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Der tödliche Zucker

Diabetes mellitus, allgemein auch als "Zuckerkrankheit" bekannt, ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel gekennzeichnet ist.

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Der tödliche Zucker

Diabetes mellitus, allgemein auch als "Zuckerkrankheit" bekannt, ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel (...)

Der tödliche Zucker

27/02/07

Risiko Übergewicht

Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung – treibende Faktoren einer Epidemie

Von Prof. Dr. Hermann Liebermeister
Chefarzt und Ärztl. Direktor a.D., Neunkirchen-Saar
publiziert in: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2004. Vorgelegt von der deutschen Diabetes-Union zum Weltdiabetestag im November 2004
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Übergewicht nimmt bei uns in der Wohlstandsgesellschaft, aber auch in den sogenannten „Schwellenländern“, welche am Übergang zur Industriegesellschaft stehen, dramatisch zu, und das führt zu einer beeindruckenden Steigerung der Diabetes-Häufigkeit weltweit. Die WHO hat dieses Problem frühzeitig erkannt und eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, die sich damit befasst.

Die „guten Futterverwerter“ unter uns – und dies betrifft leider vor allem ihr krankheits-förderndes Fett am und im Bauch – sollten versuchen, einigermaßen ihr Normalgewicht zu halten. Das bedeutet: weniger essen, kalorienreiche Getränke vermeiden und mehr Bewegung, also eine gewisse Askese zu üben. Und die fällt in Zeiten des Überflusses und beim Vergleich mit den von Natur aus Schlanken, die fröhlich zulangen und faulenzen können, ziemlich schwer.

Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung: Haupt-Todesursachen!
In den USA ist unter den vermeidbaren Todesursachen der Anteil des Übergewichts im Zeitraum von 1990 bis 2000 von 14 auf 16,6 % angestiegen, der des Rauchens von 19,0 auf 18,1 % leicht zurückgegangen und der des Alkohols von 5,0 auf 3,5 % gefallen. Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel erwiesen sich als führende Todesursachen in den USA im Jahr 2000. Kriegs - und Nachkriegszeiten mit Hungerperioden stellen dagegen die besten Vorbeugungsmaßnahmen gegen Diabetes dar. Das hat sich bei der Belagerung von Paris im Krieg von 1870/71 und während und nach den beiden Weltkriegen in England und Wales bestätigt. Diese schlimmen Zeiten haben die Diabetes-Sterblichkeit dort erstaunlicherweise wesentlich stärker absinken lassen als die Einführung des Insulin oder der oralen Antidiabetika.
Die wiederholten Beobachtungen, dass eine Ernährungsumstellung mit Gewichtsverlusten auch die Diabetes-Einstellung verbessert, haben sich schon früh bei der großangelegten britischen UKPDS-Studie („UK-prospective diabetes-Studie“) bestätigt, die heute unsere Vorstellungen von der Diabetes-Behandlung stark prägt. Man beobachtete hierbei nämlich in der Vorperiode, d. h. vor der Verteilung der Patienten auf die verschiedenen Behandlungsverfahren, einen Rückgang des Idealgewichtes von 124 % auf 117 %. Diese Entwicklung in Richtung normales Gewicht ließ auch eine deutliche Besserung des Blutzuckers erkennen.

Eine halbe Stunde spazierengehen: 36% weniger Risiko
Auch der Nutzen der Bewegung wird immer deutlicher. Sie gehört zwar schon lange zu den 3 Säulen einer sinnvollen Diabetes-Einstellung. Sie hilft aber auch bei der Vorbeugung: eine kürzlich erschienene Untersuchung aus Helsinki bestätigt dies nachdrücklich: Wer mehr als eine halbe Stunde mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr oder zu Fuß ging, konnte sein Risiko, an Diabetes zu erkranken, um 36 % verringern. Körperliche Betätigung bei der Arbeit und/oder in der Freizeit senkten dieses Risiko noch einmal um jeweils etwa 30 %.
In eine weiteren Interventions- Studie aus Finnland an 522 an Übergewichtigen mit gestörter Glukosetoleranz führten individualisierte Ernährungsberatung und gesteigerte körperliche Aktivität zu einem Gewichtsverlust von 4,2 kg und einem Rückgang der Diabetes-Manifestation auf 58 %, verglichen mit –0,9kg und 80 % in der Vergleichsgruppe.
Anscheinend erlauben solche Änderungen des Lebensstils u. a. der Muskulatur eine stärkere Verbrennung von freien Fettsäuren und verbessern so die Glukosetoleranz.

Fazit: Vernünftiger essen und trinken und mehr körperliche Bewegung helfen, den Diabetes zurück zu halten oder ihn besser einzustellen, wenn er sich erst einmal manifestiert hat.

Ist der Diabetes bereits manifestiert, werden die kardio-vaskulären Risikofaktoren durch die übliche medikamentöse Kombinations-Therapie nur wenig gebessert. Eine weitere Studie konnte zeigen, dass erst die körperliche Aktivierung bei 35 Typ-2-Diabetikern zu signifikanten Absenkungen von HbA1c, systolischem Blutdruck, Fibrinogen und Gesamt-Cholesterin als Risikofaktoren führten, gegenüber der gleich großen Kontrollgruppe, deren entsprechende Vergleichs-Werte sich sämtlich verschlechterten.

Zurück zum gesünderen Leben
Die Erfolge der individuellen Behandlung bei Übergewicht sind leider noch nicht überzeugend, und auch die Bemühungen, auf Gemeinde-Ebene das Gesundheitsbewusstsein zu fördern, haben zwar Blutzucker und Blutdruck absinken lassen, aber am (Über-)Gewicht der Teilnehmenden kaum etwas geändert. Bei der WHO und im angelsächsischen Raum kommt man daher immer stärker zur Einsicht, dass nicht nur der Einzelne seinen Lebenswandel ändern muss, sondern dass man auch im öffentlichen Bereich dafür sorgen sollte, dass vor allem Kinder und Jugendliche sich mit Freude mehr bewegen können und nicht dauernd mit dem Angebot von Kalorienbomben überschwemmt werden.
Verantwortliche in vielen Gegenden Europas haben diese Aufgabe inzwischen verinnerlicht und erste Schritte eingeleitet.

Initiativen gegen Übergewicht
Das deutsche Verbraucherministerium hat auf Bundesebene eine „neue Ernährungsbewegung“ mit Beratungsprogrammen in Kindergärten und Schulen und der Entwicklung von Unterrichtseinheiten zu gesunder Ernährung ins Leben gerufen. Frau Minister Künast schlug im gleichen Sinne vor, die Mehrwertsteuer auf „ungesunde“ Nahrungsmittel vom halben Satz auf die volle Höhe anzuheben.
Besonders ideenreich gehen Belgien und Frankreich das Problem an: Man setzt sich dafür ein, dass Supermärkte Süßwaren nicht mehr in „Kindergriffshöhe“ auslegen, überlegt sich, ob das zweite Frühstück in der Schule überhaupt notwendig ist, fordert Warnhinweise bei Fernseh-Reklame für Nahrungsmittel in Jugendprogrammen. Allerdings sind entsprechende Gesetze im französischen Parlament gescheitert, weil ausgerechnet das Gesundheitsministerium darin eine Einschränkung der Freiheit sah, die aber offensichtlich bei der Bekämpfung des Rauchens völlig in den Hintergrund tritt.
In England denkt man u.a. an eine „fat tax“, die zusätzlich zur Mehrwertsteuer von 17,5% erhoben werden könnte.

Änderungsvorschläge, z. T. nach Vorschlägen der WHO

Stadtentwicklung und Transport

  • Mehr Fußgängerzonen, Fuß- und Radwege sowie verkehrsberuhigte Zonen
  • An Feiertagen große Straßen für Radfahrer und Inline-Skater frei geben
  • Mehr öffentlich zugängliche Sportanlagen und Parks schaffen (z.B.Fußballplätze und Halfpipes)
  • Öffentliche Gebäude und Kaufhäuser so planen, dass eher Treppen benutzt werden

Gesetzliche Regelungen

  • Verständliche und korrekte Kennzeichnung von Lebensmitteln
  • Analog zu den Maßnahmen bei anderen „Killern“ wie Nikotin und Alkohol Erschwerung der Reklame für Übergewicht-fördernde Nahrungsmittel und Getränke
  • Erhöhte Steuern darauf, z.B. Mehrwertsteuer zum vollen Satz ohne Ermäßigung
  • Subvention geeigneter Nahrungsmittel wie Gemüse, Obst und Fisch.
  • Warnhinweise bei Werbung für „Kalorienbomben“

Schulen

  • Moderner, gut angenommener Schulsport (z.B. Inline-Skaten etc.)
  • Öffnung der Schulhöfe und Sporthallen nachmittags für Sport und Spiel
  • Ungeeignete Nahrungsmittel und Getränke aus der Schulkantine und dem Angebot in Schulen verbannen, Stattdessen gesunde Lebensmittel anbieten
  • Statt zweites Frühstück „bewegte Pause“

Restauration

  • Sorgfältigere Auswahl von Kantinen in Schulen, Betrieben und Krankenhäusern
  • Angabe des Kaloriengehaltes der Nahrungsmittel
  • Keine Auslagen von kalorienreichen Nahrungsmitteln in „Kindergriffshöhe“

Massenmedien

  • Gesunden Lebensstil mit positivem Image stärker propagieren
  • Reduktionserfolge von Politikern, Medienstars und Spitzensportlern hervorheben
  • Werbung für sinnvolle Initiativen
  • Einschränkung des Fernsehkonsums, nicht nur bei Kindern und Jugendlichen
  • Abkehr vom „Schlankheitswahn“ bei Models und Stars, der bei jungen Mädchen Ess-Störungen begünstigt

Arztpraxen, Krankenhäuser und Sportvereine

  • Förderung des Stillens
  • Mehr Angebote für übergewichtige Kinder

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Literatur:
Liebermeister, H.: Adipositas - Ursachen, Diagnostik, moderne Therapieoptionen. Deutscher Ärzteverlag, Köln 2002.

Ramachandran, A, C. Snehalatha, ADS Baskar et al.: Temporal changes in prevalence of diabetes and impaired glucose tolerance associated witrh lifestyle transition in the rural population of India. Diabetologia 47 (2004) 860-865.

Obesity: Preventing and Managing a Global Epidemic. Report of a WHO Consultation on Obesity. Genf 3. bis 5. 6. 1997.

Mokdad AH et al.: Actual causes of death in the United States, 2000. JAMA 291 (2004) 1238-1245.

Turner R.C. und die U.K. Prospective Diabetes Study Group: II. Reduction in HbA1c with Basal Insulin Supplement, Sulfonylurea or Biguanide Therapy in Maturity-onset Diabetes. Diabetes 34 (1985) 793-798.

Hu G. et al.: Occupational commuting and leisure-time physical activity in relation to risk for Type 2 diabetes in middle-aged Finnish men and women. Diabetologia 46 (2003) 322-329.

Lindström J, A Louheranta, M Mannelin et al.von der Finnish Diabetes Prevention Study Group: Lifestyle intervention and 3-year results on diet and physical activity. Diabetes Care 26 (2003) 3230-3236.

Mensink M, EE Blaak, H. Vidal et al.: Lifestyle changes and lipid metabolism gene expression and protein content in in skeletal muscle of subjects with impaired glucose tolerance. Diabetologia 46 (2003) 1082-1089.

Diabetes Prevention Program Research Group: Reduction in the Incidence of Type 2 Diabetes with Lifestyle Intervention or Metformin. New Engl. J. Med. 346 (2002) 393-403.

Saydah SH et al.: Poor control of risk factors for vascular disease among adults with previously diagnosed diabetes. JAMA 291 (2004) 335-342.

Kirk A, N Mutrie, P McIntyre, M Fisher: Effects of a 12-month physical activity counselling intervention on glycaemic control and on the status of cardiovascular risk factors in people with Type 2 diabetes. Diabetologia 47 (2004) 821-832.

Dtsch. Ärzteblatt 101,26 (25.6.2004) C 1481.

Liebermeister H.: Effects of weight-reduction in obesity-associated diseases.
www.egms.de/de/gms/2003-1/000004.shtml.

Erstellt: 10-03-05
Letzte Änderung: 27-02-07