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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Festival - 11/08/08

Die 63. Mostra Internazionale d’arte cinematografica

Geschichtsrecycling hat Hochkonjunktur


Ein Rückblick auf die diesjahrigen Filmfestspiele in Venedig

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Vom 30.8.-9.9. 2006 fand zum 63. Mal das älteste, noch existierende Filmfestival der Welt statt. Es widmete sich in auffallend vielen Filmen dem Recycling der Geschichte. Mal mehr, mal weniger glamourös, immer aber mit dem Blick zurück. Das mag auch daran liegen, dass der Blick nach vorn den Machern des Festivals - die ja schließlich für die Auswahl der gezeigten Werke verantwortlich sind - momentan eher unangenehm bis unerträglich ist. In nur wenigen Wochen - vom 13.-21. Oktober - steht dem A-Festival in Venedig – das weltweit als schönster Präsentierteller des Kinos gilt - eine arge Konkurrenz ins Haus, und das auch noch aus dem eigenen Land: Rom startet die erste Ausgabe eines eigenen Festivals. Das Budget der Konkurrenzveranstaltung, das noch unter Berlusconi beschlossen wurde, ist mit ca. 11 Millionen Euro fast doppelt so hoch wie das des legendären Festivals am Lido. Den Kulturpolitikern Berlusconis war das Festival der Lagunenstadt nie staatstragend genug, deshalb bewilligten sie massive Zuschüsse für ein eigenes in der ewigen Stadt. Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari gesteht: „Beim Gedanken an das Festival in Rom entsichere ich meinen Revolver“. Sein erklärter Feind ist Walter Veltroni, Bürgermeister von Rom, Ex-Kulturminister und begeisterter Filmkritiker. Festivaldirektor Marco Müller spottet:„Rom bedient sich aus den abgelehnten Resten von Cannes und Venedig.“

David Lynch - Geehrt für sein LebenswerkEr versuchte, in diesem Jahr so viele Stars wie möglich an den Lido zu karren, was ihm auch gelang. Viele von ihnen kamen aus Hollywood, Scarlett Johansson, Josh Hartnett, Adrien Brody, Ben Affleck, Lindsay Lohan, Christian Slater und Laura Dern, um nur einige zu nennen. Die üblichen italienischen Pannen blieben trotzdem nicht aus. Scarlett Johansson etwa, die Hauptdarstellerin aus dem Eröffnungsfilm The Black Dahlia ließ bei der Premiere über eine Stunde auf sich warten. Die Gala-Veranstaltung begann daraufhin ohne die Ehrengäste. Das gab es noch nie in der Lagunenstadt. Doch der grade mal 21-jährigen Amerikanerin wird viel verziehen, denn sie wird mittlerweile als die neue Marilyn Monroe gehandelt. Das liegt wohl u.a. an ihrer starken Präsenz und der Tatsache, dass sie es versteht, jede gewünschte Pose perfekt einnehmen zu können.

Scarlett JohanssonThe Black Dahlia beschreibt die umfangreichen Recherchen in einem der prominentesten Mordfälle der 40er Jahre in den USA, der bereits damals medienwirksam ausgeschlachtet wurde: das 22-jährige Starlet Elisabeth Short wurde missbraucht, umgebracht und zerstückelt. Unter Mordverdacht gerieten sogar hohe Hollywoodbosse, aufgeklärt wurde das furchtbare Verbrechen jedoch nie. James Ellroy – Autor des gleichnamigen weltbekannten Romans, der seinen Ruhm begründete - zeichnet auch für das Drehbuch verantwortlich. Die Geschichte ist eine sehr persönliche für ihn: Seine Mutter wurde 1957 unter ähnlichen Umständen ermordet.

Amerikanische Produktionsfirmen zeigen ihre Werke mittlerweile lieber im Herbst in Venedig als in Cannes, denn dann beginnt die Kinosaison in Europa, dem immerhin zweitwichtigsten Absatzmarkt amerikanischer Filme.

"Bobby" von Emilio EstevezSo ist hier auch Bobby von Emilio Estevez zu sehen, der - penibel recherchiert - mit großer Starbesetzung (Anthony Hopkins, Harry Belafonte, Demi Moore, Sharon Stone, Elijah Wood) die Geschehnisse im Hotel kurz vor dem Attentat auf Robert Kennedy im Jahre 1968 rekonstruiert.

Oliver Stones World Trade Center widmet sich den Geschehnissen rund um das die ganze Welt erschütternde Attentat am 11. September 2001. In seinem Epos konzentriert er sich auf zwei Feuerwehrmänner (Nicolas Cage und Michael Peña), die im World Trade Center verschüttet werden und schließlich geborgen werden können. World Trade Center ist der erste amerikanische Film, der sich als Durchhaltefilm gegen den Terrorismus und für den Irak-Krieg lesen lässt. Der Retter der beiden Feuerwehrmänner, ein US-Marine (Michael Shannon) will Rache für das Attentat. Im Abspann wird ausdrücklich auf seinen späteren, mehrmaligen Einsatz im Irakkrieg hingewiesen. Wer hätte gedacht, dass der mutige Regisseur der grotesken Mediensatire Natural Born Killers (1994) sein Können einmal in die Propagandadienste Bushs stellen würde – traurig ist so etwas.

Toby Jones als Truman CapoteDer ebenfalls amerikanische Film Infamous erzählt erneut (nach Capote, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen war) den wohl interessantesten Lebensabschnitt des amerikanischen Schriftstellers Truman Capote - seine mehr oder minder intime Begegnung mit einem zum Tode verurteilten, mehrfachen Mörder, der seinen Ruhm begründen sollte. Die Hauptrolle hat Regisseur Mc Grath anders als Bennett Miller mit dem noch relativ unbekannten Hauptdarsteller Toby Jones besetzt. Philip Seymour Hoffmans Interpretation des divenhaften schwulen Autors wurde mit dem Oscar gewürdigt. Sieht man jetzt den direkten Vergleich, möchte man ihm die Trophäe zwar nicht gleich wieder entziehen, doch Toby Jones kann sehr gut neben ihm bestehen. In den Nebenrollen wimmelt es nur so von Stars, u.a. Sandra Bullock, Sigourney Weaver, Daniel Craig, Isabella Rossellini und Gwyneth Paltrow.

"The Queen"Einer der besten Filme des Festivals ist Stephen Frears The Queen. Das Drama arbeitet die Zeit nach dem Unfalltod Lady Dianas im September 1997 auf. Es konzentriert sich vor allem auf die schwierige Zeit für die Queen, die „lernt“, dass Trauer im Medienzeitalter medienwirksam geäußert werden muss, wenn sie nicht auf der Beliebtheitsskala bei ihrem Volk ganz nach unten abrutschen will. Frears nutzt CNN-Bilder und kombiniert diese mit seiner sehr intelligenten, witzigen, aber stets seriösen Inszenierung. Das hervorragende Drehbuch zum Film stammt von Peter Morgan, Helen Mirren brilliert in der Rolle der Queen, und bekam dafür die Coppa Volpi, als Beste Hauptdarstellerin.

"Zwartboek" von Paul VerhoevenDer Niederländer Paul Verhoeven (Basic Instinct, Starship Troopers), der nunmehr seit über zwanzig Jahren in den USA lebt, kehrt mit einer völlig amerikanisierten Version europäischer Vergangenheitsbewältigung zurück. In seiner Version des Zwartboek geht es um die letzten Monate der Naziherrschaft in den Niederlanden. Eine junge Jüdin versucht zu überleben, indem sie die Geliebte eines deutschen SS-Mannes wird. Sebastian Koch spielt Müntz, den milden SS-Mann. Koch sagt: „Zwartboek ist ein Nazi-Thriller, mit viel Sex and Crime“, und Action natürlich, wie es sich für einen amerikanischen Film gehört. Ein deutscher Regisseur würde für so einen Film über so ein Thema „geschlachtet werden.“ Die Geschichte wurde zwar teilweise in den Filmstudios von Potsdam/Babelsberg gedreht, kann aber dennoch nicht als deutscher Film gelten.

Deutsche Filme gab es in Venedig so gut wie gar nicht, abgesehen von einigen Ko-Produktionen und Kurzfilmen. Mit einer Ausnahme: In einer Nebenreihe lief Heimat – Fragmente, der vierte und letzte Teil der legendären TV-Serie von Edgar Reitz. Das hätte durchaus anders sein können, denn eigentlich war der Plan, das Festival mit der Verfilmung des legendären Bestsellers von Patrick Süskind, Das Parfüm zu eröffnen, unter der Regie von Tom Tykwer. Doch Produzent Bernd Eichinger wollte es anders, er wollte seinen Film keinem „Festival aussetzen.“

ARTE war dennoch mit einem halben Dutzend Koproduktionen vertreten, u.a. im Wettbewerb mit dem bewegenden Film Daratt/ Dry Season, der mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Der 16-jährige Atim versucht den Mord an seinem Vater zu rächen. Er nimmt eine Stelle in der Bäckerei des mittlerweile erblindeten Bäckers an. Doch dieser behandelt ihn mehr und mehr wie einen Sohn, Rache zu üben erscheint mehr und mehr sinnlos.

Die Österreicherin Barbara Albert präsentierte Fallen im Wettbewerb, ebenfalls eine ARTE-Koproduktion. Fallen berichtet vom Wiedersehen einer Mädchenclique – sechzehn Jahre nach der Schulzeit. Grund ihres erneuten Zusammenkommens ist ein Begräbnis. Fünf starke Frauen treiben gemeinsam durch einen Tag, mit allen Höhen und Tiefen.

Lange erwartet enttäuscht der neue Film von David Lynch, Inland Empire. Drei Stunden lang teilen wir einen Albtraum mit Laura Dern. Der Altmeister des mystischen Gewalt-Thrillers macht es einem nicht grade einfach, sich in dem Labyrinth aus halbdunklen Zimmern, Filmsets und Motels zurechtzufinden. „Die Story ist ein Geheimnis,“ verkündet er. Aber eines, das auch der aufmerksamste Zuschauer nicht zu entschlüsseln vermag – das ist Teil seines Konzepts, das zumindest bei Inland Empire nicht aufgeht.

Nana A.T. Rebhan



  • Die Preise der 63. Mostra Internazionale d’arte cinematografica gingen an:

Goldener Löwe für den besten Film: Still Life von Jia Zhangke
Silberner Löwe für die beste Regie: Alain Resnais für Privat Fears in Public Places
Spezialpreis der Jury: Daratt von Mahamat-Saleh Haroun
Coppa Volpi als bester Darsteller: Ben Affleck in Hollywoodland
Coppa Volpi als beste Darstellerin: Helen Mirren in The Queen
Marcello-Mastroianni-Preis als bester Nachwuchsdarsteller: Isild Le Besco in L'intouchable
Silberner Löwe für die größte Entdeckung des Festivals: Emanuele Crialese für Nuovomondo
Leone Speciale für sein Lebenswerk: David Lynch

Erstellt: 12-09-06
Letzte Änderung: 11-08-08