Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Berlinale 2009

Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

> Die Preisträger > Abschlussbericht

Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

Berlinale 2009

Internationale Filmfestspiele Berlinale 2009 - 21/02/09

Die Filmfestspiele im Rückblick

Klagen auf hohem Niveau - dem Kino geht es gut dabei!


So stark wie nie, sei der deutsche Film auf der diesjährigen Berlinale vertreten, hatte Festivalleiter Dieter Kosslick verkündet, wobei allerdings zwei der insgesamt vier deutschen Produktionen im Internationalen Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wurden, so dass ein Preisregen gar nicht erst zu erwarten war: Der für den Weltmarkt produzierte Finanzkrimi „The International“ von Tom Tykwer, der nur noch bedingt als deutscher Film bezeichnet werden kann, und der insgesamt gelungene, wenn auch aus luxuriöser Position heraus etwas einseitig trist geratene Klagebericht zur Lage der Nation „Deutschland 09“, von 13 etablierten Regisseuren der jüngeren Generation. Die ausländischen Journalisten-Kollegen nahmen die erreichte Könnerschaft zur Kenntnis, stellten aber auch fast schon gewohnheitsmäßig fest, dass Deutschland im Ausland viel positiver gesehen werde als in diesen filmischen Statements. An Deutschland leiden inzwischen fast nur noch die Deutschen selbst, auch das eine Erfahrung der diesjährigen Berlinale.

Die Jury stürzte sich sowieso – wie so oft bei der Berlinale – auf die Filme aus den nicht-klassischen, eher exotischeren Filmländern. So geht der Goldene Bär 2009 – also der Hauptpreis des Festivals – an den einfühlsamen, magisch-metaphysisch aber vielleicht etwas überfrachteten peruanischen Film „La teta asustada“ („The milk of tomorrow“) von Claudia Llosa, ein Silberner Bär für den besten Erstlingsfilm und ein halber Großer Jurypreis ging an die ebenso langsam wie leise und empathisch inszenierte uruguayische Liebesgeschichte „Gigante“ von Adrián Biniez, und weitere Silberne Bären an Filme aus dem Iran („About Elly“), Rumänien („Katalyn Varga“) und an die algerisch-französische Koproduktion „London River“. Den Akzent auf Filme aus solchen Ländern zu legen, die oft nicht aus Ignoranz sondern einfach aus Zeitmangel zu wenig Beachtung finden, ist gute Berlinale-Tradition, solange die Filme von der Jury auch wirklich auf Augenhöhe gesehen und bewertet werden. Sollte sich da jedoch eine Art Exoten-Bonus eingeschlichen haben, wäre das schließlich nichts anderes als eurozentristische Arroganz mit umgekehrtem Vorzeichen.

Die perfekte, sophisticated-amerikanische und an beste Hollywood-Zeiten erinnernde Screwball-Komödie mit einer umwerfenden Renée Zellwegger, "My One And Only", ist als großes Unterhaltungskino aus einer solchen Perspektive gegenüber dem engagierten Film aus kleinen Ländern vielleicht doch etwas im Nachteil. Zumindest für Hauptrolle oder Drehbuch hätte diese lebensfrohe Geschichte doch jeden Preis verdient gehabt.

Immerhin, der deutsche Film ist weiter auf Erfolgskurs, das war auch bei dieser Berlinale deutlich spürbar, auch wenn sich als Folge der Finanzkrise erste Eintrübungen am Finanzierungshorizont abzeichnen. Aber das, so vermutete eine Teilnehmerin am deutlich ruhiger gewordenen Filmmarkt, könnte auch wieder neue, kreative Energien freisetzen. Der vielleicht kompromissloseste und konsequenteste Wettbewerbsfilm, Maren Ades radikale und schmerzhaft enervierende Beziehungserforschung „Alle Anderen“, teilt sich den Großen Preis der Jury mit „Gigante“, und Hauptdarstellerin Birgit Minichmeyr erhält dazu noch einen Silbernen Bären für die beste weibliche Hauptrolle.

Warum Hans-Christian Schmid mit seinem von allen gelobten „Sturm“ leer ausging, kann nur vermutet werden. Vielleicht ist diese internationale Koproduktion für eine hochkarätig besetzte Jury um die charismatische Tilda Swinton schon einen Tick zu glatt und perfekt inszeniert, trotz des neuen und starken Themas. Zumindest die Kinobesitzer setzen zurecht auf den Film, der "Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater" geht an dieses spannende Drama um die Arbeit einer Staatsanwältin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Es gab natürlich auch Enttäuschungen in diesem Berlinale-Jahr, aber es gab eigentlich keinen totalen Ausfall; selbst so umstrittene und polarisierende Filme wie Sally Potters „Rage“, Francois Ozons „Ricky“ oder Lukas Moodyssons „Mammoth“ können einem Festival nur gut tun - denn ob man sie mag oder nicht, einen starken künstlerischen Gestaltungswillen kann ihnen niemand absprechen.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass neben dem Wettbewerb um den Goldenen Bären wieder viel zu wenig Zeit blieb, die vielen wunderbaren Filme aus aller Welt in den Sektionen „Panorama“ oder „Forum“ zu entdecken und die für jeden Kinofan umwerfend schöne Retrospektive zum 70mm-Film ausgiebig zu besuchen. Die unter dem Motto "Bigger than life" angetretene Retrospektive setzte mit der überwältigenden Bildkraft dieses Filmformats einen schönen Kontrapunkt, vor allem zur fortschreitenden Digitalisierung aller Filmbereiche bis hin zur Projektion des Films im Kinosaal von der Festplatte (die dann auch schon mal abstürzen kann). Die riesigen Filmrollen sind zwar nicht besonders handlich und sehr teuer, deshalb werden sie wohl ins Museum verschwinden, aber bei einer guten 70mm-Filmvorführung von „Lawrence of Arabia“ oder „2001 – A space Odysee“ ist eben auch schmerzhaft zu sehen, was da verloren zu gehen droht. Auch daran erinnert zu haben, kann man der Berlinale 2009 gar nicht hoch genug anrechnen.

Thomas Neuhauser


Peru hat den Bären zum Tanzen gebracht


Bis auf einige Ausnahmen wollte die Jury dieser 59. Berlinale vor allem junge Talente belohnen und die aufstrebende Filmkunst in Ländern wie Peru, Uruguay und in geringerem Maße auch Rumänien ins Rampenlicht treten lassen. Die Jury, die dieses Jahr große Verfechter des unabhängigen Kinos (Isabel Coixet, Tilda Swinton…) in ihren Reihen zählte, ist durch die Verleihung des Goldenen Bären an einen radikalen, aber sehr gelungenen Film, „La Teta Asustada“ von Claudia Llosa, der bei den Kritikern allgemeinen Beifall fand, ihrer Linie treu geblieben.

Auch dieses Jahr bestand ihre Aufgabe in Berlin nicht darin, zwischen den achtzehn Filmen des Wettbewerbs zu entscheiden, sondern die fünf oder sechs Filme auszuzeichnen, die einer Preisverleihung dieser Art wirklich würdig waren. Unter den Gewinnern war ein Film, den man wirklich gerne gesehen hat: „Gigante“ von Adrian Biniez, der drei Bären (den Silbernen Bären - großer Preis der Jury ex-aequo, den Alfred-Bauer-Preis ex-aequo und den Preis für den besten Erstlingsfilm) erhalten hat. Die Geschichte dieses Films spielt zwar in einem sehr trostlosen Umfeld, aber es gelingt ihm dennoch, die Wirklichkeit mit viel Witz, Humor und Einfallsreichtum neu zu erfinden. Er eröffnet tatsächlich neue Perspektiven und hat damit vollauf den für Innovation verliehenen Alfred-Bauer-Preis verdient.

Zwei Preise gingen an das zweite Werk der jungen Maren Ade, "Alle Anderen" (der Silberne Bär – großer Preis der Jury ex-aequo und der Silberne Bär für die beste Darstellerin an Birgit Minichmayr), ein feinfühliger Film über das Leben in einer Beziehung, welcher ganz im Bergman-Stil genau untersucht, wie die Gesellschaft (und der Stolz) Druck auf eine Liebesbeziehung ausübt.

Der Preis für die beste Regie ging an den Iraner Asghar Farhadi für "Darbareye Elly", eine Geschichte, die sich im Privaten, Geheimen abspielt, geschickt strukturiert, sowohl im Hinblick auf die Anleitung der Schauspieler als auch auf den Aufbau von Angstgefühlen, ein Film, der mehr als man glauben mag über das Leben im Iran aussagt. Während der Verleihungszeremonie schlägt Sotigui Kouyate, Preisträger des Silbernen Bären für den besten Darsteller, für die Rolle des Vaters in "London River" von Rachid Bouchareb, sein Publikum für zehn Minuten geschickt mit seinem Palaver in den Bann. Er hat sich hier vielleicht doch eine Redezeit eingeräumt, die nicht unbedingt im Verhältnis zu seinem Talent steht.

Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung hat „Katalin Varga“ zweifellos der Fotogenität der düsteren Karpaten zu verdanken. Schließlich ist der Preis für das beste Drehbuch an den ergreifenden Film "The Messenger" von Oren Moverman gegangen, der durchaus auch auf andere, glanzvollere Auszeichnungen Anspruch hätte erheben können, vor allem aufgrund der herausragenden Leistung des Hauptdarstellers Ben Foster. Wetten wir, dass das weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt war, um einen amerikanischen, gleichwohl unabhängigen Film über die Veteranen des Irakkriegs auszuzeichnen, ein kleines Meisterwerk, das mit Sicherheit problemlos Käufer und auch sein Publikum finden wird. Amen…

Delphine Valloire

Erstellt: 15-02-09
Letzte Änderung: 21-02-09