Synopsis: Japan, 1860. Wer in der Region Shinshu, einem bergigen, entlegenen Landstrich, das siebzigste Lebensjahr vollendet hat, muss sich auf die Spitze des Eichenbergs Narayama zurückziehen, um dort auf den Tod zu warten. In der Dorfgemeinschaft hat man nur als produktives Mitglied oder als Neugeborenes ein Daseinsrecht, eine Situation, die für die hier lebenden Menschen, die in der rauhen Gegend nur mühsam mit spärlicher Landwirtschaft ihr karges Leben sichern können, einen unhaltbaren Zustand darstellt. Tatsuhei, Witwer und Vater zweier Kinder, wird klar, dass er in diesem Jahr die Reise nach Narayama antreten muss, um seine Mutter Orin dorthin zu begleiten, die das schicksalhafte Alter erreicht hat.
Kritik: So wie Akira Kurosawa mit „Dersou Ouzala“ sein Comeback geschafft hat, gelingt es auch Sohei Imamura mit NARAYAMA BUSHIKO, einem Film, der 1993 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, erneut ins Rampenlicht zu treten. In den siebziger Jahren hatte er, ähnlich dem Regisseur von KAGEMUSHA, eine Reihe kommerzieller Misserfolge erlitten, infolge derer er das Filmemachen praktisch einstellen musste, beziehungsweise gezwungen war, Fernsehaufträge anzunehmen. Die Filme Imamuras mit ihrer vehementen sarkastischen Tonalität und einer sich ständig im Grenzbereich bewegenden emotionalen Intensität scheinen zunächst recht weit entfernt von NARAYAMA BUSHIKO, einem Roman, der in den fünfziger Jahren zum ersten Mal verfilmt wurde; damals in relativ nüchtern zurückhaltender Form, um den dessen Hauptthema - Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit - gerecht zu werden.
Und dennoch: Die filmische Umsetzung von Imamura konzentriert sich zwar ganz auf die Regeln des Rituellen, nach denen der ewige Takt des Pendels der Jahreszeiten, die das Leben der Bauern im Japan des Mittelalters bestimmen, in die von Alters her bestehende und unangefochtene Tradition mündet, der zufolge jeder, der in das siebte Lebensjahrzehnt eintritt, die Wanderschaft zum Berg Narayama antreten muss, um dort seinen letzten Lebensabschnitt zu verbringen. Gleichzeitig erkennt man in diesem Werk aber die ganze Energie und ungezähmte Entschlossenheit des Bilderstürmers, für die der Regisseur bekannt ist.
Die Welt des Mittelalters reduziert sich aus westlicher wie auch östlicher Sicht häufig auf schlüpfrige Geschichten. Das Interesse Shohei Imamuras, der Filme wie „Vengeance is mine“ (FUKUSHU SURU WA WARE NI ARI) mit fast anarchisch anmutender Gewalt gedreht hat, konzentriert sich bei diesem Film zuallererst auf die Art und Weise, wie sich soziale Regeln manifestieren, sobald sie, wie in diesem Fall, des gnädigen Schleiers der bürgerlichen Konventionen beraubt sind. Die von Imamura dargestellte Gesellschaft ist zerlumpt und arm, dabei aber erstaunlich gut organisiert. Das Rohe dieser Menschen kommt nur an den Stellen deutlich zum Tragen, an denen japanisches Raffinement, wie man es als westlicher Zuschauer üblicherweise erwartet, ausbleibt. So erscheint auch die Verbannung auf den Berg Narayama nur dem sensiblen und verwirrten Tatsuhei schwer erträglich; sein Blick entspricht dem des Publikums, das die grausamen Riten dieser Gesellschaft erkennt und akzeptiert.
Im Vergleich zu manch früheren Filmen Imamuras, mit ihrer aufwühlenden Eindringlichkeit und Experimentierfreudigkeit, wie etwa „The Insect Woman“ (NIPPON KONCHUA KI,1965), werden in NARAYAMA BUSHIKO brutale Szenen nicht in abrupten Wechseln eingeschoben, sondern fügen sich quasi natürlich in die Landschaft und den Wechsel der Jahreszeiten ein. Was zunächst als barbarischer Ritus erscheint, wird unter dem hintergründigen Blick Imamuras und dank seiner Neigung zu mehrdeutigen Interpretationen zu einem Konzentrat der Zivilisation in einem kleinen Bergdorf. Die Allgemeingültigkeit des Films macht zweifelsohne dessen Erfolg mit aus, was auch für die nachfolgenden Werke Imamuras gilt, deren Themen zwar der Geschichte Japans entlehnt sind, wie „Black Rain“(KUROI AME), 1989, über den Atombombenangriff und „Doctor Akagi (KANZO SENSEI), 1998, dem Cineasten aber letztlich nur den Stoff liefern für eine Hinterfragung des Zustandes der modernen Welt.
Julien Welter
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Von Shohei Imamura
(Japan, 1993, 130 min.)
Mit Takejo Aki, Tonpei Hidari, Ken Ogata, Sumiko Sakamoto






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