Verzweifelt suchen deutsche Lektoren nach neuen Maschen, Moden und Autoren, um dem ungehemmt boomenden Krimigenre neuen Lebensstoff zuzuführen. Wenig erfolgreich: Rundum langweilt es. Da zeigt ihnen ein Ein-Mann-Verleger, was eine Harke ist. Bereits zum zweiten Mal ist Jens Seeling aus Frankfurt eine veritable Entdeckung gelungen: Mit „Scheiterhaufen“ von Derek Nikitas präsentiert er mutig das faszinierende Debüt eines amerikanischen Autors, an das sich große deutsche Verlage nicht herangetraut haben. (…)
Als dieser Roman 2008 in den Staaten erschien, wurde er gleich für den Debüt-Edgar nominiert, verlor aber gegen die mainstream-kompatiblere Tana French.
Lucia Moberg, sechzehn, ist von ihrem Vater, einem aus Schweden in den Norden der USA eingewanderten Literaturprofessor, nach der Heiligen benannt worden, die sich in seiner Heimat mit ihren Adventslichtern der winterlichen Dunkelheit widersetzt. Dunkel und schrecklich ist auch Lucias Zukunft: Aus einer Shoppinglaune heraus lässt sie sich von ihrem Vater in die Stadt fahren. Auf dem Parkplatz wird er von einem Räuber erschossen. Lucia erlebt den Tod ihres Vaters, bespritzt mit Blut und Schädelfragmenten auf dem Rücksitz mit. Kaum hat sie halbwegs wieder den Durchblick gewonnen, stürzt sich ihre Mutter, seit je depressiv, schrullig und suizidgefährdet, in den winterkalten Lake Ontario und schlägt sich dabei den Kopf auf. Lucia, allein gelassen von der Mutter, die den Verstand verloren hat, und der ebenso wenig lebenstauglichen Großmutter, versucht ihr Leben auf sich gestellt zu reorganisieren. Dass sie dabei Schutz bei dem etwas älteren Sohn der Nachbarin sucht, ist einer der wenigen Fehler, den sie dabei macht.
Nikitas, der bereits über einige Erfahrung als Drehbuchautor verfügt, hat in „Scheiterhaufen“ einen extrem finsteren und bösartigen Plot gezwirbelt, der bis zum Schluss, den man nicht gerade als happy end bezeichnen kann, voller Überraschungen steckt. Auch wenn das Spiel mit Licht und Dunkel – hier die tapfere Sechzehnjährige auf einem wahrlich wüsten Weg in die Welt der Erwachsenen, dort eine Gang höllisch rassistischer und sadistischer Biker – recht grell gezeichnet ist, liegt der eigentliche Reiz dieses Buches in der feinen Sprache. Geschickt und sinnfällig spielt Nikitas auf die nordische Mythen- und Sagenwelt des verstorbenen Vaters an. Er wickelt daraus gewissermaßen einen Schutzzauber für seine junge Heldin. Dieser mythische Zaubermantel hilft ihr psychologisch völlig glaubhaft, ohne Schmu!, mit der Einsicht fertig zu werden, dass es zwischen Gut und Böse nur einen fließenden Übergang gibt. Das wurde lange nicht mehr so mitreißend, eindrucksvoll und irrsinnig spannend erzählt.
Tobias Gohlis/buchjournal 26.8.10
KrimiWelt-Bestenliste August 2010
Luc und ihr Vater sind gerade ins Auto gestiegen, um vom Einkaufszentrum nach Hause zu fahren, da sagt ein Mann zu Oscar Moberg: „Gib mir deine verdammte Brieftasche!“ Sekunden später erschießt er Lucs Vater. Die 15-Jährige sitzt daneben. Eben war sie noch ein aufmüpfiger, behüteter Teenager, jetzt wünscht sie sich, sie und ihre Familie könnten ein zweites, ein anderes Leben bekommen. Derek Nikitas, selbst noch ein ziemlich junger Mann, hat einen berührenden Kriminalroman über eine Erwachsenwerdung geschrieben, wie man sie keinem Menschen wünscht.Gleichzeitig über die erschütternde Perspektivlosigkeit einer jungen Frau namens Tanya, die in gewalttätigen Bandenkreisen steckt und ein Kind erwartet von einem, der nicht zögert, sie zu misshandeln.
„Scheiterhaufen“ ist trotz einer etwas konstruierten Auflösung ein starker, von Sprachklischees freier Erstlingsroman.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau Juli 2010
KrimiWelt-Bestenliste August 2010







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