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Schwerpunkt Indien - 09/10/06

Dichter der Unterdrückten

Namdeo Dhasal und das indische Kastensystem heute


Seit mehr als 50 Jahren sind kastenbedingte Benachteiligungen in Indien verboten. Trotzdem beherrscht die Kastenhierarchie noch heute das Denken vieler Inder. Noch immer kommt es zu Repressionen gegen die so genannten „Unberührbaren“. Der „Dalit“-Dichter und Politiker Namdeo Dhasal war lange Zeit einer von ihnen.

„Ein entleerter Sonnenball / Verlosch / In die Arme der Nacht / Da kam ich zur Welt / Auf dem Pflaster / In zerknüllte Lumpen / Und verwaiste (...) – so beschreibt der Dalit-Dichter Namdeo Dhasal in seinem Gedicht „Auf dem Weg zum Schrein“ seine Ankunft auf einer Welt, die für ihn als „Unberührbarer“ nicht die gleiche sein sollte, wie für andere.

1947, im Jahr von Indiens Unabhängigkeit in der Nähe von Pune geboren, kam Namdeo Dhasal als Kind nach Bombay, wo sein Vater Arbeit als Fleischergehilfe fand. Sie lebten im Rotlichtviertel Golpitha, nach welchem Dhasal später, 1972, seinen ersten Gedichtband benennen sollte. Im selben Jahr gründete er die „Dalit-Panther“, eine militante Jugendorganisation nach dem Vorbild der „Black Panther“ in den USA.

Die radikale Sprache des Gossenjargons aus dem Bombayer Rotlichtmilieu schockierte die Literaturszene. Liest man Dhasals Gedichte über Bombay heute, so erkennt man die Verzweiflung des Ausgeschlossenen, Verachteten in starken Bildern und einer Sprache, die dem Westeuropäer vertraut erscheint.

Der Begriff „Dalit“ – „Unterdrückter, Ausgebeuteter“ – geht auf Bhim Rao Ambedkar zurück, einen Sohn Unberührbarer, der das ungewöhnliche Privileg hatte, eine Ausbildung genießen zu dürfen. Zur gleichen Zeit wie Mahatma Gandhi kritisierte er das Kastensystem scharf – wenn auch auch mit anderen Methoden als der Pazifist. Nach der Unabhängigkeit wurde er unter Nehru Justizminister und „Architekt“ der neuen Verfassung von 1950, die kastenbedingte Benachteiligungen und Vorrechte verbietet. Dennoch herrscht die Kastenhierarchie bis in den Köpfen der meisten Inder. Auch die Muslime und Christen haben sich ein ausgeprägtes Kastenbewusstsein bewahrt.

Die Regeln des hinduistischen Manu-Smriti, des „Gesetzbuches des Manu“, Stammvater der Menschheit, unterteilen die Gesellschaft in vier große Gruppen, die „Varnas“, die jeweils einem bestimmten Körperteil des göttlichen Urmenschen Purusha zugeordnet sind: die Brahmanen – priesterliche Elite und reinste Kaste – repräsentieren seinen Kopf, die Kshatriyas – Krieger und Herrscher – seine Arme, die Vaishyas – Händler – seine Beine. Die Mitglieder der niedrigsten Kaste, die Shudras, sind seinen Füßen zugeteilt und somit dazu bestimmt, den anderen zu dienen. Die Varnas wiederum sind in insgesamt etwa 3000 weitere Kasten unterteilt, die „Jatis“, die die Menschen im praktischen Leben voneinander abgrenzen.

Nach wie vor wird man in Indien in das Kastensystem hineingeboren, ein Austritt ist nicht möglich. Theoretisch sagt die Kaste nichts über materiellen Wohlstand aus. Trotzdem findet sich die Armut – durch jahrhundertelange Ausbeutung und die Zuteilung minder geächteter Arbeiten – zumeist in der untersten Kaste der Shudras und bei den „Unberührbaren“. Letztere gehören entweder den niedrigsten Jatis an oder sie fallen vollständig aus dem Kastensystem heraus, weshalb sie auch „Kastenlose“ (Parias) genannt werden – wie Namdeo Dhasal.

Die Hierarchien innerhalb der Kasten beruhen auf Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit, weshalb es Angehörigen verschiedener Kasten lange Zeit nicht erlaubt war, gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen, geschweige denn, zu heiraten.
Wenngleich mit der Wahl des „Dalit“ Shri Kocheril Raman Narayanan zum Präsidenten 1997 (bis 2002) ein großes Zeichen gesetzt wurde, ist in weiten Teilen Indiens eine „Vermischung“ der Kasten noch immer tabu. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Demütigungen „Unberührbarer“ oft stillschweigend hingenommen. 

„Scheduled Castes“ lautet der offizielle Begriff für die „Unberührbaren“ heute. Seit der indischen Unabhängigkeit werden „ihnen bestimmte Quoten bei der Besetzung von Stellen in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungswesen zugestanden. Sehr umstritten ist der Vorschlag des Minister für Humankapital und Entwicklung und Kongressparteimitglieds Arjun Singh vom Frühjahr dieses Jahres, eine neue Bildungsquote einzuführen, die den „Scheduled Castes“ und den ebenfalls benachteiligten „Scheduled Tribes“ – den „Ureinwohnern“, auch Adivasi genannt – eine Aufnahmequote von 49,5 Prozent in von der Regierung unterstützten Bildungsinstituten garantieren soll.

Namdeo Dhasal ist auch heute noch – als anerkannter Dichter und Politiker der wiedervereinigten Republikanischen Partei Indiens und trotz seiner Konvertierung zum Buddhismus – ein „Dalit“. Wenngleich er die Gosse, in der er aufwuchs, mittlerweile gegen eine Wohnung im fünften Stock eintauschen konnte.

Gedichte von Namdeo Dhasal:

Auf dem Weg zum Schrein

Ein entleerter Sonnenball
Verlosch
In die Arme der Nacht
Da kam ich zur Welt
Auf dem Pflaster
In zerknüllte Lumpen
Und verwaiste
Die mich gebar ging
Zum Vater im Himmel
Müde der Quälgeister auf dem Pflaster
Um das Dunkel aus ihrem Sari zu waschen
Und wie ein Mensch dem die Sicherung durchgebrannt ist
Wuchs ich auf
Im Straßendreck
Gib mir fünf Paise
Und nimm fünf Flüche dafür sagte ich
Auf dem Weg zum Schrein

Ihr orthodoxes Mitleid

Ihr orthodoxes Mitleid reicht nicht höher als ein Kuppler von der Falkland Road
Sie haben für uns im Himmel bestimmt keinen roten Teppich ausgerollt
Feudalherren die sie sind haben das Licht in ihre Truhen sie verschlossen
Unter der Last des Lebens stolpern wir dahin
Selbst das Pflaster ist nicht unser
Das Menschsein ekelt uns so haben sie uns geduckt
Nicht einmal Erde ist da unsre ausgebrannten Därme zu stopfen
Selbst der junge Tag des Gerichts wird zu ihrem Anwalt korrumpiert
Wir werden geschlachtet und nicht ein Seufzer entfährt ihren wohltätigen Händen


Auszüge aus:

Henning Stegmüller / Dilip Chitre / Namdeo Dhasal
Bombay – Mumbai
Bilder einer Mega-Stadt
A1 Verlag, München 1996
(Fotografien von Henning Stegmüller, Gedichte von Dilip Chitre und Namdeo Dhasal, Übersetzung Lothar Lutze)


Photo der Grafik: Copyright. Anita Menrath

Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 09-10-06