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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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01/09/08

Die Faszination des Schreckens und das Erschreckende dieser Faszination

Interview mit Hilka Sinning, Filmautorin der Dokumentation „Die Wohlgesinnten – Auf den Spuren einer literarischen Sensation“

ARTE: Frau Sinning, als der Roman „Les Bienveillantes“ – auf deutsch „Die Wohlgesinnten“ – im Jahr 2006 in Frankreich erschien, war er schnell eine literarische Sensation. Zum ersten Mal wurde in einer fiktiven Autobiografie eines ehemaligen SS-Offiziers die Verbrechen der Nazis aus einer Täterperspektive geschildert. In Ihrem Film zeigen Sie die überraschende Erfolgsgeschichte des Buches und untersuchen die Gründe. Nun erscheint der Roman im Berlin Verlag auch in deutscher Sprache. Wie glauben Sie wird die historisch genaue, aber dennoch fiktive Geschichte des SS-Offiziers Max Aue in Deutschland aufgenommen werden?

Hilka Sinning: Das ist ganz schwierig vorauszusehen, wir haben das ja im Film versucht zu lösen und unsere Interviewpartner immer nach ihren Prognosen gefragt. Die meisten sagen wohl, sie glauben, dass auch in Deutschland, was ja ein sehr sensibles Territorium für dieses Thema ist, die Veröffentlichung auf großes Interesse stoßen wird. Das Feuilleton und die Zeitungen haben ja schon sehr viel berichtet vorab, und ich denke, dass auf jeden Fall eine große Neugier da ist. Ob die Leute hinterher das Buch mögen werden, das ist eine andere Sache. Auch da haben wir im Film Fragen gestellt und haben versucht herauszufinden, wie die Unterschiede in der Rezeption sind zwischen Frankreich und Deutschland. Ein Tenor ist dabei eigentlich klar, nämlich, dass die Wissensvoraussetzungen, dass der Kenntnisstand des deutschen Publikums zu diesem Thema wesentlich höher ist. Für die Franzosen waren viele Dinge neu, die haben immer gesagt, die Nazis, das sind nicht wir und haben die Nazis global als die schrecklichen Bösewichte abgetan. Die historisch genaue Aufarbeitung, die wir in Deutschland schon in der Schule bekommen, die haben die Franzosen nicht, von daher sind diese vielen Details, die in dem Buch auftauchen, für die Franzosen noch unbekannt, für die Deutschen weniger. Aber dennoch, die Insider-Perspektive, das gefühlte Erleben, das ist auch für die Deutschen neu und sehr ungewöhnlich.

Der Autor Jonathan Littell tritt ja selbst nicht in der Öffentlichkeit auf, er gibt praktisch keine Interviews und hält auch keine Lesungen, er kommt also auch in Ihrem Film nicht persönlich vor. Was ist der Grund für diese Zurückhaltung?
Das haben wir auch versucht herauszufinden. Nachdem, was ich von allen Beteiligten, auch denjenigen, die ihn persönlich kennen, erfahren habe, liegt der Grund darin, dass er einfach kein Interesse daran hat, diese ganzen Marketing-Maßnahmen mit zu machen, mit diesem für Autoren teilweise quälenden Programm, Lesereisen, viele Interviews und immer wieder die gleichen Fragen, usw. Das interessiert ihn nicht. er ist auch nicht zum wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, gegangen. Und ich glaube, er möchte auch relativ anonym bleiben. Die wenigen Interviews, die er gibt, die gibt er für die Presse, er verweigert sich dem Fernsehen und den Fotografen.

Könnte es auch eine Rolle spielen, dass er vielleicht als Autor gar nicht in den Interpretationsprozess so einbezogen werden möchte, dass er also die Rezeption des Buches nicht mit seinen eigenen Interpretationen belasten will?
Es ist ein bisschen zwiespältig. Einerseits ist er sehr minutiös, wenn es um die Übersetzungen geht, wenn es um die Betreuung der einzelnen Auflagen geht. Da klemmt er sich schon mit sehr viel Interesse dahinter und verfolgt das alles, besonders die amerikanische Übersetzung, weil das Amerikanische ist ja immer noch seine Muttersprache, auch wenn er französisch sozialisiert ist. Alles was das Buch selbst angeht, da ist er schon sehr engagiert und bringt sich auch persönlich sehr stark ein. Ich glaube, er möchte nur gegenüber dem Publikum, dem Leser weniger in Erscheinung treten. Er möchte auch nicht, dass seine Biografie in Verbindung gesetzt wird, mit der Geschichte des Buches. Obwohl es natürlich immer biografische Verbindungen gibt, besonders an einer Stelle ist die biografische Verbindung zwischen Jonathan Littell und dem Buch doch sehr deutlich, nämlich bei seiner Tätigkeit bei einer humanitären Organisation. Er war 7 Jahre lang für die „Action Contre La Faim“, also die Aktion gegen den Hunger, unterwegs in Bosnien, in Tschetschenien, in Ruanda in Afrika, und er hat genozidäre Aktivitäten hautnah erlebt. Er hat mit den Schlächtern geredet, er hat auch den bürokratischen Aspekt der Hilfsorganisationen erlebt und das alles hat seine Sensibilität für dieses Thema verschärft und das kommt sicherlich im Buch zum Ausdruck. Was er aber auf keinen Fall möchte, ist, dass sein persönlicher jüdischer Hintergrund, mit dem Buch vermischt wird. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum er weniger als Person kaum in Erscheinung tritt. Das Publikum soll eben lesen und sich nicht so sehr Gedanken machen über ihn und seine Biografie.

© avanti media/Harald Rammler, Chris Rowe
In Ihrem Film bezeugen auch verlagsunabhängige, kenntnisreiche Leser wie Claude Lanzmann oder Michel Friedmann, dass es ein wichtiger Roman mit einer neuen Darstellungsform ist – allerdings auch nicht gerade einfach zu lesen. Was macht die Lektüre von „Die Wohlgesinnten“ unter Umständen so schwierig?
Erst einmal natürlich die Länge. Im Französischen hat der Roman 900 dichtbedruckte, nicht sehr leserfreundliche Seiten, im Deutschen ist man da etwas großzügiger mit dem Seitenumbruch umgegangen, es hat ein etwas größeren Lesekomfort, die Seiten sind weniger dicht gedruckt, und so haben wir in der deutsche Fassung ein Buch von 1400 Seiten. Und das ist wie Frank Schirrmacher im Film sagt, wie ein Felsbrocken, der auf einen hernieder fällt. Es gibt sehr viele Passagen in diesem Roman, die zäh und schwierig zu lesen sind, die sich mit bürokratischen Details, mit organisatorischen Einheiten, mit einer Fülle von Namen und Orten beschäftigten. Man muss da schon einen sehr langen Atem haben, um sich durchzuwühlen. Andererseits belohnt das Buch aber auch, es gibt Szenen, die einen regelrechten Sog entwickeln, so wie es gute Literatur tun sollte. Und vielleicht ist die Art und Weise, wie dieses Buch geschrieben worden ist, nämlich die sehr schweren, zähen, belastenden Passagen, die sich abwechseln, mit eben diesen spannungsreichen und sehr emotionalen Passagen, vielleicht ist es einfach nur ein Spiegel des ganzen furchtbaren Systems von dem es handelt. Das Nazi-System hatte ja auch eine flamboyante Ikonografie entwickelt. Wenn man sich die Bilder anschaut, dann haben die auch heute noch eine gewisse Faszination und gleichzeitig war dieses System schwer, tödlich, bedrückend und inhuman. Möglicherweise spiegelt die Art und Weise, wie Jonathan Littell dieses Buch geschrieben hat, diese beiden Seiten des Nationalsozialismus wieder.

Der Autor Jonathan Littell stammt wie schon erwähnt selbst aus einer jüdischen Familie, sein Vater war als Autor mit Spionageromanen erfolgreich. Nun könnte man ja sagen, dass es inzwischen zur Hitler-Diktatur genügend Materialien und Dokumentationen, auch Filme und Romane gibt. Was will Littell mit diesem Roman hinzufügen: ist es ein Aufklärungsbuch aus der Täterperspektive oder hat es ihn als Schriftsteller einfach nur gereizt, sich in den Kopf eines SS-Mannes hinein zu denken?
Ich kann natürlich letztlich keine Auskunft geben über seine tiefsten Motivationen, ich habe meine Informationen ja auch nur aus zweiter Hand, aber ich glaube, dass er sich tatsächlich sehr intensiv mit dieser furchtbaren NS-Geschichte beschäftigt hat. Es ist ein Thema, das ihn innerlich bewegt hat, das ihn mitgenommen hat, ich denke, er musste einfach diese Geschichte schreiben. Irgendeine Art von Aufklärung als Motiv sehe ich nicht, den Geschichtswissenschaftlern, die ja schon sehr viel Arbeit geleistet haben, wollte er nicht noch etwas hinzufügen. Er wollte, das was ihn persönlich beschäftigt, bewegt, fasziniert hat, aus sich herausschreiben. Sein Agent Andrew Nurnberg sagt, dass J.L. jemand ist, den diese Extreme und Grenzsituationen interessieren, und der wissen will, was bringt Menschen dazu, extreme Dinge zu tun.

Dieser SS-Mann ist eine sehr beunruhigende Romanfigur: kein Monster, sondern gebildet, intelligent und sogar mit einer gewissen inneren Moral. Besteht da nicht die Gefahr, diese Täter zu weit zu vermenschlichen, dass sie womöglich durch eine solche Darstellung selbst auch zu Opfern der Umstände und der Zeitläufe werden?
Schwierige Frage. Ich glaube nicht, dass die Figur des Max Aue, obwohl wir doch eine ganz Menge von ihrem Innenleben erfahren, zum Sympathieträger wird. Als Leser hat man sehr wenig Empathie für ihn, ich jedenfalls hatte als Leser sehr wenig Empathie mit diesem SS-Mann, er bleibt unsympathisch. Man versteht seine Schwächen und Stärken, man versteht auch warum er in diese Verhältnisse und diese Funktion geraten ist und warum er einfach weitermacht, sich passiv immer wieder von diesem Räderwerk vereinnahmen lässt. Man versteht das, aber man entwickelt keine Anteilnahme mit der Figur, dazu ist sie auch zu grausam, verwickelt in einen Mordfall in der eigenen Familie, inzestuös und ständig sich selber beobachtend. Dieser Max Aue ist ein fürchterlicher Hypochonder, er hat ständig Durchfall, Magenprobleme, beobachtet den eigenen Körper, ist fast immer passiver Beobachter. Er macht einfach immer weiter, d.h. auch wenn man intellektuell seine Motivation und seinen Charakter begreift, so kommt man als Leser eben doch nicht in die Gefahr, dass man sich mit ihm identifiziert, dass man womöglich seine Taten und seine Passivität rechtfertigt, entschuldigt oder sie in irgendeiner Form relativiert.

Hilka Sinning, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Thomas Neuhauser, ARTE.

Erstellt: 27-02-08
Letzte Änderung: 01-09-08


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