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Samstag, 13. September 2008 um 22.30 Uhr - 05/09/08

Die Hintergründe des Films "Das Weltgericht von Bamako"

Der IWF und die Weltbank wurden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im US-amerikanischen Städtchen Bretton Woods gegründet. Der Sitz beider Institutionen befindet sich in Washington. Hauptaufgaben der beiden internationalen Finanzinstitute sind heute die Regulierung des internationalen Finanzsystems und die Kreditvergabe an Entwicklungsländer. Angesichts der Tilgungsschwierigkeiten zahlreicher kreditempfangender Länder forderten die reichen Länder zu Beginn der 1980er-Jahre die Einrichtung von „Strukturanpassungsprogrammen“. Damit wurden neue Spielregeln mit unmittelbarer Auswirkung auf das Leben von Millionen von Menschen aufgestellt. Die Regierungen hoch verschuldeter Staaten mussten hinnehmen, dass Vertreter der internationalen Finanzinstitutionen ihnen die Politik zur Wiederherstellung ihres finanziellen Gleichgewichts diktieren. Die meisten Länder Schwarzafrikas befinden sich heute in einer solchen Phase der Strukturanpassung. Die sehr liberal gefärbten Anpassungsprogramme bedienen in erster Linie die Interessen der reichen Länder, allen voran der U.S.A. und Europas. Die Programme, die den Schuldnerländern der südlichen Hemisphäre aufoktroyiert werden – und an die sich die Länder des Nordens übrigens selbst nicht halten – sind immer dieselben: Streichung von Staatsbeihilfen in Landwirtschaft und Textilindustrie, Stellenabbau im öffentlichen Dienst, Entlassung bestimmter Beamtenkategorien (Lehrer, Ärzte usw.). Im Zuge der Privatisierung von Staatsunternehmen der Schuldnerländer - insbesondere zur Verwaltung von Bodenschätzen, Wasser, Strom, Kommunikations- und Telekommunikationsmitteln - kommen fast immer multinationale Unternehmen der reichen Länder zum Zuge, und die Verträge, bei deren Verhandlung sich politische Einflussnahme und Korruption mischen, begünstigen systematisch westliche Großkonzerne. Gleichzeitig verarmt die Bevölkerung der in Strukturanpassungsprogramme eingebundenen Länder zusehends, was eine kürzere Lebenserwartung, höhere Kindersterblichkeitsraten und erhöhten Analphabetismus zur Folge hat. Nahezu alle offiziellen Berichte betonen, dass die „armen und stark verschuldeten“ Länder heute noch ärmer sind als vor zwanzig Jahren. Berücksichtigt man jedoch sämtliche Finanzflüsse und den Reichtumstransfer, ist die Schuld der afrikanischen Staaten gegenüber den reichen Ländern längst getilgt. Viele mussten alle strategischen Reichtümer aus der Hand geben und haben damit ihr Entwicklungspotenzial verwirkt. Ein eventueller, viel zu später Schuldenerlass ist heute reiner Trug.

Sonntag, 30. Januar 2011

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Das Weltgericht von Bamako

Im westafrikanischen Mali machen Repräsentanten der Bevölkerung dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank den Prozess.

DETAILS

Sonntag, 30. Januar 2011 um 00.55 Uhr

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Das Weltgericht von Bamako
(Frankreich, Mali, 2006, 93mn)
ARTE F
Regie: Abderrahmane Sissako
Kamera: Abdourahmane Somé, Jacques Besse, Makhète Diallo, Thomas Nikéma
Darsteller: Aïssa Maïga, Balla Habib Dembélé, Danny Glover, Maimouna Hélène Diarra, Tiécoura Traoré, Aminata Traoré (Zeugin), Djénéba Koné (Chakas Schwester), Gabriel Magma Konate (Staatsanwalt), Hamadoun Kassogué (Journalist), Mamadou Kanouté (Verteidigungsanwalt), Roland Rappaport (Verteidigungsanwalt), William Bourdon (Zivilanwalt)
Autor: Abderrahmane Sissako
Kostüme: Maji-da Abdi
Ausstattung: Mahamadou Kouyaté
Maske: Batoma Kouyaté
Produktion: ARTE France, Archipel 33, Chinguitty Films, Mali Images
Produzent: Thomas Alfandari
Ton: Christophe Winding, Dana Farzanehpour

Original mit Untertitel Stereo 16:9 (Breitbildformat) Nativ HD

Im westafrikanischen Mali machen Repräsentanten der Bevölkerung dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank den Prozess. Sie ziehen sie zur Rechenschaft für das, was den afrikanischen Kontinent niederdrückt. Ein Wohnhof der Hauptstadt Bamako wird zum Gerichtshof, und während Ankläger, Zeugen und Verteidiger ihre Standpunkte vertreten, spielt das Leben im Hof munter weiter.

Die bildhübsche Melé ist Sängerin in einer Bar, ihr Mann Chaka ist arbeitslos. Sie teilen sich mit anderen Bewohnern den Hinterhof eines Hauses in Malis Hauptstadt Bamako, der zudem noch von Hühnern und Ziegen bevölkert wird, durch den Hochzeitsgesellschaften ziehen und wo regelmäßig der große Waschtag zelebriert wird. Und inmitten dieses bunten Kosmos des afrikanischen Alltagslebens findet eine Gerichtsverhandlung statt, in welcher Vertreter der afrikanischen Zivilgesellschaft Klage erheben gegen die Entwicklungspolitik der Weltbank und die Aktivitäten des Internationalen Währungsfonds.
Die beiden mächtigen Institutionen, so der Vorwurf, richten mit ihren neoliberalen Projekten und Planungen das Land zugrunde, wo doch ihre eigentliche Aufgabe darin bestünde, im Weltmarkt ausgleichend zu wirken. Erdrückt von Schulden und bemüht sich anzupassen, kämpft der afrikanische Kontinent ums Überleben. Die Vertreter Afrikas bieten eine ganze Reihe von Zeugen auf, um ihre Anschuldigungen zu untermauern: Sie schildern ihr Leben in Armut, Abhängigkeit und Hoffnungslosigkeit, ein endloser Chor des Leidens und der Anklage gegen die Kräfte der Globalisierung.
Doch während der Prozess spannungsgeladen mit Zeugenberichten und Plädoyers voranschreitet; geht das Leben im Hof munter seinen normalen Gang.

Ein alter Mann stirbt, Kinder spielen im Hof, ein Paar trennt sich ... Hier vermischen sich die Alltagsgeschäfte mit der sonst so gedämpften Sphäre der exklusiven Gerichtssäle, und gerade durch diesen Kontrast wird ganz beiläufig der Gegensatz zwischen der Widerwärtigkeit der nördlichen Arroganz und der Ohnmacht und Hilflosigkeit der einfachen afrikanischen Bevölkerung sichtbar. Zusätzlich zu der politischen Lektion und den quasidokumentarischen Aufnahmen des Dorflebens findet sich unter anderem noch ein wunderschöner afrikanischer Popsong zu Beginn und Ende des Films, eine Italowesternparodie namens "Death in Timbuktu" mit Danny Glover in der Hauptrolle, in welchem eine Horde Cowboys eine andere afrikanische Siedlung überfällt, sowie ein mysteriöser Mordfall in der Familie der Sängerin Melé. Letztendlich bleibt trotz aller Trostlosigkeit und Melancholie aufgrund der bitteren Armut der Dritten Welt ein Hoffnungsschimmer: Ganz egal, wie der fiktive Gerichtsprozess ausgehen wird oder ob sich die reiche Welt jemals wegen ihres Verhaltens gegenüber der armen wird rechtfertigen müssen - das Leben geht weiter, so oder so.
Dieses weltweit beachtete Kinoprojekt drehte der Regisseur Sissako im Wesentlichen im Hinterhof des Hauses seines Vaters, in dem auch er aufgewachsen ist. Auf luzide Weise zeichnet Abderrahmane Sissako im Kontrast von Gerichtsverhandlung und Alltagsleben ein Porträt der afrikanischen Verhältnisse und andererseits des westlichen Selbstverständnisses. Sissako verschafft den Menschen Gehör, die im Zuge der globalen Verwestlichung auf der Strecke bleiben. "Das Weltgericht von Bamako" ist ein spannender Film zur Zeit, ein stiller Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit der westlichen Welt und ein gewitztes Lehrstück nicht nur in Bezug auf Afrika.
Abderrahmane Sissako wurde für sein brillantes Meisterwerk unter anderem der Lumière Award für den besten französischsprachigen Film verliehen. Bereits 17 Filmpreise haben ihm seine anderen Filme eingetragen; so zum Beispiel "Reise ins Glück" (2002), der bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde und "La Vie sur Terre" (1998), dem ebenfalls auf diversen Filmfestivals weltweit Tribut gezollt wurde.
Aïssa Maïga, die in der Rolle der Melé zu sehen ist, ist eine im Senegal geborene und in Frankreich aufgewachsene Schauspielerin. Ihre erste große Rolle hatte sie in "Saraka-bo" (1997) von Denis Amar, wo sie an der Seite von Yvan Attal und Richard Bohringer die Hauptrolle spielte. International bekanntwurde sie vor allem durch ihre Rolle als Freundin des Romain Duris in der Fortsetzung "L'Auberge espagnole - Wiedersehen in St. Petersburg" (2005) von Cédric Klapisch. Bei ARTE wird sie in einer atemberaubenden Hauptrolle wieder zu sehen sein in Dominique Cabreras "Die Stadt beißt" - einer Folge der achtteiligen "Serie in Schwarz" - ab 12. März 2011.


Erstellt: 04-09-08
Letzte Änderung: 16-04-09