Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > DVD-News > DVD News > Der menschliche Makel

DVD-News

Die ARTE DVD-Empfehlungen im Überblick

DVD-News

08/11/04

Der menschliche Makel

Ein Film von Robert Benton


Externe Links

Synopsis
 
Wegen eines einzigen, angeblich rassistischen Satzes steht der charismatische Universitätsprofessor Coleman Silke (Anthony Hopkins) plötzlich vor dem Nichts – er wird seines Postens an einem College enthoben, seine Frau stirbt, weil sie dem Druck der Öffentlichkeit und den Anfeindungen nicht gewachsen ist. Dabei könnte niemand besser als er selbst die Intrige entlarven: Silk ist selbst afroamerikanischer Abstammung – ein Geheimnis, das er ein Leben lang selbst vor seiner Frau geheim hielt und ihn in den 50er Jahren mit seiner Familie brechen ließ.  Erst dem krebskranken Schriftsteller Nathan Zuckermann (Gary Sinise)  kann er sich öffnen – ihm gesteht er auch seine leidenschaftliche neue Beziehung zu Faunia, einer Putzfrau seines College (Nicole Kidmann).  Eine Liebe, die von einem Trauma Faunias und der Rachsucht ihres Ehemannes (Ed Harris) überschattet wird.
 
Die Kommentar zum Film
 
Die Versuchung, ein literarisches Meisterwerk und zugleich einen Bestseller wie Philip Roths amerikanischen Gesellschaftsroman „The Human Stain“ auf die Leinwand zu bringen, um damit erneut Kasse zu machen, muss für die amerikanischen Produzenten Harvey und Bob Weinstein wohl ungleich größer gewesen sein, als alle Bedenken angesichts der Fallstricke, die das hochkomplexe, auf verschiedenen Zeitebenen angelegte, Multiplot-Werk auslegt: gleich vier facettenreiche Hauptfiguren mit jeweils eigener, von Roth breit angelegter Backstory, permanente Orts- und Zeitenwechsel, eine differenzierte gesellschaftspolitische, historisch fundierte Analyse der Vereinigten Staaten  am Ende des 20. Jahrhunderts, mehrere Liebesgeschichten und viele Lebenslügen.
 
So hat ihre Firma Miramax dann alles getan, um aus dem Preis gekrönten Roman einen logischen Oscar-Anwärter zu machen – ein Drehbuch mit hohem Wiedererkennungswert für die Roth-Kenner in Auftrag gegeben sowie eine Starbesetzung und einen zweifachen Oscarpreisträger und Hollywood-Routinier als Regisseur gecastet. Dass diese Rezeptur dann doch nicht aufgegangen ist, hat verschiedene Gründe. Zuerst zur Adaption, zur dramatischen Struktur der Kino-Adaption, die zwangsläufig vereinfachen, reduzieren muss, will man den Mainstream-Konsumenten nicht überfordern und unter dem magischen 2-Stunden-Aufmeriksamkeitslimit bleiben.
 
Alles wichtigen Facts, Wendepunkte und Lebenslügen hat Drehbuchautor Nicholas Meyer dennoch in sein Script gepackt. Was auf der Strecke bleibt angesichts des großen Figureninventars und hohen dramatischen Dichte, dass ist dann die Komplexität und Radikalität der Gefühle. Aus der sexuellen Obsession, die Silk für seine Faunia entwickelt, ist im Film eine romantische Liebe mit keuschen Bildern geworden. Dass auch die Roths Wut auf die gesellschaftlichen Deformationen der amerikanischen Gesellschaft im Kino viel von ihrer Wucht eingebüßt hat, mag nicht allein an Benton liegen, haben doch der 11. September und die darauf folgenden beiden Kriege die inneramerikanische Diskussion um sexuelle Doppelmoral, rassistische Diskriminierung und Vietnamtrauma stark in den Hintergrund treten lassen. Ohnehin interessiert sich Benton anders als Roth beinahe ausschließlich für die privaten, persönlichen Konsequenzen der „Makel“ seiner Figuren. Für ihre inneren Nöte allerdings sucht und findet er nur selten originelle gestalterische Mittel, jenseits expressiven Method Actings und konventioneller melodramatisierender Stimmungsbilder.
 
Hinzu kommt, dass Hopkins und Kidmann nicht aufgrund ihres schauspielerischen Vermögens, wohl aber aufgrund ihrer Physis und Herkunft  nicht die beste Wahl für diesen Film waren. Sich die Kidmann als kettenrauchende, derbe Putzfrau oder als Stall ausmistende, anpackende Farmershelferin vorzustellen, fällt bei ihrer filigranen Erscheinung trotz Lee Strassbergs Methode schwer. Und der Waliser Hopkins ist mit seinem unverkennbar englischen Akzent bei aller Liebe kein glaubwürdiger afroamerikanischer Coleman Silk, zumal die Besetzung seines jugendlichen Alter Egos mit einem afroamerikanischen Schauspieler die Glaubwürdigkeit noch weiter unterminiert. „Der menschliche Makel“, eine laue Literaturverfilmung mit vielen kleinen Makeln.
 
Martin Rosefeldt
  
-------------------
Regie: Robert Benton
Drehbuch: Nicholas Meyer, nach dem gleichnamigen Roman von Philip Roth
Darsteller: Nicole Kidmann, Anthony Hopkins, Ed Harris, Gary Sinise u.a.
Genre: Literaturverfilmung
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: 12
DVD Extras: keine

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04