
von Martin Cruz Smith
Roman. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
C. Bertelsmann Verlag
2010
ISBN: 978-3-
570-00920-8

Arkadi handelt, als sei er unberührbar, wie ein Kastenloser in Indien, den ein anständiger Mensch nicht wahrnimmt. Er geht hierhin und dorthin, hält sich an keine Vorschriften, er ermittelt im Fall einer tot aufgefundenen jungen Frau. Gefunden wurde sie in einem als Bauwagen getarnten Bordell, war aber keine Prostituierte, sondern irgendetwas anderes. Arkadi gleitet auf dem Pfad dieser Untersuchung beinahe aus dem Roman heraus – wie im Halbschlaf taucht er auf einer dieser Messen für Millionäre auf, wie im Traum sucht er nach seinem Ziehsohn Schenja, der sich im Dreieck zwischen dem Kasaner, dem Leningrader und dem Jaroslawler Bahnhof als Schachspieler und Straßenjunge durchschlägt.
Diesem 16jährigen Genie fällt ein Mädchen in die Hände, nass von austretender Muttermilch und Tränen. Der 15jährigen ist auf der Flucht aus dem Bordell, in dem sie gefangen gehalten worden war, ihr neu geborenes Baby von Trickbetrügern geraubt worden. Während sie auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind von der Polizei beinahe vergewaltigt und von einer Bande Straßenkinder zur Prostitution gezwungen wird, versucht Schenja, ihr Leben zu retten. Zum ersten Mal ist es einem menschlichen Wesen gelungen, die Wand der Gleichgültigkeit zu durchdringen, die Schenja um sich errichtet hat. Doch während er versucht, ihnen in einem geschlossenen Spielkasino ein heim zu errichten, beklaut sie den Einzigen, der ihr ernsthaft helfen will.
Der Raub des Babys für den hochpreisigen Kindermarkt ist nur der Anfangsschub für den Höllenkreisel, den Cruz Smith in immer rasenderem Tempo dreht: Frauenhandel, Kinderraub, Kinderprostitution – kein Mensch findet auch nur einen anderen, dem er trauen könnte, und wenn er, wie die 15jährige Maja, doch jemanden findet, ist sie zu Vertrauen nicht imstande. Und aus der Tiefe der ländlichen Verzweiflung, der sie entflohen ist, haben sich schon zwei Auftragsmörder aufgemacht, um die Flüchtige zu bestrafen. Einem Bordell, und sei es noch so entfernt auf dem lande gelegen, entzieht man sich nicht ungestraft.
Es ist Moskau, es ist Putins Russland, das Cruz Smith gestützt auf genaue Recherchen beschreibt. Aber es ist zugleich eine danteske Hölle, es ist die globale Metropole schlechthin, in der Kinder bereits als Säuglinge um ihr Leben kämpfen müssen und Superreiche sinnlos ihr verderbtes Leben verprassen.
Die Polit-Schwätzer, die ihre Verachtung der Armen mit Gerede über römische Dekadenz polieren, sollten, wenn sie noch einen Funken Herz oder Verstand haben, einen Blick in dieses Buch werfen.
Der Höllenkreisel dreht sich gegen Ende immer schneller: die Tote im Bauwagen, das Baby, die Auftragsmörder – und dann kommt alles zu einer anscheinend wunderbaren Ruhe, die so trügerisch ist, dass der Autor selbst seine Schlussszene mit einem letzten Satz konterkarieren muss: „Chaos war der Normalzustand.“ Da spielt einer auf einem Klavier, dem die meisten Tasten fehlen – und alle singen. So eine Welt geht nicht unter.
Eine Rezension von Tobias Gohlis







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