Herr Professor Rölleke, wieso denken wir bei Märchen immer zuerst an die Grimms?
Weil die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm weltweit die ersten waren, die diese Gattung ernst genommen, die Märchen unter wissenschaftlichen Aspekten gesammelt, redigiert, veröffentlicht und kommentiert haben. Bis dahin hielt man Märchen für Kinderkram oder Aberglauben. In Grimms „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) finden wir die zentralen Märchen der gesamten Weltliteratur.Ihre Arbeitsweise beschrieben die Grimms so: Sie seien über Land gezogen und hätten im „einfachen Volk“ Märchen gesammelt, aus denen „der anonyme Volksgeist“ spräche.
Die Grimms sind nie über Land gezogen! Sie ließen junge Leute in ihr Arbeitszimmer kommen, die ihnen Märchen erzählten. Meist waren das junge Damen aus dem Kasseler Stadtbürgertum. Wie die drei Schwestern Hassenpflug, deren Vorfahren aus Frankreich kamen: Sie erzählten den ahnungslosen Grimms französische Märchen – viele aus der Feder Charles Perraults – in hessischem Dialekt, weshalb die Grimms darin zunächst eine genuin hessische Überlieferung sahen.
Diesen Irrtum haben die Grimms nie explizit aufgeklärt. Das geschah erst durch Ihre Veröffentlichungen.
Ja, aber dann tobte der Kampf: Die einen empörten sich, die Grimms hätten gelogen, sie hätten uns französische Märchen als deutsche verkauft. Die BILD-Zeitung schrieb, Rotkäppchen habe einen französischen Rosé im Körbchen gehabt. Die anderen behaupteten: „Das sind und bleiben deutsche Märchen!“ In Hessen war man mir natürlich sehr böse. Für mich ist das ein Streit um des Kaisers Bart. Märchen sind älter als nationale Grenzen und international überliefert.
Waren sich die Grimms wirklich nicht bewusst, dass sie in ihre Sammlung teilweise dieselben Märchen aufnahmen wie über 100 Jahre vor ihnen ihr französischer Kollege Perrault?
Zum Teil schon. So haben sie bewusst auf das Wort „deutsch“ im Titel verzichtet. Anders als ihre anderen Arbeiten wie etwa „deutsche Sagen“ oder die „deutsche Mythologie“ heißt ihre Märchensammlung schlicht „Kinder- und Hausmärchen“. Ferner haben sie die Geschichten, die allzu nah am französischen Pendant lagen, wie z.B. „Der gestiefelte Kater“ oder das „Blaubart“-Märchen, schon in der zweiten Auflage gestrichen. Eigentlich hätten sie auch „Dornröschen“ streichen müssen, denn auch das gab es bereits bei Perrault. Aber das taten sie nicht, denn sie meinten, es sei ursprünglich germanisch und nur zufällig nach Frankreich gelangt. Die Brüder Grimm waren also nicht immer konsequent in ihrer Auswahl. Ob das bewusst oder unbewusst geschah, lässt sich schlecht herausfinden.Welches Publikum hatten die Grimms im Auge?
Das war eine Stufenentwicklung: zunächst ein wissenschaftliches Publikum, dann sollte es ein Buch für Erwachsene werden, die an volksläufiger, einfacher Literatur interessiert sind. Schließlich kam der Kinderbuch-Aspekt hinzu. Die Kleinfamilie war gerade erfunden, die die Mütter im Wesentlichen auf die Kindererziehung beschränkte. Da es noch keine Kinderliteratur gab, waren die KHM willkommenes Vorlesematerial.
... also primär ein Buch fürs Bürgertum.
Ja. Die Grimms hatten die Märchen im Bürgertum und für das Bürgertum gesammelt. So scheinen in den Geschichten viele bürgerliche Idealvorstellungen durch: den Eltern gehorchen, nicht vom rechten Wege abgehen usw. Erst bei näherem Hinsehen merkt man, dass das eigentlich nur Beiwerk ist. Die Moral der Märchen, wenn es überhaupt eine gibt, ist genau entgegengesetzt: Der König im „Froschkönig“ befiehlt der Tochter, mit dem Frosch zu schlafen, ob sie will oder nicht, denn sie hat es ihm versprochen. Die Prinzessin aber ermordet den Frosch, indem sie ihn gegen die Wand schmeißt. Sie handelt also extrem unmoralisch und wird dafür mit einem Prinzen belohnt! Auch Rotkäppchen schert sich nicht um die mütterlichen Ermahnungen und macht am Ende sein Märchenglück. Die Märchenfigur muss sogar gegen die Gebote verstoßen, damit sie den Reifeprozess durchleben kann.
Ist der Spagat zwischen wissenschaftlichem Werk und Kinderbuch in Ihren Augen geglückt?
Jacob Grimm ärgerte es sehr, dass der Verleger das Wort „Kind“ in den Titel nahm, um die Verkaufszahlen zu fördern. Er war überzeugt, dass man „nicht zwei Herren dienen“ könne, also nicht einerseits die Texte korrekt wiedergeben und kommentieren und sie andererseits so verniedlichen könne, dass ein Kinderbuch entsteht. Aber schließlich hat er sich zähneknirschend gefügt. Und der Spagat ist ja auch ganz gut gelungen: Wilhelm Grimm, der jüngere Bruder, hat die Texte von Auflage zu Auflage verkindlicht, ohne ihnen die Substanz zu nehmen. Nur so konnte das Buch zum Welterfolg werden.Das Gespräch führte Ariane Greiner für das ARTE Magazin
ARTE Plus
Die Europäische Märchengesellschaft e.V.
Was ist die EMG?
Vereinigung von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, Erzählern, Künstlern und Märchenleibhabern, 1956 gegründet
Welche Ziele hat die EMG?
Das Wissen um die Märchen wach halten, Märchen bekannt machen, die Märchenforschung unterstützen, die Trost spendenede Kraft der Märchen für Bedürftige nutzen, z.B. in Sterbehospizen, das Märchengut aller Völker pflegen und verbreiten, um so zur Begegnung und Völkerverständigung beizutragen
Was macht die EMG?
Schulungen im Märchenerzählen, Märchenpublikaitonenen und Schriften über Märchen, Seminare und Vorträge zu Märchenkunde und -deutung, zur Erzählförderung und zum kreativen Umgange mit Märchen
Wo sitzt die EMG?
Geschäftsstelle: Postfach 1322, 48403 Rheine (Präsident: Dr. Heinrich Dickerhoff), Tel.: +495971 / 918 420, www.maerchen-emg.de, info@maerchen-emg.de






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