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Wettlauf um die Rohstoffe

Weltweit steigt die Nachfrage nach Rohstoffen, zumal Schwellenländer wie China, Brasilien und Indien ein rasantes Wirtschaftswachstum erleben.

Wettlauf um die Rohstoffe

20/01/09

Die Atom-Nation

Im Juli 2008 schockierte eine Serie von Pannen in französischen Atomkraftwerken die europäische Öffentlichkeit. Frankreich-Kenner Heiko Engelkes über die umstrittene Atompolitik Nicolas Sarkozys.

Falls Sie noch ein paar Flaschen Tricastin im Keller lagern, sollten Sie sie entweder genüsslich austrinken oder als Museumsstücke aufbewahren. Denn es ist sehr gut möglich, dass es diese Rosé- oder Rotweine schon bald nicht mehr gibt – zumindestens nicht unter dem Namen Tricastin. Die 340 Weinbauern aus 21 Dörfern, die den „Coteaux du Tricastin“ an den Ufern der Rhône anbauen, haben Angst um ihre Absatzchancen, wenn der Name Tricastin weiter in Verruf gerät. Panik verbreitete sich, als in diesem Sommer das zwischen den südfranzösischen Weinbergen gelegene Atomkraftwerk Tricastin gleich vier Störfälle meldete.

Störfall
Um dem indischen Delegierten vor dem Kauf von vier französischen Atomkraftwerken deren Sicherheit zu demonstrieren, wird im Reaktor von Catenau eine Notabschaltung simuliert. Doch diese gerät schnell außer Kontrolle...
07.11., 21 Uhr

74 Kilogramm Uranium sollen in der Erde versickert sein. Die Betreiber des Atomkraftwerkes Tricastin, die Gesellschaft Areva mit einem Arsenal von insgesamt 58 Atommeilern in Frankreich, reagierte sofort mit einer Woge von Beschwichtigungen. Ausführlich wurde die Bevölkerung informiert, welche Sicherheits- und Schutzmaßnahmen laufend durchgeführt würden. Jeden Monat schwärmen demnach Hunderte von Spezialisten aus, um Wasser-, Boden-, Luft- und Pflanzenproben einzusammeln. Wilde Pflanzen, Obst und Gemüse sowie Ziegenmilch werden untersucht, weil bei ihnen radioaktive Spuren am ehesten festzustellen sind. Thymian etwa ist ein besonders guter Indikator, weil er langsam wächst und ziemlich alt wird, sagen die Experten. An einigen Stellen rund um Tricastin wurden erhöhte Uranium-Spuren entdeckt. Mehrere Anwohner durften daraufhin ihre Brunnen nicht mehr benutzen und das Gemüse aus dem Garten nicht mehr essen. Ob die Spuren von dem jüngsten Zwischenfall stammen oder von älteren Pannen, konnte nicht festgestellt werden.

Atomenergie wird nicht in Frage gestellt. Obwohl Frankreich mit Atommeilern gespickt ist, sind konkrete Informationen darüber, wie die Bevölkerung bei einem GAU in einem der Kraftwerke geschützt oder gerettet werden kann, rar. Selbst auf den Regierungsseiten im Internet erwähnen die offiziellen Pläne für Rettungsmaßnahmen bei Großfeuern, Unfällen oder Naturkatastrophen mit keinem Wort Unfälle in Kernkraftwerken. Erst nach langem Suchen stößt man auf den Plan für Sondereinsätze für die Kernkraft-Forschungsanlage Cadarache. Was hier dargeboten wird, ist vorbildlich. Es zeigt aber auch, wie wenig die Bevölkerung, insbesondere im näheren Umkreis eines Kraftwerkes, gegen Radioaktivität geschützt werden kann.
PANNEN-MONAT JULI 2008
7. Juli, AKW Tricastin:
Mehrere Kubikmeter uranhaltiger Flüssigkeit gelangen in zwei nahegelegene Flüsse
18. Juli, Brennstäbefabrik Romans-sur-Isère: Durch ein Leck geraten 800 mg Uranium ins Umland
21. Juli, AKW Saint-Alban: Bei 15 Mitarbeitern wird
eine sehr leichte Kontamination festgestellt
24. Juli, AKW Tricastin:
100 Mitarbeiter kommen durch ein Leck mit radioaktivem Material in Berührung, die Kontamination wird offiziell als „leicht“ eingestuft

In den höheren Etagen der Politik schlug sich die Pannenserie von Tricastin so gut wie nicht nieder. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Kernkraftzwischenfälle sofort Schlagzeilen machen und Reaktionen bei Parteien und Regierung auf der einen sowie Kernkraftgegnern auf der anderen Seite auslösen, blieben die Proteste in Frankreich milde. Lediglich im Umfeld von Tricastin schlugen Greenpeace und andere Atomkraftgegner Alarm – der allerdings in Paris kaum gehört wurde. Anders als in Deutschland wird in Frankreich die Atomenergie nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Bis auf die – ziemlich zahnlosen – Grünen herrscht parteiübergreifender Konsens darüber, dass Atomenergie notwendig ist, weil sie Frankreich eine weitgehende Unabhängigkeit von Erdöl oder Kohle gibt. Auch die Tatsache, dass die französische Armee eine atomare Verteidigung besitzt, fördert die Akzeptanz. Dazu werden Atommeiler in Landstrichen mit möglichst geringer Bevölkerungsdichte oder, ganz perfide, dicht an den Landesgrenzen platziert, wo wenig Widerstand zu erwarten ist. Gibt es dennoch Proteste, werden sie von den zentralen Behörden in Paris abgewürgt.

Besonders Staatspräsident Nicolas Sarkozy möchte von Störfällen im Bereich der Atomindustrie nichts hören und wissen. Für ihn, der dringend wirtschaftliche Erfolge braucht, sind Atomkraftwerke Handelsobjekte, die er weltweit verkaufen will. In einer Rede vor der UNO in New York ließ Sarkozy die Katze aus dem Sack und erklärte, Frankreich sei bereit, „jedem Land zu helfen“, das zivile Atomenergie nutzen wolle.

Der deutsche Atomausstieg wird belächelt. Inzwischen hat Frankreich mit den Mittelmeer-Anrainern Marokko, Tunesien und Algerien sowie mit China Verkaufs- oder Kooperationsverträge abgeschlossen. Sarkozy scheut sich nicht, selbst Libyen mit seinem Diktator Ghadafi den Zugang zur Nuklearenergie zu verschaffen. Im Verkauf von Atommeilern sieht der französische Präsident vor allem eine Möglichkeit, die Außenhandelsbilanz seines Landes aufzubessern, die mit fast 50 Milliarden Euro in den Miesen ist.

Seine europäischen Nachbarn erschreckt diese Handelspolitik; umgekehrt belächelt Sarkozy den deutschen Atomausstieg. Inzwischen beginnen die energiepolitischen Strategen in Frankreich aufzuwachen und sich darüber klar zu werden, dass sowohl die Erdölvorräte der Welt als auch die Uranvorkommen nur noch einige Jahrzehnte reichen werden. Und sie stellen fest, dass sie bei der Entwicklung und Anwendung von alternativen Energien weit ins Hintertreffen geraten sind. Neidisch blickt Frankreich auf Deutschland, das nicht nur bei der Gewinnung von sauberem Strom enorme Fortschritte gemacht hat, sondern auch bei der Herstellung und Vermarktung von Wind- und Solaranlagen zur weltweiten Spitzengruppe gehört. Frankreich war bislang allzu sehr auf seine Atomenergie fixiert, die über 80 Prozent des Verbrauchs an Elektrizität sichert und zudem noch Exporte ermöglicht, in erster Linie nach Deutschland.

Nun beginnt eine verzweifelte Aufholjagd: Begünstigt durch seine südliche Lage wird Frankreich versuchen, die Sonnenenergie zu nutzen – im eigenen Land genauso wie in den Wüsten Nordafrikas. Riesige Felder mit Solarzellen sind dort geplant, die nicht nur die Franzosen versorgen, sondern auch exportiert werden können. Eine Strom-Pipeline bis nach Aachen ist schon im Gespräch. Viele Experten sind überzeugt, dass nicht die Windkraft, sondern die Sonnenstrahlen die Energieprobleme der Welt lösen werden.
ARTE-Gastautor Heiko Engelkes

Erstellt: 06-11-08
Letzte Änderung: 20-01-09