Austerlitz, vor allem der Russlandfeldzug von 1812, verlaufen allerdings unter weniger idealen Bedingungen.

Napoleon wird häufig als der größte Feldherr seit Julius Cäsar bezeichnet. Was ist an seiner Kriegsführung so neuartig?

Napoleon versteht es, das Verhalten des Feindes vorauszusehen, er kann seine Bewegungen antizipieren und sich dessen kleinste Fehler zunutze machen. Bei Austerlitz überlässt er nichts dem Zufall. Noch am Vorabend der Schlacht ändert er wagemutig die Strategie: Seine Kavallerie steht im Norden und er greift von der Mitte her an, obwohl er weiß, dass der Gegner von Süden kommen wird. Seit der Schlacht von Austerlitz genießt die Große Armee einen legendären Ruf. In drei Monaten hat sie mitten im Winter 1500 Kilometer in unbekannten Gegenden zurückgelegt, um dann die feindlichen Truppen, die zahlenmäßig überlegen und noch dazu ausgeruhter sind, auf deren eigenem Boden vernichtend zu schlagen.

Außerdem beherrscht Napoleon die Kunst der militärischen Aufklärung: Sobald er beschlossen hat, das Lager von Boulogne abzubrechen, um die Österreicher und Russen anzugreifen, schickt er Offiziere nach Bayern, die die Lage auskundschaften und ihm Kartenmaterial liefern sollen. Er beauftragt seine Gesandten, ihm Informationen über die Stellungen der österreichischen Streitkräfte zu beschaffen, und saugt die Informationen förmlich aus allen verfügbaren Quellen. Seine Feinde betrachten das als völlig überflüssig, es sind eben Aristokraten, Offiziere, die diesen Rang nur aufgrund ihres Standes innehaben und nicht sonderlich begabt sind. Napoleon wiederum weiß von diesen Schwächen zu profitieren.

Für Ihren Film haben Sie die Unterstützung zahlreicher Vereinigungen von Napoleon-Anhängern in Anspruch genommen, die die historischen Ereignisse nachstellen. Über 4000 Komparsen waren an der Rekonstruktion der Schlacht von Austerlitz beteiligt, 2000 beim Lager von Boulogne. Diese Menschen lassen den napoleonischen Mythos weiterleben!

In der Tat sind diese Rentner, Angestellten, Professoren oder Geschäftsleute die besten Darsteller. Sie besitzen wunderbare Kostüme und historische Waffen und können auch mit ihnen umgehen. Sie alle sind fasziniert von der Persönlichkeit Napoleons und romantisieren diese Epoche gewissermaßen, die die letzte war, in der man noch mit Federhüten in die Schlacht zog und dem Feind Auge in Auge gegenüberstand. Die späteren Kriege waren sehr viel unmenschlicher und stärker von Technik beherrscht.
Lesen Sie auch:
Napoleon, der Kriegstreiber: "Der Preis der neuen Kronen"
Interview mit dem Historiker Christoph Rehm

Erstaunlicherweise werden die Schlachten nicht nur in Frankreich nachgestellt, sondern auch in Russland, Deutschland und Österreich und zwar unabhängig davon, ob es sich um Siege oder Niederlagen handelt.

In Austerlitz sind die Franzosen sogar in der Minderheit. Die napoleonische Ära ist für viele Europäer sehr symbolträchtig: Sie steht für die Geburt eines modernen Staates, in dem alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind, und für die beginnende Vereinigung Deutschlands dank der Gründung des Rheinbundes 1806. Außerdem verkörpert Napoleon den sozialen Aufstieg eines einfachen Mannes, der nicht in einem Schloss geboren worden war und trotzdem Staatschef, ja sogar Kaiser geworden ist. Dem Volk, dem die Privilegien des Adels verhasst waren, war er ein Vorbild, ein Beispiel dafür, dass man es einzig aufgrund seiner Fähigkeiten zu etwas bringen konnte.

Das Interview führte Guylaine Tappaz



Austerlitz, Napoleons langer Marsch zum Sieg, 90 Min.
Dokumentarfilm, Frankreich 2006
Regie: Jean-François Delassus

Erstellt: 31-05-06
Letzte Änderung: 10-09-09