09/07/07
Die Lebenspraktikanten
Interview mit Nikola Richter
Hochschulabsolventen in Deutschland finden oft keine Arbeitsstelle, sondern werden mit schlecht- oder unbezahlten Praktika abgespeist.
Auch Nikola Richter hat einen regelrechten Praktikums-marathon hinter sich. Ihre Erfahrungen zwischen Zuver-sicht und Frust beschreibt die junge Autorin in ihrem Buch Die Lebenspraktikanten (Fischer-Verlag, 2006).
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ARTE: Frau Richter, Sie haben ein Buch über Praktikanten geschrieben – warum?
Nikola Richter: Ich selbst habe während meines Studiums vier und nach dem Studium fünf Praktika gemacht, dann kam die Kurzzeitjobphase. Das Thema Arbeitssuche hat also zweieinhalb Jahre lang mein Leben bestimmt. Bei vielen meiner Bekannten war es ähnlich. Durch den ständigen Arbeitsplatzwechsel ging es mir nicht gut in der Zeit. Um das alles loswerden, habe ich es aufgeschrieben, zunächst in einem sehr larmoyanten Essay. Als der immer länger und schließlich unleserlich wurde, beschloss ich, ihn stärker zu fiktionalisieren und die beschriebenen Erfahrungen fiktiven Figuren zuzuordnen.
Wer sind Nils, Jasmin, Linn, Viktor, Anika, Chris und Giulia?
Ich könnte nicht die Telefonnummer von Nils herausrücken (lacht). Natürlich gibt es Personen, die in den Roman eingegangen sind, aber sie sind nicht eins zu eins übersetzbar.
Ihr Roman hat viele Perspektiven, die Erzählinstanz wirkt distanziert. Hatten Sie die Absicht, bestimmte Typen aufzuzeigen statt persönliche Charaktere?
Ich habe sicherlich keine Typologie entworfen, die alle Praktikanten abdeckt. Aber ich denke, es sind Typen dabei, in denen man sich wieder findet, wenn man selbst Praktikant war oder ist. Es ging mir nicht um ausgefeilte Charaktere, sondern um bestimmte Szenen und Lebensumstände. Um Fragen wie: Wie lebe ich als Praktikant oder Kurzzeitjobber? Wie komme ich mit dem wenigen Geld zurecht? Wie sieht meine Familienplanung aus – gibt es die überhaupt? Wie funktionieren meine Freundschaften?
Hatten Sie eine politische Absicht mit Ihrem Buch? Wollten Sie etwas verändern?
Mein Hauptanliegen war das nicht, sonst hätte ich ein politisches Pamphlet geschrieben. Aber natürlich hat mich das Unverständnis mancher Leute motiviert, die Geschichten zu schreiben. Die Generation unserer Eltern zum Beispiel war nie in unserer Situation. Und auch während der Praktika hört man immer wieder: „Das hätte ich nicht gedacht, dass es so schwierig ist für euch.“ Dann denke ich mir: "Leute, wenn hier jeden Monat neue Praktikanten herumlaufen, dann müsst ihr doch merken, dass die Situation nicht rosig ist. Wir machen das doch nicht zum Spaß!"
Man könnte die „Generation Praktikum“ auch „Generation flexibel“ nennen. Sie hat kein festes Zuhause, führt Fernbeziehungen, ist immer auf dem Sprung – und davon so ausgepowert, dass sie sich nur noch wünscht, den Freitagabend auf dem Sofa zu verbringen und irgendwann ein eigenes Haus zu haben, mit Kräutergarten ...
Das ist wohl diese Sehnsucht nach Ruhe, die man hat, wenn man ständig unterwegs ist. In meiner Minijobphase hatte ich Jobs für einen Tag, dann wieder für drei Wochen. Oft bin ich für ein paar Wochen umgezogen. Durch diese Art zu leben wurde mir klar, dass das Leben nicht nur Unterwegssein, Arbeit und Karriere bedeutet. Was habe ich davon, mit Anfang dreißig die besten Joggingstrecken in fünf verschiedenen europäischen Metropolen zu kennen und innerhalb einer Stunde perfekt meinen Koffer packen zu können?
Seit vergangenem Jahr arbeiten Sie als Volontärin bei einer Zeitschrift. Wie fühlt sich so ein Zweijahresvertrag an?
Als ich das Angebot bekam, kam es mir vor wie eine Ewigkeit: zwei Jahre! Es ist angenehm, sich nicht mehr jeden Monat oder jede Woche neu orientieren zu müssen. In dem Alter ist man ja eigentlich abenteuerlustig und risikofreudig. Man will Neues ausprobieren und ist motiviert. Man möchte seine Ideen einbringen und eigene Ideen entwickeln. Doch viel von dieser Energie geht verloren, wenn man seine ganze Kraft in den Alltag stecken muss. In dieses ständige Überlegen: Was mache ich nächste Woche? Wovon zahle ich die nächste Miete? Dieses ständige hektische sich-immer-wieder-neu-Organisieren ...
Eigentlich eine große Energieverschwendung ...
Ja, das sehe ich auch so.
Das Interview führte Maike van Schwamen.
Erstellt: 22-09-06
Letzte Änderung: 09-07-07