
Regie: Alfred Hitchcock
Mit Robert Donat, Madeleine Carroll, Lucie Mannheim, Godfrey Tearle, Peggy Ashcroft

HANDLUNG
Bei einem Varietéabend in London lernt der junge Kanadier Richard Hannay eine geheimnisvolle Frau kennen, die ihn bittet, mit in seine Wohnung kommen zu dürfen. Die Frau, die sich Mrs. Smith nennt, ist Agentin und sucht Zuflucht bei ihm. Im Morgengrauen bricht sie jedoch mit einem Messer im Rücken vor ihm zusammen und kann ihm gerade noch eine schottische Landkarte mit Markierungen übergeben. Hannay soll dort hinfahren und den Anführer eines Spionagerings, der sich "die 39 Stufen" nennt, suchen. Hannay nimmt den Zug nach Schottland und versucht, die Markierung auf der Karte zu finden. Dabei wird ihm nun erst klar, dass er als Mörder der Agentin gesucht wird. Das ist erst der Beginn einer rasanten Treibjagd durchs schottische Hochland, wobei der Film bei aller Spannung obendrein auch sehr komisch ist...DER UNSCHULDIG VERFOLGTE
Das Motiv des unschuldig Verfolgten zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Alfred Hitchcock. Es taucht zwar auch schon in seinem Stummfilm "Der Mieter" (1927) auf, doch richtig bekannt wurde es erst mit seinem in England gedrehten Film "The 39 Steps". Darin sieht sich Richard Hannay von dem anonymen Spionagering der 39 Stufen bedroht, auch wenn er über diesen eigentlich gar nichts weiß.Hitchcock nutzt den Kunstgriff, eine Figur als Held zu etablieren, die völlig normal ist und mit der sich der Zuschauer einfacher identifizieren kann als etwa mit einem professionellen Polizisten oder einem anderen Agenten. Da dies so wunderbar funktionierte, nutzte Hitchcock die Figur des "unschuldig Verfolgten" noch einige weitere Male, etwa in "Ich beichte" (1953), "Über den Dächern von Nizza"(1955) ,"Der falsche Mann" (1956) oder "Der unsichtbare Dritte" (1959).
DIE 39 STUFEN - DER ERSTE "MAC GUFFIN" IN EINEM HITCHCOCKFILM
Der Spionagering der 39 Stufen ist ein typischer "Mac Guffin". Was aber ist ein Mac Guffin? Hitchcock hat vier Jahre nach der Premiere von "Die 39 Stufen" eine Rede an der Columbia-Universität gehalten, in der er den "Mac Guffin" mittels einer Andekdote näher beschrieb: „Es könnte ein schottischer Name sein aus einer Geschichte über zwei Männer, die Zug fahren. Der eine Mann fragt: ‚Was ist das für ein Päckchen in der Gepäckablage?‘. ‚Nun‘, sagt der andere Mann, ‚das ist ein MacGuffin.‘ ‚Was ist ein MacGuffin?‘ ‚Ein MacGuffin ist ein Apparat, um im Schottischen Hochland Löwen zu fangen.‘ ‚Aber im Schottischen Hochland gibt es doch gar keine Löwen.‘ ‚Nun, dann ist es eben auch kein MacGuffin.‘ Sehen Sie, ein MacGuffin ist gar nichts.“Ein Mac Guffin ist alles und nichts. Es ist ein dramaturgischer Vorwand, ein Element, das die Handlung vorantreiben will, aber selbst inhaltlich nichts Wichtiges beizutragen hat. Einige Beispiele für besonders gelungene „Mac Guffins“ aus der Welt des Films: Der Inhalt der Weinflaschen in "Berüchtigt", die unterschlagenen 40.000 $ in "Psycho", der Mikrofilm in "Topas", das Wort "Rosebud" in "Citizen Kane", die Falkenstatue in "Die Spur des Falken" und nicht zuletzt der Koffer in "Pulp Fiction".
ZÜGE
Viele der Filme Hitchcocks haben Szenen, die in Zügen spielen. Hitchcock liebt Züge. Sie sind romantischer als Autos oder Flugzeuge, in denen man kaum Bewegungsmöglichkeiten hat. In Zügen ist Bewegung innerhalb der Bewegung möglich - zu sehen in "Die 39 Stufen", "Eine Dame verschwindet", "Der Fremde im Zug", "Der unsichtbare Dritte", "Sabotage" und in vielen weiteren Filmen des Meisters...JOHN BUCHAN, AUTOR DES ROMANS "DIE 39 STUFEN"
1935, als "Die 39 Stufen" ins Kino kam, war der Autor des dem Film zu Grunde liegenden Romans, John Buchan bereits zum Baron Tweedsmuir und zum Generalgoverneur von Kanada aufgestiegen. Zuerst konnte er sich nicht recht mit den Änderungen anfreunden, die Hitchcock bei der filmischen Adaption seines Romans aus dem Jahre 1915 vorgenommen hatte. So ist u.a. die Figur des Mr. Memory eine Idee von Hitchcock. Ein Gedächtniskünstler, der ganz zu Beginn und am Ende des Films seinen Auftritt hat. Auch das Ehepaar in Schottland, bei denen Hannay auf seiner Flucht kurz Unterschlupf findet, ist eine Idee Hitchcocks, inspiriert von der Geschichte eines alten Burenfarmers in Südafrika.Der Hauptprotagonist aus dem Roman, Richard Hannay, taucht in "Die 39 Stufen" zum ersten Mal auf, spielt aber in vier weiteren Spionageromanen des Autors ebenfalls die Hauptfigur. Edmund Ironside, ein Freund des Autors aus dessen Zeit in Südafrika, war das lebende Vorbild für die Figur des Richard Hannay. Ironside hat im Burenkrieg als Spion gearbeitet. Rückblickend betrachtet ist "Die 39 Stufen" zum Klassiker Buchans geworden, während seine anspruchsvollen historischen Romane und Abhandlungen über geschichtliche Themen eher in Vergessenheit gerieten. Jahre später räumte Buchan ein, dass „die Verfilmung besser als sein eigener Roman sei.“
HITCHCOCK MAUSERT SICH ZUM MEISTER
"Die 39 Stufen" ist sicherlich der bekannteste und wichtigste Film der in England gedrehten Filme Hitchcocks. Hier zelebriert er erstmals seinen so markanten Stil in aller Deutlichkeit, auch wenn sich einzelne Themen, Motive und Anspielungen bereits in früheren seiner Filme finden lassen. Lange Zeit galt "Die 39 Stufen" als DAS Meisterwerk Hitchcocks. Darüber lässt sich natürlich ausgiebig streiten bei der Menge an großartigen Werken, die er geschaffen hat. André Bazin über „Die 39 Stufen“: "Er bleibt unbestreitbar sein Meisterwerk und dient als ein Modell für Detektivkomödien". Am besten findet Hitchcock selbst die schnellen Übergänge. Er hält sich nicht immer mit der Plausibilität des Gezeigten auf, sondern schafft jede Szene, als wäre sie ein eigener kleiner Kurzfilm. Hitchcock: "Man muss eine Idee auf die andere folgen lassen und dabei alles der Schnelligkeit opfern. Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mir etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Fantasie."Einige der Szenen - wie etwa die, als Hannay sich zu einem Ehepaar aufs Land flüchtet und der Mann eifersüchtig wird - verdichten Augenblicke und Gesten so präzise, dass sie sich geradezu ins Gedächtnis einbrennen. Die Kameraarbeit von Bernhard Knowles schafft vor allem in den Fluchtszenen im schottischen Tiefland wunderbare Szenarien, die an den Impressionismus erinnern. Der radikale und meisterhafte Schnitt von Derek N. Twist bietet bisweilen unvergessliche Übergänge, etwa wenn das Schreien einer Putzfrau, die die tote Agentin findet, in das schrille Pfeiffen des Zuges übergeht, der sich grade mit großer Geschwindigkeit einem Tunnel nähert.
Nana A.T. Rebhan
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