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Wettlauf um die Rohstoffe

Weltweit steigt die Nachfrage nach Rohstoffen, zumal Schwellenländer wie China, Brasilien und Indien ein rasantes Wirtschaftswachstum erleben.

Wettlauf um die Rohstoffe

20/01/09

Die 2000-Watt Gesellschaft

Ja, wir müssen den Verbrauch CO2-erzeugender Energie senken. Doch wie? Allein durch alternative Energien? Mit ihrer 2.000-Watt-Gesellschaft machen es uns die Schweizer vor.

Wenn die raue See bei Nacht und Nebel gegen die zerklüftete Küste schlägt, dann kann ein vom Kurs abgekommenes Schiff nur noch eines retten: der Leuchtturm. Er warnt die Besatzung rechtzeitig und weist den Weg in die richtige Richtung. Die Bau- und Mobilitätsprojekte von „Novatlantis“, einem Programm der Technischen Universität Zürich und verschiedenen Schweizer Forschungseinrichtungen, sind Leuchttürme im übertragenen Sinn. Betrachtet man die Erde mit ihren steigendenden CO2-Emissionen als jenes abgedriftete Schiff, dann können uns die Projekte von Novatlantis einen neuen Kurs weisen.

Das Forum Chriesbach ist Sitz des Wasserforschungsinstituts in Zürich und einer dieser wegweisenden „Leuchttürme“, die Novatlantis mit seinen Partnern errichtet hat: ein einladender Gebäudekomplex mit einem großen Atrium, Sonnenlamellen an den Fenstern, Sonnenkollektoren auf dem Dach, einem Feuchtbiotop rund um die Kaffeeterrasse und eigenem Luft-Erdregister. Das leitet durch die Erdtemperatur erwärmte Frischluft in das Gebäude. Schon von außen wird signalisiert: Hier setzt man auf die Kraft der Natur. Mit dem Energiebedarf eines Einfamilienhauses ist das große Gebäude die beispielhafte Umsetzung von Novatlantis’ Vision der sogenannten 2.000-Watt-Gesellschaft.

Zehn Jahre ist es bereits her, dass Novatlantis dieses Zukunftsmodell entwickelte. Der Grundgedanke ist, unseren Energieverbrauch langfristig auf 2.000 Watt pro Person in der Stunde zu senken – und damit auch das Kohlenstoffdioxid, das dabei freigesetzt wird. 2.000 Watt sind eigentlich soviel, wie wir heute im Weltdurchschnitt bereits verbrauchen. Aber nur, weil ein Inder beispielsweise lediglich 500 Watt in der Stunde braucht, während wir Mitteleuropäer es auf 6.000 Watt bringen, ein Nordamerikaner sogar auf 12.000 Watt.

Zurück in die Zukunft. Ziel dieser „2.000-Watt-Vision“ ist es, den Energiebedarf der Bewohner von Industrienationen auf 2.000 Watt zu verringern. Das entspräche dem Verbrauch eines Schweizers in den 1960er Jahren – einer Zeit, in der wir noch nicht für ein Wochenende nach Rom geflogen sind, täglich 50 Kilometer zur Arbeit fahren mussten und in unseren Haushalten und Büros noch keine zehn Geräte permanent auf Stand-By standen. Doch wie können wir bei unserem heutigen Lebensstandard zu einem Energieverbrauch von 1960 zurückkehren? „Modelle wie das Forum Chriesbach machen es vor“, erklärt Roland Stulz, Geschäftsführer von Novatlantis. „Es beherbergt die zwei wichtigsten Säulen der 2.000-Watt-Vision: die Energieeffizienz zu erhöhen und den Großteil des Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken.“ Energieeffizienz, das heißt einerseits, Energieverluste schon bei der Bereitstellung von Energie möglichst gering zu halten, und andererseits, mit Energie sparsamer umzugehen, etwa durch Fahrzeuge mit geringem Verbrauch, Energiesparhäuser, oder indem man Geräte nicht auf Stand-By lässt, recycelt und generell mehr regionale Produkte konsumiert. Zusätzlich sollte laut Novatlantis bis zum Jahr 2100 der Energiebedarf zu 75 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, aus Sonne, Wind, Wasser oder Erdwärme. Dadurch könnten der CO2-Ausstoß um 70 Prozent gesenkt und die Erderwärmung vermindert werden.

Doch was in der Theorie logisch und realistisch erscheint, ruft auch Kritiker auf den Plan: 2.000 Watt seien bei unserem heutigen Lebensstandard unrealistisch, die physikalischen Größen Leistung und Energie seien außerdem unspezifisch verwendet, die Globalität des Ansatzes nicht erwiesen. Stulz ist sich der Kritik bewusst, relativiert sie aber. Natürlich gehe es Novatlantis bei der Realisierung von Projekten darum, ganz genaue Werte einzuhalten, das Jonglieren mit sturen Zahlen und physikalischen Größen sei für die Bezeichnung der Idee selbst zunächst jedoch zweitrangig. „Man könnte es auch ‚Eine-Tonne-CO2-Gesellschaft‘ nennen“, so Stulz. „Das würde bedeuten, den CO2-Ausstoß auf etwa eine Tonne pro Jahr und pro Person zu verringern – eine Zielgröße, damit das Klima relativ stabil bleibt. Wir wollten unsere Idee in eine griffige Formel fassen. Der Begriff ,2.000-Watt-Gesellschaft‘ ist also zuallererst eine Metapher! Und die ist global, weil der Klimawandel ein globales Problem ist!“
Dessen ist man sich auch in Deutschland bewusst. Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, bringt die Reichweite des Problems auf den Punkt: „Wenn wir den Anstieg der Kohlenstoffteile in der Luft nicht stoppen, werden wir spätestens in 30 Jahren eine globale Erderwärmung von zwei Grad nicht mehr verhindern können. Das würde zum Beispiel für Afrika eine Halbierung der Ernteerträge bedeuten.“ Müller kennt das Modell von Novatlantis gut, er hat mit den Initiatoren viele Gespräche geführt. In Deutschland arbeitet er an den sogenannten Leitszenarien mit, die in der Verbindung von Effizienz, Energiesparen und der Förderung erneuerbarer Energien einen ähnlichen Ansatz wie den der 2.000-Watt-Gesellschaft verfolgen. „Energie- und Rohstoffintelligenz“ nennt das Bundesumweltminister Gabriel. Unter welchem Begriff man es auch fasst, das Ziel ist immer die nachhaltige Veränderung unseres Energieverhaltens.

Ohne den Gürtel enger zu schnallen. Natürlich sollte jeder Einzelne bei sich zu Hause beginnen. Für die Idee der 2.000-Watt-Gesellschaft müssen aber auch Gesellschaft, Politik und Industrie Hand in Hand arbeiten. Denn es bedarf neuer energieeffizienter Technologien, langfristiger Finanzierungsmodelle, neuer Ausbildungsplätze und einer vernünftigen Gesetzesgrundlage. Der Aufwand in all diesen Bereichen würde sich nicht nur aus umweltpolitischer Sicht lohnen. Das Modell von Novatlantis hat auch eine soziale Komponente, nämlich das Ziel, einen ausgewogenen Wohlstand zu etablieren. Die Investition in Energieeffizienz soll zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen, Beschäftigungsstrukturen stabilisieren und neue Märkte entwickeln. Wie Roland Stulz aus Zürich ist auch Michael Müller davon überzeugt, dass der Kurs, den Novatlantis weist, gerade für Mitteleuropa eine wirkliche Chance birgt: „Das Thema steht weltweit auf der Tagesordnung. Diejenigen, die darin Vorbilder schaffen, sind auch diejenigen, die nachher die Strukturen bestimmen.“

Im Biorestaurant des Forum Chriesbach kaut Stulz nachdenklich auf seinem Bioschnitzel. „Das Wichtigste ist, dass wir sofort damit beginnen, energieintelligenter zu handeln.“ Die Idee der Schweizer bedeutet aber nicht einfach, den Gürtel enger zu schnallen. „Die 2.000-Watt-Vision bedeutet Freude an der Gestaltung der Zukunft – Glaube an die Zukunft!“ Wir könnten das Steuer unseres abgedrifteten Schiffes also noch herumreißen – wenn alle am selben Strang ziehen. „Für eine Breitenwirkung ist Novatlantis zu klein“, erklärt Stulz, „wir können nur den richtigen Weg weisen, indem wir unsere Leuchttürme errichten.“

Andrea Radtke

Erstellt: 10-11-08
Letzte Änderung: 20-01-09