Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Krimitipp > Krimi des Monats

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

Martin Cruz Smith - 18/03/10

Die Goldene Meile

Eine Rezension von Tobias Gohlis


In Moskau kulminiert das Chaos. In der russischen Metropole herrscht Gewalt und unverblümte Gier

Martin Cruz Smith hat sich Zeit seines Schriftstellerlebens mit den Ausgestoßenen und Unterdrückten beschäftigt. Er schrieb über Zigeuner und Indianer, über streikende Bergarbeiter und Loser. Sein skeptischer Blick ließ sich niemals blenden, nicht von den Versprechen der Ideologien, nicht von den Schalmeienklängen des Heroismus, erst recht nicht vom Glanz der Macht. Das mag damit zu tun haben, dass er selbst immer ein Außenseiter war. Mütterlicherseits hat er indianische Ursprünge, in den Sommerferien spielte er Indianer und Cowboy im Reservat, in dem seine Großmutter lebte. Seine Eltern waren Clubmusiker, immer unterwegs, immer in unsicheren Verhältnissen. Mit 30, nach zahlreichen mehr oder minder erfolglosen Anläufen als Autor und Journalist, entdeckte er das Land, in dem es nur Verlierer zu geben schien: Russland. Und eine Kraft des Überlebens, mit der die Menschen offenkundig alles überstanden hatten: den Krieg, die Armut, den Stalinismus.


„Die Goldene Meile"
von Martin Cruz Smith
Roman. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
C. Bertelsmann Verlag
2010
ISBN: 978-3-
570-00920-8
Der Roman „Gorki Park“, 1981 veröffentlicht, nachdem er fast zehn Jahre auf Halde gelegen hatte, brachte Cruz Smith den internationalen Durchbruch. Seitdem haben ihn Russland und die Figur seines Ermittlers Arkadi Renko nicht mehr losgelassen. In nunmehr sieben Romanen hat Cruz Smith Arkadi Renko vom Zentrum an die Peripherie und wieder zurück ins Zentrum des Imperiums geschickt, mit „einem gewissen sadistischen Vergnügen“, wie er sagt. Arkadi Renko war auf einem Fischtrawler ins Nordmeer verbannt, er ermittelte in Kuba und in Tschernobyl, alterte kaum. Jetzt ist er seit 20 Jahren oder mehr Kriminalist und hat alles gesehen, was es gibt. Deshalb gleitet er eher am Rande des Geschehens durch Moskau, ein erfahrener Zyniker. Es ist sowieso nicht mehr die Stadt, die er in seiner Jugend kannte, als er hier in privilegierter Umgebung aufwuchs, als Sohn eines Kriegsverbrechers und Kriegshelden, der ihn als Achtjährigen ins Leichenschauhaus mitnahm, um ihn abzuhärten. Jetzt ist er kaltgestellt. Sein ewiger Feind und Vorgesetzter Staatsanwalt Surin sucht nur nach einer Gelegenheit, ihm den Garaus zu machen, und die scheint gegeben, als Renko seinen Freund, den Milizoffizier Orlow aus dem Knast holt, weil dieser wegen Trunkenheit festgenommen wurde.

Arkadi handelt, als sei er unberührbar, wie ein Kastenloser in Indien, den ein anständiger Mensch nicht wahrnimmt. Er geht hierhin und dorthin, hält sich an keine Vorschriften, er ermittelt im Fall einer tot aufgefundenen jungen Frau. Gefunden wurde sie in einem als Bauwagen getarnten Bordell, war aber keine Prostituierte, sondern irgendetwas anderes. Arkadi gleitet auf dem Pfad dieser Untersuchung beinahe aus dem Roman heraus – wie im Halbschlaf taucht er auf einer dieser Messen für Millionäre auf, wie im Traum sucht er nach seinem Ziehsohn Schenja, der sich im Dreieck zwischen dem Kasaner, dem Leningrader und dem Jaroslawler Bahnhof als Schachspieler und Straßenjunge durchschlägt.

Diesem 16jährigen Genie fällt ein Mädchen in die Hände, nass von austretender Muttermilch und Tränen. Der 15jährigen ist auf der Flucht aus dem Bordell, in dem sie gefangen gehalten worden war, ihr neu geborenes Baby von Trickbetrügern geraubt worden. Während sie auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind von der Polizei beinahe vergewaltigt und von einer Bande Straßenkinder zur Prostitution gezwungen wird, versucht Schenja, ihr Leben zu retten. Zum ersten Mal ist es einem menschlichen Wesen gelungen, die Wand der Gleichgültigkeit zu durchdringen, die Schenja um sich errichtet hat. Doch während er versucht, ihnen in einem geschlossenen Spielkasino ein heim zu errichten, beklaut sie den Einzigen, der ihr ernsthaft helfen will.
Der Raub des Babys für den hochpreisigen Kindermarkt ist nur der Anfangsschub für den Höllenkreisel, den Cruz Smith in immer rasenderem Tempo dreht: Frauenhandel, Kinderraub, Kinderprostitution – kein Mensch findet auch nur einen anderen, dem er trauen könnte, und wenn er, wie die 15jährige Maja, doch jemanden findet, ist sie zu Vertrauen nicht imstande. Und aus der Tiefe der ländlichen Verzweiflung, der sie entflohen ist, haben sich schon zwei Auftragsmörder aufgemacht, um die Flüchtige zu bestrafen. Einem Bordell, und sei es noch so entfernt auf dem lande gelegen, entzieht man sich nicht ungestraft.

Es ist Moskau, es ist Putins Russland, das Cruz Smith gestützt auf genaue Recherchen beschreibt. Aber es ist zugleich eine danteske Hölle, es ist die globale Metropole schlechthin, in der Kinder bereits als Säuglinge um ihr Leben kämpfen müssen und Superreiche sinnlos ihr verderbtes Leben verprassen.
Die Polit-Schwätzer, die ihre Verachtung der Armen mit Gerede über römische Dekadenz polieren, sollten, wenn sie noch einen Funken Herz oder Verstand haben, einen Blick in dieses Buch werfen.

Der Höllenkreisel dreht sich gegen Ende immer schneller: die Tote im Bauwagen, das Baby, die Auftragsmörder – und dann kommt alles zu einer anscheinend wunderbaren Ruhe, die so trügerisch ist, dass der Autor selbst seine Schlussszene mit einem letzten Satz konterkarieren muss: „Chaos war der Normalzustand.“ Da spielt einer auf einem Klavier, dem die meisten Tasten fehlen – und alle singen. So eine Welt geht nicht unter.


Eine Rezension von Tobias Gohlis

Erstellt: 18-02-10
Letzte Änderung: 18-03-10


+ aus Kultur entdecken