Länge 98 Min.
Format 35 mm, 1:1.85
Mit: Karl Markovics, August Diehl, Devid Striesow, Martin Brambach, August Zirner, Veit Stübner, Sebastian Urzendowsky
Berlinale 2007 - offizieller Wettbewerb
- Synopsis
- Kritik
Stefan Rusowitzkis Film über eines der wenigen im Kino noch nicht erschlossenen bizarren Geheimnisse der Nazi-Willkürherrschaft basiert auf den Erinnerungen des slowakischen Kommunisten Adolf Burger, der knapp 90-jährig den Nachgeborenen aus seinem Buch „Des Teufels Werkstatt“ und der „Operation Bernhard“ zu erzählen – der bis heute größten, staatlich organisierten Geldfälschungsaktion. Insgesamt 134 Millionen Pfund ließen die Nazis im KZ Sachsenhausen von einer Brigade aus ehemaligen Druckern, Graphikern und Währungsexperten herstellen, um damit die britische Volkswirtschaft zu schwächen - machte doch die Falschgeldsumme das Dreifache der damaligen britischen Währungsreserven aus. Im Gegenzug wurden die „Fälscher“ besser behandelt als der Rest der Lagerinsassen und durften auf frischen Bettlaken schlafen, Wurst essen und bei der Arbeit Operettenmusik hören. Ein perverses Privileg und obendrein eines auf Zeit, wussten sie doch, dass sie als Geheimnisträger dem sicheren Tod entgegensahen.
Das KZ als „perfides Drei-Sterne-Hotel in der Hölle“ – eine kammerspielartige Versuchsanordnung voller dem Sujet innewohnender Fallstricke, denen auch Regisseur Rusowitzky nicht entkommt. Bei ihm wird zunächst aus Adolf Burger ein allzu idealistischer deutscher Kommunist, gespielt von August Diehl, der - zum eindimensionalen Charakter degradiert - mit einer Nebenrolle vorlieb nehmen muss. Als schillernderen Hauptakteur hat der österreichische Regisseur ihm die fiktive Figur eines jüdischen Exilrussen in Berlin vorgesetzt, der noch 1936 unbehelligt von den Nazis mitten in Berlin rauschende Orgien feiern kann. Einen Anpassungs- und Überlebenskünstler in den auch noch verzwicktesten Lebenslagen, an dessen Beispiel Rusowitzky die Gewissensfragen seines KZ-Dramas exemplarisch durchexerziert: Darf man der Nazi-Mordmaschine Millionen Falschdollars zur Verfügung stellen und damit ihr Leben verlängern, um gleichzeitig auch das eigene zu schützen und ein paar arme Mitinsassen vor den sadistischen Quälereien der Lagerleiter zu retten? Man darf! Darf man sich mit einem korrupten Lagerleiter verbünden, ihm kurz vor Kriegsende falsche Pässe und einen Persilschein ausstellen, nur um die unwahrscheinliche Überlebenschance zu erhöhen? Man darf! Als ob damit auch nur annäherungsweise beschrieben werden könnte, in welch grausigen Dilemmata sich die zu Aufsehern oder Helfern des Lagersystems auserkorenen Insassen tatsächlich befunden hatten. Die Chuzpe und Kaltschnäuzigkeit, das Gegen-den-Strom-Schwimmen als Lebensprinzip, solcherlei Qualitäten, die Sorowitsch seinen Leidensgenossen exemplarisch vorlebt, hätten in dieser konzentriert-maskulinen Form im Lager wohl keine paar Tage überlebt.Hinzu kommen die für das KZ-Film-Genre typischen, schwer erträglichen karikaturalen Überzeichnungen des handelsüblichen KZ-Figureninventars, vom opportunistischen Lagerchef, dazugehöriger Ehefrau Marke Eva Braun, bis zum jungen, begabten, tragischen russischen Landsmann, der die Befreiung des KZs dann doch nicht mehr erleben darf wegen eines allzu sadistischen KZ-Aufsehers.
Alles zusammen ergibt eine falsch klingende Lehrstunde über den Mut und den Überlebenswillen des Einzelnen in Zeiten des Terrors, musikalisch untermalt von einem ebenso falsch klingenden Soundtrack, in dem ein verspielt-melancholisches Akkordeon zweiundsechzig Jahre nach Kriegsende Trost verspricht, jenseits von Moral und allzu hoch gehängten Idealen. Der sicherlich gut gemeinte Versuch, gängige KZ-Klischees zu durchkreuzen, ohne falsches Pathos, ohne allzu hoch gehängte Moral und Ideale den Lageralltag zu erzählen, die unauflösbaren Widersprüche darzustellen, muss scheitern, weil, wie Claude Lanzmann einst festgestellt hat, keine Fiktion, keine Fantasie der Welt dazu in der Lage ist, die Wahrheit über das Leben im KZ ans Licht zu bringen.
Man merkt, dass Ruzowitzky es kaum abwarten kann, den Zuschauer zu schütteln, ihn in die Lage der Protagonisten versetzen zu wollen, um ihn zu fragen, wie er sich in Sorowitschs Situation und der seiner Zellengenossen verhalten hätte.Diese Ungehemmtheit wird ein wenig nuanciert durch den Einsatz von melancholischer Tangomusik, die zugleich kämpferisch und desillusioniert wirkt (und auch hier wieder ein allzu bekanntes und schreckliches Steoreotyp: Die Bandoneonmusik des Soundtracks flüstert allzu laut von Männern im Krieg). Das Unwohlsein vermag nicht ausreichend innere Reflexion beim Zuschauer zu erzeugen. Und doch leisten die Schauspieler hervorragende Arbeit – von August Diehl, dem jeder Kompromiss zuwider läuft, bis hin zum knorrigen Karl Markovics, einer Art zweiter João César Monteiro, der mit ebensolcher Sprunghaftigkeit agiert und dessen glasiger Blick des Dandys aus verrauchten Clubs zu sagen scheint, dass er so etwas allzu oft erlebt hat. Mit dem einschmeichelnden Nazi Herzog, gespielt von Devid Striesow („Lichter“ und „Wolfsburg“), der an den Bösen bei Ian Flemming erinnert, begibt sich dieser in ein Katz-und-Maus-Spiel (danke, Art Spiegelman). Der Gefangene weiß, dass er mit allen denkbaren Tricks vorgehen muss und sich den Luxus eines würdigen Verhaltens nicht mehr erlauben kann. Dahin wollte Stefan Ruzowitzky eigentlich kommen. Am Schluss beschreibt er den nach Kriegsende noch lebenden Sorowitsch mit Hingabe, doch zu Beginn des Films scheint er sagen zu wollen, dass es ihm um mehr als um einfache, obszöne Spannung geht, die von dem hypothetischen Überleben seines in Sachsenhausen internierten Helden ausgeht. „Die Fälscher“ kommt nicht an den in Holland spielenden Film „Black Book“ von Paul Verhoeven heran, der eine ähnliche menschliche Herausforderung zum Thema hat.






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