DVD-News - 14/08/08
Der letzte Tango in Paris
Ein Film von Bernardo Bertolucci
SZ-Edition N° 38
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Darsteller: Marlon Brando, Maria Schneider, Jean-Pierre Leaud u.a.
Italien/Frankreich, 1972, 124’
Synopsis: Der Selbstmord seiner Frau wirft den 45-jährigen Amerikaner Paul (Marlon Brando) aus der Bahn. In einer leeren Wohnung trifft er auf Jeanne (Maria Schneider), eine leidenschaftliche Beziehung beginnt, in der Paul die Regeln vorgibt: keine Namen, keine Fragen, keine Gefühle, nur Sex, der zunehmend sado-masochistischere Züge annimmt. Nachdem Paul ein Tabu ums andere gebrochen hat, verlässt Maria ihn. Doch nun will ausgerechnet Paul eine Liebesbeziehung mit ihr beginnen und ihr von sich erzählen.
Zum Film: Dass ein Film noch 1972 die Skandalkraft besaß, einem Regisseur und seinen Hauptdarstellern eine zweijährige Bewährungsstrafe und die Aberkennung ihrer bürgerlichen Rechte in einem demokratischen Land (Italien) einzubringen, sowie die Vernichtung sämtlicher Filmkopien, ist aus heutiger Sicht nicht mehr vorstellbar. Auch wenn manche der Sexszenen auch heute noch provozierend wirken. Die Kritiker waren jedenfalls gespalten – während die Amerikanerin Pauline Kael ihn als „kraftvollsten erotischen Film, der je gedreht wurde“, lobte, störten sich andere daran, dass die Nacktszenen des in der Blüte seines filmischen Schaffens stehenden Hollywoodstars Marlon Brando die primitivsten voyeuristischen Triebe des Publikums bedienen würden.
Bertoluccis Film jedenfalls traf den Nerv seiner Zeit: das sexuelle Aufbegehren gegen die Bürgerlichkeit, das Überschreiten dabei jeglicher ästhetischer wie moralischer Grenzen (schließlich könnte Pauls Gespielin seine Tochter sein) und das alles innerhalb eines hermetisch geschlossenen Raums, der eine zunehmend beklemmende Intimität schafft. Bertolucci und Brando gingen bei den Dreharbeiten aufs Ganze, überschritten dabei sogar die im Drehbuch festgesetzten Grenzen, bis die junge Schauspielerin Maria Schneider, die tapfer gegen Brando anspielte, kein Wort mehr mit ihrem Regisseur sprach. Das Experiment ging freilich auf und schrieb Filmgeschichte – keiner hat die beklemmende Atmosphäre des im Strudel seiner zerrissenen Gefühle untergehenden Mannes kompromissloser inszeniert als Bertolucci, keiner die Deformierung eines Menschen, die Versklavung durch seine Triebe aufrichtiger gespielt als Brando; der gerade noch den patriarchalischen „Paten“ gespielt hatte und nun, in einer Szne, den gehörnten Ehemann spielen musste und aus dem Stegreif Sätze improvisieren konnte wie diesen: "Ein Mann mag alle Mysterien des Universums kennen, aber das seiner Frau wird er nie verstehen."
Martin Rosefeldt
Erstellt: 28-01-06
Letzte Änderung: 14-08-08