In einer gewagten Fluchtaktion gelingt dem zu lebenslänglicher Haft verurteilten Gustave Minda, genannt „Gu“ (Lino Ventura), der Ausbruch aus dem Zuchthaus. In Paris angekommen, kann er seine beiden treuen Freunde Manouche und Alban in letzter Minute aus den Händen zweier Handlanger des skrupellosen Mafioso Joe Ricci befreien. Er will bei ihnen untertauchen, bis er sich über Marseille nach Italien absetzen kann. Zur Finanzierung der Flucht lässt er sich von einem alten Freund, Joe Riccis Bruder Paul, zu einem vielversprechenden Coup überreden, der sein letzter sein soll: einem bewaffneten Raubüberfall auf einen Geldtransporter bei Marseille. Es gibt ein Blutbad. Kommissar Blot (Paul Meurisse) schöpft Verdacht und macht Jagd auf ihn …
Der Einzelgänger Melville
Mit „Der zweite Atem“ bekräftigt Melville (1917-1973) seine Vorliebe für den Film Noir und verfeinert seinen bereits in „Drei Uhr nachts“ (1955) und „Der Teufel mit der weißen Weste“ (1962) erprobten minimalistischen Stil. Melville arbeitet mit präzis eingestellten und durchkomponierten Bildern sowie exakt darauf abgestimmten Dialogen. Der unnachgiebige Ästhet weiß genau, was er will, und lehnt jeden künstlerischen Kompromiss ab. Da er um jeden Preis unabhängig sein will, finanziert er 1955 den Bau seines eigenen Studios in einer leer stehenden Lagerhalle in der Rue Jenner (13. Pariser Arrondissement). Doch 1967, bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Der eiskalte Engel“, geht das „Jenner-Studio“ in Flammen auf. Die Drehbücher, die Melville von Produzenten angebotenen werden, landen meistens im Papierkorb. In dem interessanten Gespräch mit François Chalais (siehe Link zur Website des INA), das aus der Zeit von „Der zweite Atem“ stammt, sagt er dazu: „Ich habe seit drei Jahren keinen Film gedreht und viele Drehbücher abgelehnt. Warum? Ich bin nicht versessen aufs Filmemachen. Ich drehe nur dann einen Film, wenn mir das Sujet 70 Tage lang gefällt, so lange, wie normalerweise die Dreharbeiten dauern.“ Der Exzentriker Melville liebt das Zelluloid-Amerika und fährt einen Ford Mustang, trägt ständig eine Sonnenbrille und einen Stetson-Hut. Der eingefleischte Nachtschwärmer arbeitet gern in der Einsamkeit der Nacht. Auf Chalais’ Frage, ob er ein Menschenfeind sei, antwortet er: „Ja, ein großer! Sie kennen ja meine Tiere!“
Ein Kino-„Literat“
Das Pseudonym „Melville“ wählte der unter dem Nachnamen Grumbach geborene Filmemacher als Hommage an den amerikanischen Schriftsteller Herman Melville. Im erwähnten Interview bekennt er, er träume davon, dass es Raum gebe „für ein besonderes, intellektuelleres, etwas literarisches Kino“. Und zu Beginn seiner Laufbahn drehte er tatsächlich bemerkenswerte Literaturverfilmungen: 1947 mit bescheidensten Mitteln „Das Schweigen des Meeres nach der berühmten Résistance-Novelle von Vercors; 1950 „Die schrecklichen Kinder“ nach der Vorlage von Jean Cocteau, der auch am Drehbuch mitarbeitete; 1961 „Eva und der Priester“ nach dem Roman von Beatrice Beck und 1963 „Die Millionen eines Gehetzten“ nach dem Kriminalroman von Georges Simenon.
„Der zweite Atem“ ist die Verfilmung des Romans von José Giovanni, der 1958 in der Reihe „Série noire“ erschien und von Cocteau enthusiastisch begrüßt wurde. Giovannis genaue Kenntnis des Gefängnis- und Verbrechermilieus beruht auf eigenen Erfahrungen: Der junge Giovanni war zum Tode verurteilt worden und hatte drei Jahre im Todeskorridor verbracht (wovon sein Roman „Das Loch“ aus dem Jahr 1959 handelt). Die Strafe wurde später in lebenslänglich umgewandelt, bis es schließlich zur Begnadigung kam. „Der zweite Atem“, zu dem Giovanni zusammen mit Melville das Drehbuch schrieb, beruht auf einer wahren Begebenheit, in die ein Gangster namens Gustave Méla, genannt „Gu der Schreckliche“, verwickelt war. Giovanni veränderte den Namen in Gustave „Minda“.
Drei Jahre später verfilmte Melville, wieder mit Ventura und Meurisse, Joseph Kessels Roman „Armee im Schatten“. Es ist sicherlich der ergreifendste Film, der je über die Résistance gedreht wurde.
Gu oder ein untergegangenes Zeitalter
Gustave Minda, genannt „Gu“, stellt den nach unumstößlichen moralischen Grundsätzen handelnden Gesetzlosen dar. Der Ehrenmann gibt nie nach, nicht einmal unter der Folter. Sein Ruf im Milieu wurde zu Unrecht beschmutzt (ihm wird vorgeworfen, Komplizen ans Messer geliefert zu haben), und er wird alles dafür tun, seine Unschuld zu beweisen. Seltsamerweise verweist eine Einblendung am Ende des Films darauf, dass sich die Autoren von dieser Ganovenmoral distanzieren. Dabei scheinen es gerade der unbeirrbare Wille und diese aus einer anderen Zeit stammenden und im Verschwinden begriffenen moralischen Grundsätze zu sein, die Melville faszinieren und nicht loslassen.
Einzigartige Darsteller
Es gibt viele hochinteressante und gut besetzte Nebenrollen, aber im Mittelpunkt stehen drei Charaktere: Gu, Manouche und Kommissar Blot. Die Rolle der unnahbaren Manouche wird nicht von einer Schauspielerin, sondern von einer Fernsehansagerin gespielt, einer schönen blonden Frau mit geradezu feierlicher Haltung. Paul Meurisse, damals einer der besten französischen Schauspieler, ist Kommissar Blot, der brillante, gnadenlose, zu ungewöhnlichen Methoden greifende Polizist. Die scharfen Repliken - eher selten in diesem Film – treffen jedes Mal ins Schwarze. Unvergesslich ist beispielsweise Blots wunderbare Tirade, als er am Tatort eintrifft und den Zeugen auf den Kopf zusagt, was sie denken (s. Link).
Eine spürbare Beeinflussung des heutigen Filmschaffens
Der Regisseur Melville, der das Krimi-Genre perfekt beherrscht, stellt den Menschen, der um eines Ideals willen sein Leben riskiert, in den Mittelpunkt seiner Geschichten. Er lässt das Schicksal walten, verleiht ihm aber einen Hauch von Melancholie. Seine weiten Räume stehen für das Bedürfnis nach Unendlichkeit, und die Momente des Schweigens könnten lastender nicht sein. Zum „Vater der Nouvelle Vague“ wurde er eher gegen seinen Willen. Chalais gegenüber erklärte er: „Ich habe mich von dieser Bewegung distanziert, weil es mir widerstrebt, einer Schule, einer Sekte anzugehören. Ich bleibe gern allein.“ Dennoch hat er für Jean-Luc Godard in „Außer Atem“ die Rolle des Filmemachers Barbulesco gespielt. Einige Filme von Melville, der seit seiner Kindheit vom amerikanischen Film beeinflusst ist (er zitiert oft Charlie Chaplin und „Kavalkade“ von Frank Lloyd), erinnern denn auch an amerikanische Gangsterfilme: beispielsweise an „Force of Evil“ (Fernsehtitel: „Die Macht des Bösen“, 1947) von Abraham Polonsky und „Die Lady von Shanghai“ (1948) von Orson Welles, mit dem er den bedingungslosen Ästhetizismus und die Vorliebe für die Ellipse teilt.
Heute allerdings sind die amerikanischen Filmemacher von Jim Jarmusch über Quentin Tarantino, die Brüder Coen und Michael Mann ihrerseits fasziniert von Pierre Melvilles Werken, insbesondere von „Der eiskalte Engel“. Aber auch in Asien gibt es Bewunderer, zum Beispiel John Woo und Takeshi Kitano. Auch noch 35 Jahre nach seinem Tod sind die Filme des geheimnisvollen Melville gleichsam „schwarze Diamanten“ und beflügeln die Phantasie.
Delphine Valloire
Video
Der Angriff in der Bar und die Ankunft des Kommissars (s. die urkomische Tirade von Paul Meurisse als Kommissar Blot) :
Liens
- Auf der Webseite des INA (Institut National de l’Audiovisuel), das großartige Interview von François Chalais mit Jean-Pierre Melville und Lino Ventura über die Dreharbeiten zu „Der zweite Atem“
- Im Handel : Jean Pierre Melville : portrait en neuf poses (Cinéastes de notre temps - 16/07/1971 - 51min41s)
- Jean-Pierre Melville, Paul Meurisse, Lino Ventura : Interview über die Dreharbeiten zu „Der zweite Atem“ (26 Februar 1966)






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