Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kino-News > Kinostart 15. Januar 2009 > Die Klasse (Entre les murs)

Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

Kinostart 15. Januar 2009 - 19/01/09

Die Klasse (Entre les murs)

Ein Film von Laurent Cantet


( Arte Bewertung: 4 ) „Entre les murs“ von Laurent Cantet erzählt mit Bravour den Alltag einer Schule in einem Problemviertel, ein Film, in dem Laienschauspieler ein einzigartiges Talent unter Beweis stellen.

Previous imageNext image
Synopsis: François (François Bégaudeau) ist ein junger Französischlehrer und unterrichtet eine 7. Klasse an einer Schule in einem Problemviertel. Er zögert nicht, sich Esmeralda, Souleymane, Khoumba und den anderen in anregenden Wortgefechten zu stellen, als wäre die Sprache das einzige, was zählt...


ARTE Kultur Live! im Gespräch mit Regisseur Laurent Cantet und Schauspieler François Bégaudeau
Der Trailer zum Film
(Windows Media Video)


Kritik : Lange vor dem Film "In den Süden" hatte Laurent Cantet die Idee gehabt, einen Spielfilm über den Alltag an einer Schule zu drehen, ohne jedoch jemals die „dokumentarische Grundlage“, wie er es selbst nennt, gefunden zu haben. Das Buch von François Bégaudeau, “Entre les murs“ (2006), in dem der Autor, ein ehemaliger Lehrer, den Alltag einer Schulklasse an einer solchen Schule über ein ganzes Schuljahr hinweg erzählte, kam wie gerufen, es war die geeignete Grundlage für ein Drehbuch, das Laurent Cantet und Robin Campillo gemeinsam erarbeiteten. Gleichzeitig bemühte sich der Regisseur, so schnell wie möglich eine geeignete Schule zu finden (das Collège Françoise Dolto im 20. Arrondissement von Paris bot sich zweifellos an), um dort das Szenenbild seines Films entstehen zu lassen, dortige Schüler zu Vorbereitungsworkshops einzuladen und so eine Auswahl für den Film treffen zu können. Vollkommen begeistert von François Bégaudeau, schlug Laurent Cantet Letzterem zudem die Rolle des Lehrers vor.

Entre les murs
Ein Film von Laurent Cantet
(Frankreich, 2008, 1h45)
mit: François Bégaudeau, Nassim Amrabt, Laura Baquela, Cherif Bounaïdja Rachedi, Juliette Demaille, Dalla Doucoure …
Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Offizieller Wettbewerb
Ganz anders als die Postulate von Nicolas Philibert und seinem erfolgreichen Dokumentarfilm “Sein und Haben“ (mit dem „Entre les murs“ zwangsläufig verglichen werden wird) geht es Cantet und Bégaudeau vor allem darum, den Alltag einer Klasse aufzuzeigen, gleich einer brodelnden Welt, die auf einen einzigen Raum beschränkt ist und in der Aspekte wie Ungleichheit, Integration, kulturelle und soziale Ausgrenzung, kurzum wichtige Fragestellungen der Gesellschaft auf radikale Weise zum Tragen kommen. Dank einer guten Ausstattung mit drei Kameras, einer für den Lehrer, einer für die Schüler, und einer für alles Improvisierte und Unerwartete, entgeht Cantet kein einziges Detail der einzelnen Szenen, die trotz scheinbarer Improvisation und untrüglicher Spontaneität das Ergebnis permanenter Rekonstruktion sind, einer Neuerschaffung von leistungsbezogenen Situationen, die diesen Laienschauspielern hervorragend gelingt. In dieser bunt gemischten Klasse steht vor allem immer das komplexe Beziehungsgeflecht auf dem Spiel, das fast einem Ritual gleich kommt, Beziehung zwischen dem Lehrer, dessen Aufgabe die Wissensvermittlung ist, und dem Schüler, der vor allem nach Anerkennung hungert. Folglich mag der flüssige Erzählstil die offensichtlichste Glanzleistung dieses Films sein, doch gleichzeitig entgeht er der Gefahr eines willkürlichen Manichäismus: Schüler wie Lehrer steuern abwechselnd durch unbekannte Gewässer, vollkommen verloren und überfordert von einem sich ständig ändernden Redefluss, ihren eigenen Rollen nicht mehr gewachsen und oft in einer heiklen Situation, als habe das Schicksal es auf sie abgesehen und würde jeden Tag die Spuren verwischen und die Rollen neu verteilen. Das Bild des Lehrers François, der immer wieder Toleranz predigt und dann völlig unvermittelt mitten im Unterricht zwei junge Mädchen als „liederlich und ungepflegt“ bezeichnet, wird sicherlich in die Annalen der situationsbedingten Schnitzer aufgenommen werden. Das gleiche gilt für das Mädchen, das normalerweise kein großes Interesse zeigt und sich plötzlich darüber auslässt, wie gerne es in seiner Freizeit „La Republica" von Platon liest. Im Laufe des Films entsteht also die Vorstellung eines unglaubwürdigen Drehwurms, eines ausgesprochen schädlichen Schwindelgefühls, gegen das jeder ankämpfen muss, ein Raum, wo es nie vorgefertigte Antworten gibt und wo jede Regel jederzeit in Frage gestellt werden kann, weil sie de facto mit einer anderen Form von Realität nicht mehr übereinstimmt. In “Entre les murs“ wohnt der Zuschauer einem quasi noch nie dagewesenen Schauspiel bei, wo Jugend und Lehrkörper sich miteinander auseinandersetzen, als ginge es darum, einen dunklen, diffusen Dschungel zu durchkehren, in den kein Lichtstrahl vordringt und wo jeder Schritt eine völlig unerwartete Gefahr aufzudecken droht.

Olivier Bombarda

Erstellt: 12-01-09
Letzte Änderung: 19-01-09