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16/07/07

Die 1000-Euro Generation

"1000-Euro-Generation" – der Roman, den die Italiener Alessandro Rimassa und Antonio Incorvaia im Dezember 2005 im Internet publizierten, wurde nicht nur zu einer Art Kultbuch der italienischen Endzwanziger, sondern prägte auch das Schagwort für ein europäisches Phänomen.

© SWR
Was in Italien "Generazione 1000. Euro" heisst, nennt sich in Frankreich "Génération précaire", in Spanien sind es die "mileuristas" – eine ganze Generation befindet sich in der Warteschleife, und kaum ein Politiker nimmt sich ihrer an. Mit 18 % liegt die Arbeitslosenrate bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren doppelt so hoch wie im Durchschnitt. In Polen, Griechenland, Italien und Frankreich sind in dieser Altersstufe sogar zwischen 20 und 30 % von Arbeitslosigkeit betroffen.

Früher dauerte die Phase, bis ein Universitätsabsolvent im Berufsleben ankam rund zwei Jahre, heute ist diese Zeit auf 5 bis 10 Jahre angestiegen. Trotz guter Ausbildung gibt es für die meisten Angehörigen der "1000-Euro-Generation" statt einer festen Arbeitsstelle zunächst nur Praktika: Früher Auszubildende, werden Praktikanten heute von vielen Firmen hemmungslos als reguläre – und unbezahlte- Arbeitsplätze ausgebeutet. Später reiht sich ein "Projektvertrag"  an den nächsten, chronischer Geldmangel, fehlende Zukunftsperspektiven und Frust sind die Folge. Auch ein Begriff wie Freizeit hat keinen Inhalt mehr. Wer überhaupt eine Chance in dieser Arbeitswelt  haben möchte, ist 24 Stunden in Bereitschaft, immer in Bewegung.

Zeitarbeiter, die über Jahre mit Projektverträgen abgespeist werden, gibt es in praktisch jeder Branche. Auch die Buchautoren Alessandro Rimassa und Antonio Incorvaia haben studiert und die zermürbende Knochentour mitgemacht, bis sie endlich ihr eigenes Geld verdienten. Aus ihrer jahrelangen Jobsuche ist ein Buch entstanden, das das Lebensgefühl der jungen Italiener widergibt und mittlerweile auch ins Niederländische, Englische und Deutsche übersetzt wurde.  
 
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Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa
So ganz überraschend ist der Erfolg des Buches eigentlich auch nicht, denn in Italien ist die Situation besonders schlimm. Während es in den meisten europäischen Ländern die niedriger qualifizierten Jugendlichen besonders schwer haben, sind in Italien wie auch in Griechenland vor allem die junge Menschen mit Hochschulabschluss von Arbeitslosigkeit betroffen. (OECD Labour Force Statistics 2004)  3,5 Millionen Menschen, schätzen Soziologen, sollen hier der sogenannten 1000-Euro-Generation angehören. Schuld daran, so Professor Emilio Reyneri, Arbeitssoziologe Universität Mailand-Bicocca, ist vor allem der italienische „Low-tech-Arbeitsmarkt”.: „Italien investiert nur die Hälfte von dem in Forschung und Entwicklung, was andere Industrieländer aufbringen. Italien ist das Land der Kleinunternehmen, die das Land in den 70er und 80er Jahren wirtschaftlich gerettet haben. Die fragen aber jetzt viel zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte nach.“ In Italien gibt es zudem keinen finanziellen Ausgleich für die unsicheren und geringer bezahlten Arbeitsplätze, wie in anderen Ländern.
 
Welche Gründe auch immer in den verschiedenen Ländern dafür genannt werden -  Wirtschaftskrise, schlechte Schulbildung, fehlende Schlüsselqualifikationen, allgemeine Reformunfähigkeit, Verteilungsprobleme zwischen den Generationen - ganz Europa verweigert der Jugend ihren Platz in der Gesellschaft, und nur wenige Politiker sind bereit, sich ihrer Sache anzunehmen.

Eine der Folgen ist bereits jetzt absehbar. Die meisten europäischen Gesellschaften sind zunehmend überaltert. Immer weniger Menschen müssen das Sozialsystem tragen. Steuern – die der Allgemeinheit zu gute kämen – bezahlen die 1000-Euro-Jobber kaum, zu gering ist ihr Einkommen.  Und während die leistungsfähigste Generation darauf wartet, endlich auch mitarbeiten zu dürfen, nimmt sie selber immer weiter ab: Italien hat eine der geringsten Geburtenraten in Europa, Kinder sind ein Luxus, den sich immer weniger immer später leisten können.
 
Die Autoren der "1000 Euro-Generation" sind endgültig zum Sprachrohr eines Lebensgefühls eworden, gehen aber auch mit einer Spur italienischen Optimismus an die Zukunft heran. Die nächste Generation wird mit dieser Unsicherheit besser zurecht kommen, glaubt Alessandro Rimassa: "Man wird aus der Not eine Tugend machen, man muss sich eine neue Lebensweise aneignen. Und das wird dann für die meisten ohne Frust gehen."

Erstellt: 09-07-07
Letzte Änderung: 16-07-07