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DVD-News - 16/03/05

Derrida

Ein Film von ick Kirby & Amy Ziering Kofman


Ein eigenwilliges Porträt
eines eigenwilligen Philosphen

Externe Links

  • Synopsis
 
Die beiden Filmemacher Dick Kirby und Amy Ziering Kofman folgten über fünf Jahre lang dem Philosophen Jacques Derrida mit ihrer Kamera. Derrida ist der Begründer des Dekonstruktivismus und damit einer der wichtigsten und innovativsten zeitgenössischen Philosophen.
 
  • Der Kommentar zum Film
 
Wie es scheint haben die beiden amerikanischen Filmemacher ein Porträt im üblichen Sinne geplant – doch Derrida entzieht sich ihnen beständig, und so blieb ihnen nichts anderes übrig als sich auf diese neue Situation einzulassen. Bei jeder Gelegenheit weist der französische Philosoph algerischer Abstammung außerdem auf die künstliche Situation des scheinbar so authentischen Dokumentarfilmens hin: „Nennen Sie das Cinéma Vérité ? Dabei ist fast alles falsch.“ sagt er unvermittelt. Dann erklärt er den Filmemachern, dass er normalerweise bis mittags im Pyjama mit Morgenmantel zu Hause arbeitet, während er sich für die Kamera stets anzieht. Clevererweise versucht das Team nicht im Verborgenen zu bleiben, sondern wird selbst Teil des Films. Damit de-konstruieren die Filmemacher ganz bewusst die Illusion, die Filme sonst gerne aufrechterhalten und deshalb ihre eigene Konstruktion verbergen. Einer der Kameraleute schleicht ums Haus, in dem Derrida ein Interview gibt – und filmt den Interviewten mit Team. Einmal bleiben wir als Zuschauer gar im Haus zurück und sehen aus einem hoch gelegenen Fenster, wie der Philosoph und das Team das Haus verlassen, und die Kamerafrau auf der Strasse behende um ihn herumtänzelt.
 
Ein andermal wird Derrida gemeinsam mit seiner Frau Marguerite gefilmt, mit der er seit 1957 verheiratet ist. Beide werden aufgefordert zu erzählen, wie sie sich kennen gelernt haben, doch sie rücken nicht mehr Information als die nüchternen Fakten – die Jahreszahl  -heraus. Kurz darauf sieht sich Derrida die gefilmte Szene auf einem Monitor an und lächelt zufrieden: „Ich mag diesen Moment. Wir haben beide genau an dasselbe gedacht, und sagen es beide nicht. Wir bleiben an einer Grenze, wo Vertrauen unmöglich ist.“
 
Es gelingt den Filmemachern trotz fünfjähriger Dreharbeiten kaum, diese Grenze zu verschieben. Und doch ist das Ergebnis ein überaus sehenswertes Dokument. Es ist kein Porträt geworden, vielmehr eine Collage, eine Sammlung aus im Off vorgetragenen Auszügen von Werken Derridas, Interviews mit ihm, Szenen seiner Vortragsreisen nach Südafrika und immer wieder Amerika. Einmal entfährt es dem Philosophen etwas leichtfertig, dass ihn bei einem Film über Heidegger oder Hegel am meisten deren Sexualleben interessieren würde. Selbstverständlich fügt er, fast im selben Atemzug hinzu, dass er selbst solche Fragen keinesfalls beantworten würde. Doch keine Antwort ist auch eine Antwort, und Derrida ist eben auch in dieser Hinsicht durchaus aufschlussreich. 

  • Das Bonusmaterial
 
Wer den collageartigen Film mochte, der wird sich freuen, hier umfangreiches, weitergehendes Material geliefert zu bekommen. Die neuen kurzen Interviewausschnitte widmen sich diversen Themen, die alle eigene Titel tragen: Schreibangst, Der Film wird mich überleben, Eureka, Keine Fotos, Kindergarten, Über das Sein, Tiere, Spiele der Kindheit und Very American. In Schreibangst etwa verrät Derrida, dass er im Halbschlaf bisweilen sehr  an dem zweifelt, was er tagsüber geschrieben hat. „Ich muss verrückt sein,“ grübelt er vor sich hin. Am nächsten Morgen jedoch – wenn er das Geschriebene durchliest – sind die Sorgen vergessen. „Vielleicht bin ich tagsüber näher an meinem Unterbewusstsein als wenn ich schlafe,“ erklärt er sich selbst diesen seltsamen Umstand.
 
Bei dem Bonustrack „Nicht verwendetes Material,“ finden sich einige Szenen, die den Weg aus dem ein oder anderen Grund nicht in den Film geschafft haben, die aber dennoch sehr interessant sind. So gibt es hier etwa einen alternativen Anfang zu sehen, der mit viel Schwarzfilm arbeitet. Bis in die späten 70er Jahre ließ sich Derrida nicht einmal fotografieren - jetzt gibt es sogar einen Dokumentarfilm über ihn. Dieser potentielle Anfang kreiert ein Geheimnis um die Person Derridas. So sitzt er etwa auf einem Podium, während in Split Screen Aufnahme die Kamera sich in seinem zuhause umsieht. In einer anderen Szene erzählt ein Freund über ihn, aber auch bei ihm wird man das Gefühl nicht los, er zensiert  sich bereits während des Sprechens. Er erwähnt das seltsame Verhältnis, das Derrida zu Fahrzeugen hat, will aber nicht näher darauf eingehen. Die Szene „Die Spur“ lebt von einer melancholischen Poesie - schade, dass sie nicht im Film zu finden ist. Die Kamera fährt das Arbeitszimmer des Philosophen ab und findet dabei diverse gute Grossaufnahmen – von seiner Uhr, seinen Aufzeichnungen. Auf der Tonebene findet sich ein Satz Derridas, der sich in einer Art Zeitschleife wiederholt.
 
Ein weiteres Extra sind Aufnahmen der Fragen und Antwort-Session während der Premiere im Filmforum in New York am 22.10.2002. Derrida betont, dass er zuerst gegen den Film gewesen sei. „Durch ein Missverständnis wurde aus einem Nein ein Ja,“  fügt er hinzu. Wie er sich damit fühlt? „Ich kann nicht sagen, dass ich über den Film glücklich bin. Er ist fertig. Ich war sehr ängstlich. Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin.“ Hm. Doch von seinem Recht, den Film vor der Fertigstellung zu verändern, machte er kaum Gebrauch. Er ließ lediglich einige Szenen herausschneiden, in der seine Frau seiner Meinung nach zu häufig in der Küche zu sehen war, „denn das führt zu einem völlig falschen Eindruck.
 
Viele aufklärende Hinweise zu den Dreharbeiten bietet der Audiokommentar der beiden Filmemacher. Dort erfährt man auch, wie es zu der Zusammenarbeit mit dem Oscargekrönten japanischen Filmkomponisten Ryuichi Sakamoto kam, der erneut hervorragende Arbeit geleistet hat.
 
Nana A.T. Rebhan

 
  • Derrida
Regie: Kirby Dick, Amy Ziering Kofman
Mit: Jacques Derrida
Buch: Kirby Dick, Amy Ziering Kofman
Produktion: USA 2002 - Jane Doe Films
Musik: Ryuichi Sakamoto
Kamera: Kirsten Johnson
Schnitt: Kirby Dick, Matt Clarke
 
  • Ausstattung
DVD, 86 Min + ca. 69 Min. Extras, Farbe
DVD 5 PAL - Filmformat: 1.33:1 - Ton: Dolby SR,
Englisch-französische Originalfassung
Deutsche Untertitel
Kapiteleinteilung
Bonus Filmmaterial: 9 zusätzliche Kurzinterviews mit Derrida; 8 Deleted Scenes, Liveaufnahme von der New Yorker Filmpremiere. Zuschaltbarer Audiokommentar der Regisseure
 

Erstellt: 15-03-05
Letzte Änderung: 16-03-05