Kritik: Der junge Franzose Reda mit den nordafrikanischen Wurzeln aus den Outskirts von Aix-en-Provence zündet keine Autos an, sondern er repariert sie, wenn auch widerwillig. Was ihn dennoch mit den rebellischen Einwandererkindern verbindet, ist die Wut. Die aber richtet sich gegen die strengen patriarchalischen Regeln der eigenen Familie – der ältere Bruder tyrannisiert den Kleinen und den undurchsichtigen Befehlen des griesgrämigen Vaters zu trotzen, käme dem schlimmsten Hochverrat gleich. Dass ausgerechnet diese beiden auf eine Reise gehen, die sie über Wochen im kleinsten aller möglichen Räume, einer Autokabine, zusammenpfercht, daraus bezieht dieses Roadmovie seine Grundspannung. Denn den komplett französisierten Reda, der seine französischen Freundin vor der Familie geheim hält wie einen kostbaren Schatz und sein sentimentaler Vater, der nach 30-jähriger Gastarbeiter-Wanderschaft davon träum, per Pilgerreise seine innere Mitte wieder zu finden, trennen Welten.
Einen langen, schweren Weg hat sich auch der junge Regisseur Isael Ferroukhi da vorgenommen – in seinem Spielfilmdebüt zwei Menschen über eine so lange Distanz (102 Minuten) auf engstem Raum zusammenzusperren. Besteht die Tücke des Roadmovies doch gerade darin, dass die Dramaturgie fleißig und meistens allzu durchsichtig immer wieder Stolperstein um Stolperstein aufstellen muss, damit den im Auto oder an den Stationen der Reise ausgetragenen Konflikten nicht so schnell die Luft ausgeht. Da das Handlungsziel der Geschichte und ihrer Protagonisten mit dem Ziel der Reise zusammenfällt, beginnt sich die Zeit im Kinosessel zu dehnen wie die aus Langeweile im Kinosessel gesponnenen Kaugummifäden des Zuschauers.
Genau damit hat auch Ferroukhi zu kämpfen, denn er muss das archaische Wertesystem des Familienoberhaupts immer wieder mit den konträren Ansichten seines Sprösslings zusammenrauschen lassen, dass es nur so kracht. Die logische Folge- irgendwann geht es nicht mehr lauter, wenn es darum geht, was gegessen und getrunken wird, welche touristischen Sehenswürdigkeiten zwischendurch angesteuert und welche Schlafplätze aufgesucht werden dürfen. Dass die Geschichte trotz mancher dramatischer Durststrecke und dazugehöriger kunsthandwerklicher Kaschierkniffe dennoch ihren Sog entfaltet, liegt an zweierlei – an den landschaftlich und atmosphärisch reizvollen Stationen dieser Reise, die mit den Postkartenidyllen Europas rein gar nichts zu tun haben. Denn wer von uns zentralheizungsverwöhnten Westeuropäern würde schon mitten im Winter auf die Idee kommen, mit einem klapprigen Peugeot das verschneite Landstraßennetz Bulgariens zu durchmessen.
Zweitens – man lernt ganz nebenbei aus nächster Nähe eine Menge über Kultur, Sitten und Religion der immer noch unbekannten muslimischen Minderheit im eigenen Land und versteht auf gänzlich beiläufige Art und Weise endlich ein wenig von dem, was es heißt, ein gläubiger Muslim und gleichzeitig tolerant zu sein, als Einwandererkind der zweiten Generation den Kontakt zu seinen Wurzeln zu verlieren, über dazugehörige familiäre, sprachliche und kulturelle Gräben und – das ist der absolute Höhepunkt dieses Films – über das Geheimnis von Mekka und den wahren Sinn einer fernöstlichen Pilgerreise.Martin Rosefeldt
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Die Große Reise
Regie & Drehbuch: Ismael Ferroukhi
Darsteller: Nicholas Cazale, Mohamed Majd
Koproduzent: ARTE France
Frankreich/Marokko, 2004, 102’






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