Das russische Märchen Krümchen-Koselchen zum Anhören gelesen von Peter Wien
Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass ARTE über Weihnachten ein märchenhaftes Programm anbietet. Irgendwie hat „Märchen“ derzeit Konjunktur. Vielleicht hat die diesjährige Buchmesse mit ihrem Partner „Arabische Literatur“ und der Neu-Übersetzung von „Tausend und eine Nacht“ einen wesentlichen Anstoß dazu gegeben, die Welt der Märchen wieder zu entdecken.Das muss offenbar immer wieder einmal geschehen, denn an sich sind ja Märchen so alt wie die Welt, und immer schon haben sich die Menschen Geschichten erzählt. Immer ein bisschen anders - je nach Fähigkeit - sich zu artikulieren und die Zuhörer haben sie aufgenommen - je nach Wahrnehmungsmöglichkeit - und haben sie weitererzählt, so wie sie sie verstanden hatten. Tausende von Erlebnissen, von Erfahrungen, Gedanken und Mythen sind so in die Geschichten eingeflossen, und sie haben sich verdichtet zu Märchen. Dabei war, weil sie immer weiter erzählt wurden - von Mensch zu Mensch - der Mensch das Medium – und frei nach Marshal McLuhan „is the medium the message“. Erst als das Medium gewechselt wurde, als die Geschichten, die Märchen aufgeschrieben wurden, wurde dieser Prozess der ständigen Veränderung gestoppt und es entstanden Momentaufnahmen, bei denen alles, zum Teil allerdings sehr verschlüsselt, zu finden ist, was die Menschen durch die Jahrtausende hineinerzählt hatten. Diese Momentaufnahmen sagten aber auch einiges aus über diejenigen, die sie aufgeschrieben und damit zu Literatur gemacht haben.
Es war gewiss kein Zufall, dass sich die Romantiker zu Beginn des 19. Jahrhunderts so intensiv der Welt der Märchen zuwandten. Die Brüder Grimm zum Beispiel. Die waren, wie die Romantiker insgesamt - wie man Neudeutsch sagen würde - auf der Suche nach Identität, nach den Ursprüngen, den Quellen und wandten sich deshalb den Märchen zu. Sie suchten nach Menschen, die sie ihnen erzählen konnten, nach Möglichkeit gar im Dialekt, so ursprünglich wie möglich. Sie schrieben sie auf, und versuchten natürlich, sie zu entschlüsseln, die durch Jahrhunderte entstandenen Codes zu knacken, die Bilder zu erklären. Und weil sie, siehe oben, Identitätssucher waren – in diesem Fall waren die Grimms das Medium und ihre Version der Märchen die Message – waren die Märchentexte Zeugnisse der Ursprünge von Völkern, eines Volkes vielleicht sogar, des deutschen, einer entstehenden Nation. Deshalb waren Grimms Märchen so überaus erfolgreich im 19. Jahrhundert.
In Russland war Alexander Nikolajewitsch Afanasjew (1826 - 1871), um den es in dieser Buchbesprechung schon die ganze Zeit geht, ein großer Verehrer der Brüder Grimm und der deutschen Romantik. Als vielseitig gebildeter und mit breitem Spektrum forschender Autor fristete er ein eher bescheidenes Dasein als kleiner Angestellter beim Moskauer Archiv des Außenministeriums, bis auch das, wegen ständiger Schwierigkeiten mit der Zensur, endete und er mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte und 1871 an der Schwindsucht starb. Hoch geehrt von den Kollegen im In- und Ausland, von der Staatsmacht aber an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Alexander Nikolajewitsch Afanasjews wesentlichstes Verdienst ist es in der Zeit von 1855 – 1863 „Russische Volksmärchen“ herausgegeben zu haben. Sie wurden in Russland, wie Grimms Märchen in Deutschland, ein riesiger Erfolg, vor allem als Kinderbücher.
Dabei war der Ansatz von Afanasjew eigentlich ein anderer. So ähnlich wie den Brüdern Grimm ging es ihm darum, ethnologisch und literaturwissenschaftlich den Mythen der Märchenwelt auf die Spur zu kommen. Dabei hatte er das Glück, bei seinen Recherchen auf die Aufzeichnungen von Sammlern aus ganz Russland, die seit 1840 bei der Russischen Geographischen Gesellschaft archiviert wurden, zurückgreifen zu können. Es entstand so eine Sammlung von etwa 450 Märchen. Afanasjew hat sie dabei nur sehr wenig bearbeitet. Er hat sie vor allem von Elementen der Schriftsprache bereinigt, weil es ihm darum ging sie in der ursprünglichen Erzählsprache zu vermitteln, so authentisch wie möglich. So wie die Brüder Grimm, zurück zu den Ursprüngen.
Nur hat Afanasjews Suche nach den Quellen nicht an der Grenze zu einer nationalen Identität geendet. Ganz im Gegenteil hat er nicht danach gesucht, was die verschiedenen Volksmärchen voneinander unterscheidet, sie trennt, sondern danach, wo sie einander ähnlich sind, was sie verbindet. Er war nämlich der Meinung, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen den Märchen verschiedener indo-germanischer Völker gibt und dass die Märchen verschiedener Kulturen zum Teil auf ähnliche oder die gleichen Mythen zurückgehen und dass diese Mythen weiter Bestand haben, weil sie den Menschen zu eigen sind, über die unterschiedlichen religiösen, kulturellen und literarischen Entwicklungen der Völker hinweg.
Um auf den Anfang dieses Artikels zurück zu kommen: Vielleicht ist ja die Tatsache, dass „Märchen“ derzeit bei uns Konjunktur haben, ein Beleg dafür, dass auch wir, dass unsere Zeit auf der Suche ist nach Gemeinsamkeiten, nach gemeinsamen Mythen, gemeinsamen Ursprüngen, nach so etwas wie die Grenzen vernachlässigender, gemeinsamer Identität. Deshalb darf hier dieser Hinweis auf Afanasjew nicht fehlen. Und auch nicht der Hinweis, dass es bei dtv ein neues Bändchen „Russische Volkmärchen“ gibt. Neu ausgewählt aus der großen Sammlung und neu übersetzt von Christiane Körner, illustriert von Miriam Elze. Und für die, die Russisch lernen auf Deutsch und auf Russisch.
Die russischen Märchen sind so lesenswert wie eh und je. Dabei denke ich, dass man sie möglichst jemandem laut vorlesen sollte. Es ist eine wunderbar direkte Sprechsprache, der man sich kaum entziehen kann. Erzählte Literatur, sehr geeignet für die langen Winterabende.
Und hören Sie hier nun das russische Märchen Krümchen-Koselchen, gelesen von Peter Wien
Aus der Sammlung von A. N. AfanasjewRussische Volksmärchen Russisch und Deutsch
Illustriert von Miriam Elze
Übersetzt von Christiane Körner, 192 Seiten
dtv Verlag
ISBN 3-423-09413-3






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