Wir haben uns ja inzwischen an einiges gewöhnt: dass die Queen „nicht amüsiert“ ist, wurde fast schon zum Gemeinplatz, der sprachlich nicht mehr hinterfragt wird. Dass sie, wenn wir das lesen, zwar „not amused“ war, die entsprechende deutsche Untertreibung aber eher „nicht begeistert“ heißen müsste, geht regelmäßig unter. Dass sie vielleicht ungehalten war, pikiert, peinlich berührt oder je nach Kontext noch diverses andere, wollen wir wohl gar nicht mehr wissen. Zu dieser Verflachung der Sprache trägt die schreibende Zunft, besonders in der täglichen Textproduktion der Medien, gehörig bei. Die wörtliche Übersetzung eines idiomatischen Ausdrucks, das Ersetzen eines Wortes durch das vermeintlich gleiche in der anderen Sprache, die Übernahme von Satzstrukturen, die so im Deutschen nicht üblich sind, lassen sich in fast allen Pressetexten nachweisen, in denen Korrespondenten aus der weiten Welt berichten. Das mag als Lokalkolorit, als besondere Duftnote gemeint sein, trägt aber zur Abstumpfung des Sprachgefühls der Leser bei, gleichzeitig aber auch zur Festigung von Klischees und Vorurteilen.
So hat das Französische den Ruf, eine Sprache der Verfeinerung zu sein, unbewusst scheinen viele zu denken, der Alltagsfranzose spreche geschraubt, bestelle sozusagen sein Baguette in Hexametern. Wenn aber, wie kürzlich in der Frankfurter Rundschau, über die französischen Atomwaffentests der letzten Jahrzehnte berichtet wird und dort zu lesen ist, die Militärs hätten ihre Versuche in Galerien in der algerischen Wüste gemacht, so darf man dennoch staunen über die Ortswahl für solch destruktive Tätigkeit. Dass es einfach unterirdische Stollen waren, erschließt sich aus dem Text nicht mehr.
"Viel zu nah dran"
Natürlich sind das Alltagstexte, Gebrauchstexte, nicht für die Ewigkeit gemacht. Doch sie prägen unser Sprachempfinden, denn wir sind ihnen ständig ausgesetzt, und das Phänomen ist nicht auf diesen Bereich beschränkt. Viele literarische Übersetzungen aus dem Französischen, auch Bücher, die auf diesen Seiten besprochen wurden, sind einfach „viel zu nah dran“ am Original. Natürlich soll die Übersetzung treu bleiben, doch das heißt auch, dass sie nicht seltsamer wirkt als das Original. Dass Strukturen, die allein der Sprache und nicht dem Stilwillen des Autors geschuldet sind, ihre Unauffälligkeit dadurch bewahren, dass sie unauffällig übersetzt werden. Wer mit diesem Blick aktuell publizierte Übersetzungen aus dem Französischen betrachtet, wird ungezählte Relativsätze, Partizipien und besonders „poetische“ Stellen mit ganz anderen Augen sehen.
Natürlich gibt es eine sehr geschraubte französische Literatur, es ist auch kein Zufall, dass wir im Deutschen immer noch kein Äquivalent für die „écriture“ gefunden haben. Die Vorstellung von Literatur als Arbeit an der Sprache ist sicher prägender für die französischsprachige Welt als für die mehr an der Erzählung orientierte angloamerikanische. Doch das sollte keine Ausrede für faule Übersetzer sein. Zugespitzt gesagt: Der Franzose bekommt sein Brot durchaus auch ohne Poesie.

Das Dorf des Deutschen oder das Tagebuch der Brüder Schiller: Roman
Aus dem Franz. Übertragen von Ulrich Zieger (2009)
Postlagernd: Algier: zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute
Dt. von Ulrich Zieger (2008)
Harraga
Roman
Dt. von Riek Walther (2007)
Erzähl mir vom Paradies
Roman
Dt. von Regina Keil-Sagawe (2004)
Der Schwur der Barbaren
Roman
Dt. von Regina Keil-Sagawe (2003)
Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum
Roman
Dt. von Riek Walther (2002)
Alle erschienen im Merlin-Verlag.

Übersetzen, so heißt es bisweilen, sei das zweitälteste Gewerbe der Welt. Befreit man dieses Bonmot vom etwas schwerfälligen Humor, so bleibt eine historische Wahrheit: Die Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg ist eine uralte Notwendigkeit. Der Übersetzer sorgt mit seinem Wissen über zwei Sprachen und Kulturen dafür, dass sich Menschen verstehen, die das sonst nicht könnten. Das ist seine wesentliche Aufgabe, dafür wird die Schwerfälligkeit eines zusätzlichen Akteurs im Kommunikationsprozess in Kauf genommen. Behindert er den Prozess, hat er seine Existenzberechtigung verloren.
Welche grotesken Formen eine Verweigerung dieser Rolle des Übersetzers annehmen kann, zeigt beispielsweise eine besonders ärgerliche Veröffentlichung dieses Frühjahrs. Der Roman „Das Dorf des Deutschen“ des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal ist in seiner deutschen Übersetzung fratzenhaft entstellt. Einfachste idiomatische Ausdrücke, wie sie in jedem Französisch-Lehrbuch schon dem Anfänger vermittelt werden, wurden nicht als üblich erkannt und laden durch wörtliche Übersetzung eigentlich unauffällige Textstellen mit pseudopoetischer Seltsamkeit auf. Da ist etwas „einfach wie guten Tag zu sagen“, statt „kinderleicht“, ein nach Jahren wieder besuchter Ort „vollkommen identisch mit sich“ statt „unverändert“, es gibt solche Beispiele auf jeder Seite. Und immer entstehen sie aus der Weigerung des Übersetzers, seine Rolle zu spielen.
Manche Einzelheit ist in der Übersetzung gar nicht mehr nachvollziehbar, weil noch nicht einmal eine wörtliche Übersetzung erfolgt: So schauen sich die Figuren an einer Stelle das „JT“ an - offensichtlich im Fernsehen, mehr versteht der Leser nicht. Nun ist JT die durchaus gebräuchliche Abkürzung für „Journal télévisé“, das sind einfach die Abendnachrichten. Doch dieses Wissen muss der Übersetzer liefern (oder wohl erst einmal haben). Der Leser, der das bereits alles weiß, liest gleich im Original. Da steigt man auch durch die Sätze viel leichter durch, denn auf Französisch sind sie durchaus „normal“. Die penetrante Übernahme der Strukturen, nun aber mit deutschen Wörtern, bringt den Text bisweilen an die Grenze zum Kauderwelsch. Erstaunlicherweise finden sich in kaum einer der diversen Rezensionen zu diesem Buch Bemerkungen zu seiner sprachlichen Seltsamkeit. Es wird höchstens einmal die blumige, orientalische Sprache hervorgehoben. Womit die gängigen Klischees über schreibende Nordafrikaner wieder einmal bestätigt werden. Keiner merkt, dass das ein einziges, monumentales Missverständnis ist.
Besonders ärgerlich ist das, weil es sich hier um einen Roman handelt, der Nordafrika für den deutschen Leser endlich einmal aus der 1001-Nacht-Ecke herausführen könnte. Die etwas steile Gleichsetzung von Islamismus und Nationalsozialismus, die Sansal zum Ausgangspunkt seiner Handlung macht, kann man sicher kritisch sehen. Und doch: Thematisch ein interessanter Einstieg für deutschsprachige Leser in eine Welt fernab von Schleier, Karawanen und sonstigen Orient-Klischees. Doch daraus wird nichts, dem Übersetzer sei Dank.
Die Verantwortung der Verlage
Übersetzen ist eine einsame Tätigkeit. Und die Einsamkeit gebiert bisweilen Ungeheuer. Damit diese nicht gleich auf die Allgemeinheit losgelassen werden, wurde der Lektor als filternde und korrigierende Instanz erfunden. Doch wer Übersetzungen lektoriert, muss das nötige Handwerkszeug besitzen. Sprachkenntnisse beispielsweise, auch kulturelle Kompetenz. Und er muss die Unterstützung des Verlages haben. Im Falle des verunglückten Sansal-Buches scheint der Verlag das so nicht zu sehen. Frühere Bücher des gleichen Autors sind (im gleichen Hause) durchaus in sorgfältigen Übersetzungen erschienen. Seit dem vorletzten Buch des Autors verfolgt man bei Merlin jedoch eine andere Strategie: Kein Übersetzer, sondern ein Dichter mit Sprachkenntnissen wird beauftragt, das Ergebnis dann als eine höhere Form der Übersetzung verkauft. Es heißt auch nicht mehr „übersetzt“, sondern „übertragen“. Doch einen Bruch gehoben hat sich der Dichter beim Tragen sicher nicht, wer auch nur zwei Seiten des Ergebnisses liest, muss erkennen, dass der Kaiser splitternackt ist. Ein besonders krasses Beispiel, aber leider kein Einzelfall, Vergleichbares findet sich immer wieder, wenn Literatur in Übersetzung veröffentlicht wird.
Aufruf an die Leser
Wörterzählende Übersetzungskritik ist billig, Verlagsschelte ebenso. Doch es gibt eine Verantwortung jedes einzelnen Gliedes im komplexen Kommunikationsprozess der Übersetzung, einen stillschweigenden Vertrag mit dem Leser. Wird die Rolle des Übersetzers als Vermittler und Kommunikator aufgekündigt, ist dieser Vertrag gebrochen. Und das muss man sich nicht gefallen lassen. Es gibt heute die technischen Möglichkeiten, außerhalb von Fachkreisen seine Meinung zu so ziemlich jedem Thema öffentlich zu machen. Genau das sollten die Leser auch in diesem und in den vielen anderen Fällen tun, wo die Übersetzung zum Störfaktor wird. Alle, die über Sprachgrenzen hinweg kulturvermittelnd tätig sind, also Übersetzer, Dolmetscher, Lektoren und Verlage, um nur diese zu nennen, könnten von einer breiten Debatte solcher Fragen nur profitieren.
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Zum Autor des Artikels
Stephan Egghart lebt als Konferenz-Dolmetscher und Übersetzer in Heidelberg. Er hat selbst einige Romane und Monographien mit Schwerpunkt Nordafrika aus dem Französischen übersetzt. Seit vielen Jahren sorgt er für die deutsche Fassung unseres monatlichen Buchtipps von Christine Lecerf. Die ARTE-Zuschauer kennen ihn außerdem u. a. als deutsche Stimme der französischen Nachrichtenmoderatoren von ARTE Info.






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