08/02/11
Die Kinder der Killingfields
Vergangenheitsbewältigung in Kambodscha
Kambodscha gilt im Rest der Welt als Synonym für Völkermord. 30 Jahre ist es her, dass die ultra-kommunistischen Khmer Rouge unter ihrem Führer Pol Pot ein Drittel der eigenen Bevölkerung abschlachteten. Das Land ist davon bis heute traumatisiert. Doch die junge Generation beginnt am Schweigen ihrer Eltern zu rütteln.
Die Provinz Battambang im Westen Kambodschas. Was dort geschieht ist eine kleine Sensation in Kabodscha. Die Jugendorganisation „Youth for Peace“ hat ein Treffen organisiert, bei dem die Alten ihr Schweigen brechen. Viele zum ersten Mal in ihrem Leben. Mit Tränen in den Augen und stockender Stimme berichten die Zeitzeugen den geschockten Jugendlichen von ihren Qualen unter den Roten Khmer. Das Unaussprechliche wird endlich in Worte gefasst.
Dass auch ihre eigenen Eltern und Großeltern unter den kommunistischen Rebellen als Zwangsarbeiter schuften mussten, ist für viele der Jugendlichen neu. Auch dass bitterer Hunger herrschte und in Kambodscha Millionen Menschen starben. In diesem Dorf wurde nie zuvor über die dunklen 70er Jahre gesprochen.
Die meisten tun das bis heute nicht. Zu schmerzhaft ist der Blick in die Vergangenheit. In vielen Familien sind Pol Pot und sein Mörderregime ein regelrechtes Tabuthema. Besonders bei den Jugendlichen. Die wollen am am liebsten gar nichts davon wissen.
Auch der Rest der Welt weiß, was passiert ist. Die vierjährige Schreckensherrschaft Pol Pots und seiner Khmer Rouge begann 1975. Sie wollten eine Agrarrevolution und verwandelten das Land in ein gigantisches Arbeitslager. Die Menschen wurden aufs Land getrieben, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Schon bei kleinsten Vergehen wurde die Menschen gefoltert und eingesperrt. Die gebildete Schicht wurde systematisch ausgerottet. Zwischen zwei und drei Millionen Kambodschaner fielen dem Wahnsinn der Kommunisten und ihrer Kindersoldaten zum Opfer. Überall im Land künden Mahnmale von der Schreckenszeit. Erbaut wurden sie allerdings von den Vietnamesen, die die Khmer Rouge schließlich entmachteten.
Doch nicht alle jungen Kambodschaner akzeptieren das Schweigen. Für die Musiker von Thom Thom – Kambodschas bekannteste Rockband – ist die Vergangenheit kein Tabu. Nalen und Sopoi wurden in Phnom Penh geboren. Der französische Drummer Jean-Philipe kam vor acht Jahren in die Stadt. Das Unwissen und Desinteresse ihrer Altersgenossen macht sie wütend.
Mit ihrem Song „Big Bulb“ wollen Thom Thom die Jugendlichen wachrütteln. Sie singen von Hunger, Zwangsarbeit und Massenmord. Themen, die auch in der Musikszene bislang tabu waren. Ihre Texte haben die Band im ganzen Land bekannt gemacht.
Aber es sind nicht nur die Musiker von Thom Thom, die gegen das Schweigen rebellieren. Moderator Khut und seine Kollegen vom Radiosender „FM 102“ in Phnom Penh produzieren einmal in der Woche eine Sendung über die Khmer Rouge. Gegen das Desinteresse der Jugend haben sie eine Strategie entwickelt: Geschichtsunterricht mit Popmusik. Beiträge über die Khmer Rouge und die neuesten Pophits wechseln sich ab. Hörer können anrufen und Fragen stellen. Nur langsam beginnen sich junge Kambodschaner für die Vergangenheit zu öffnen. Thom Thoms Konzerte sind gut besucht. Geschichtsaufarbeitung durch Popmusik. Vielleicht gar nicht mal der schlechteste Weg.
Youk Chhang vom „Documentation Centre of Cambodia“ kämpft schon seit Jahren gegen das Schweigen. Er sieht in der verdrängten Vergangenheit den Grund für die hohe Gewaltbereitschaft der kambodschanischen Jugendlichen. Der Politologe hat die Kinder und Enkel der Überlebenden befragt. Das Ergebnis der Studie: 88 Prozent der unter 21jährigen wissen so gut wie nichts über die Khmer Rouge.
Youk Chhang fordert, das Thema endlich an den Schulen zu unterrichten. So wie an deutschen Schulen über die Nazizeit und an französischen über das Vichy-Regime gesprochen wird. Doch in kambodschanischen Schulbüchern steht kein Wort über die Herschafft Pol Pots. Und das durchaus mit Absicht. Schließlich besteht auch Kambodschas aktuelle Regierung teilweise aus ehemaligen Khmer Rouge Kadern.
Tracks
Samstag 4. Oktober 2008 um 03.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 52mn)
WDR
Erstellt: 02-10-08
Letzte Änderung: 08-02-11