
Fernsehtipp
"Aus heiterem Himmel. Die Royal Air Force verteidigt die Heimat"
Am 03.03.10
um 20.15 Uhr
und 21.00 Uhr
Am 10.03.10
um 20.15 Uhr
und 21.00 Uhr
Die vierteilige Dokumentationsreihe lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, die die dramatischen Ereignisse aus ihrer persönlichen Sicht lebendig werden lassen.

„Operation Seelöwe“ – die abgesagte Invasion
Churchill ließ das „Angebot“ Hitlers postwendend ablehnen; einen Verständigungsfrieden mit der „monströsen Tyrannei“ des Naziregimes konnte es für ihn nicht geben. Damit stand Hitler vor einem ernsthaften Problem, denn tatsächlich gab es keinen auch nur annähernd ausgereiften Plan für das weitere militärische Vorgehen gegen England. Bereits einige Tage vor seinem letzten Friedensfühler im Reichstag hatte der Diktator am 16. Juli 1940 daher den Befehl gegeben, unter dem Decknamen „Operation Seelöwe“ eine Invasion des „englischen Mutterlands“ vorzubereiten. An einen Erfolg glaubte er wohl selbst nicht, wohl wissend, dass – wie der britische Historiker Len Deighton geschrieben hat – „die Deutschen im Gegensatz zu anglo-amerikanischen Truppen im späteren Verlauf des Krieges über keine Landungsboote für Panzer, Lastwagen oder Menschen, keine künstlichen Wellenbrecher und keine geübten Experten für Strandlandungen verfügten“. In England rechnete man in dieser Zeit gleichwohl mit einer deutschen Invasion oder zumindest mit der Landung von Fallschirmjägern. Tatsächlich bestimmte das Oberkommando der Wehrmacht jedoch bereits am 12. Oktober 1940, „dass die Vorbereitungen für die Landung in England von jetzt an bis zum Frühjahr lediglich als politisches und militärisches Druckmittel auf England aufrecht zu erhalten sind.
„Bomber werden immer durchkommen“
Was die Wehrmacht gegen England ins Feld führen konnte, waren die Verschärfung des U-Boot-Kriegs und Bombardements der Luftwaffe. Was zunächst auch noch als Vorbereitung der Invasion gedacht gewesen war, wandelte sich bald in das scheinbar einzige probate Mittel, um England kriegsmüde zu machen. Erst dann sollte Hitlers eigentlicher Weltanschauungskrieg im Osten beginnen. Die „Luftschlacht um England“ begann am 10. Juli 1940. Dabei ging es sowohl darum, die britische Industrie zu zerstören, als auch die Moral der Bevölkerung zu untergraben. Unter Militärexperten wurden einer solchen Strategie durchaus Erfolgschancen eingeräumt. Diese Einschätzung wurde bestärkt durch einen Grundsatz, den der konservative britische Politiker Stanley Baldwin 1932 formuliert hatte: „Bomber werden immer durchkommen“. Die Abwehrmöglichkeiten wurden allgemein gering eingeschätzt, und auch in der deutschen Luftwaffe gab man sich nach den Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkriegs optimistisch.
„Feuerspucker“ im Einsatz
Doch hatte auf englischer Seite noch vor dem Krieg ein Umdenken begonnen. Für Thomas Inskip, zwischen 1936 und 1939 Minister für die Koordination der Verteidigung, war es nicht die Rolle der Royal Air Force, „einen frühen K.o.-Schlag zu landen, sondern darin, die Deutschen an ihrem Plan zu hindern, uns entscheidend nieder zu werfen“.
Die Waffen, die es den britischen Piloten ermöglichen sollten, den Kampf mit den deutschen Bombern aufzunehmen, waren die legendäre „Spitfire“ („Feuerspucker“) und die „Hawker Hurricane“. Der Prototyp der „Spitfire“ erhob sich am 5. März 1936 erstmals in die Lüfte. Entscheidend für den Erfolg dieses Abfangjägers waren die elliptischen Flügel, die das Flugzeug außerordentlich wendig machten. In den Tragflächen waren acht Maschinengewehre untergebracht, mit denen die „Spitfires“ Jagd auf die deutschen Bomber machten.
Weniger bekannt als die „Spitfire“ ist die „Hawker Hurricane“. Dabei waren in der Luftschlacht um England deutlich mehr „Hurricanes“ als „Spitfires“ eingesetzt. Das Flugzeug, das seit 1937 in Serie gebaut wurde, galt als besonders robust, war jedoch weniger wendig als die „Spitfire“. Als Abfangjäger wurde sie daher zunehmend seltener verwendet.
So legendär wie ihre Flugzeuge wurden die Piloten…
So legendär wie das Flugzeug wurden die Piloten. Im Ersten Weltkrieg waren die Flieger zu Helden geworden, auf deutscher Seite allen voran der „Rote Baron“ Manfred von Richthofen. Im industrialisierten Krieg war kein Platz für herausragende Leistungen Einzelner. Der Stellungskrieg zwischen Deutschland und Frankreich war ein massenhaftes, anonymes Sterben. Ganz anders in der Luft: Dort schien der ritterliche Zweikampf noch nicht Vergangenheit zu sein. Tatsächlich liefen die Duelle in der Luft zwar keineswegs nach „ritterlichen“ Spielregeln ab – im Vorteil war, wer den Feind von hinten überraschte, und das Ziel war nicht nur der Sieg, sondern die Vernichtung des Gegners. Das tat aber weder der Legende einen Abbruch noch dem darauf aufbauenden elitären Habitus der Piloten.
Die letzten Helden im industrialisierten Massenkrieg
Daran änderte sich auch im Zweiten Weltkrieg nichts, wobei zu Helden nicht die Bomberbesatzungen taugten, die selbst Teil des industrialisierten Massenkrieges geworden waren, sondern die Jäger, die ihre Abschüsse wie Trophäen zählten. Auf der undatierten Fotografie eines Flugplatzes in England sieht man, wie Piloten eilends zu einem Einsatz aufbrechen. Eine Sekunde davor hatten sie noch bequem in Korbstühlen gesessen, sogar ein Liegestuhl ist am Bildrand erkennbar. Es ist die inszenierte Gelassenheit einer Oberschicht, die bewusst das traditionelle Ideal des heldenhaften Kämpfers zu inszenieren versucht. Die Realität sah freilich anders aus: Allein am 18. August 1940, dem vielzitierten „härtesten Tag“ der Luftschlacht um England, starben 30 britische Piloten, auf deutscher Seite waren es sogar doppelt so viele. Der Tod war ein ständiger Begleiter der Männer, denen ihr Flugzeug oft genug zum stählernen Sarg wurde.
Die deutsche Luftwaffe taugt nur für die Offensive
Gegner der englischen „Spitfires“ waren keine „fliegenden Festungen“, wie sie später die Anglo-Amerikaner bei ihren Luftangriffen auf deutsche Städte einsetzten, sondern Mittelstreckenbomber, die zwar schneller und wendiger waren, aber weit weniger Bombenlast mit sich führen konnten. In der Mitte der 1930-er Jahre war in Deutschland die Entscheidung gefallen, höhere Stückzahlen solcher Mittelstreckenbomber zu bauen und auf schweren Bomber zu verzichten – rein militärisch betrachtet ein großer Fehler. Doch dieser Mangel bereitete der deutschen Luftwaffenführung zunächst keine Kopfschmerzen, denn – so Dan Leighton: „Görings Luftwaffe war ganz auf Offensive ausgerichtet und entwickelt zur engen Zusammenarbeit mit einrückenden deutschen Heeresverbänden... Bei einer erfolgreichen Invasion könnte man auch nach dem Bocksprung-Prinzip mit Mittelstreckenmaschinen von jedem neuen eingenommenen Flughafen vorrücken.“ Einer dieser deutschen Mittelstreckenmaschinen war die Junkers Ju 88 A, von der während des Krieges insgesamt rund 15.000 Stück produziert wurden. Die Ju 88 war u.a. auch sturzflugfähig – eine Technik, die ein genaueres Bombardement ermöglichen sollte. Übertroffen wurde sie in dieser Eigenschaft allerdings von der einmotorigen JU 87, die als „Stuka“ in die Militärgeschichte eingegangen ist.
Die Spätfolgen der Schlacht
Und doch hatte Winston Churchill nicht unrecht, wenn er die Piloten der britischen Jagdflugzeuge mit einem Satz würdigte, der Eingang in wohl alle Bücher über den Zweiten Weltkrieg gefunden hat: „Nie schuldeten so viele so wenigen so viel Dank für ihren Einsatz auf dem Felde menschlicher Konflikte.“ Die Luftschlacht um England endete nicht wirklich mit einem Sieg der Royal Air Force, doch was das eigentlich Entscheidende war: Sie endete nicht mit einem deutschen Sieg. Im Oktober 1940 ging die Luftwaffe zunächst dazu über, vor allem nachts anzugreifen, vom Mai 1941 an gab es überhaupt nur noch sporadische Angriffe, da die Flugzeuge für das Unternehmen „Barbarossa“ – den Angriff auf die Sowjetunion – benötigt wurden. Aus der Sicht Hitlers ging von England in diesem Moment keine Bedrohung aus, und nach dem – deutscherseits erwarteten – raschen Sieg über die Rote Armee würde auch England friedensbereit sein.
Das war bekanntlich ein gewaltiger Irrtum. Auch hat die deutsche Führung die Auswirkungen der abgebrochenen Luftschlacht um England unterschätzt. Die britischen Piloten hatten gezeigt, dass die deutsche Militärmaschinerie nicht jeden Gegner bezwingen konnte. Hatte Churchill vor der Luftschlacht um England durchaus noch viele Kontrahenten, die einen Kompromissfrieden befürworteten, stand die Nation nun geschlossen hinter ihm und seinen Kriegsanstrengungen. Ein Zeichen war der englische Abwehrerfolg auch für Amerika und seinen Präsidenten Franklin D. Roosevelt; die Stimmen der Isolationisten, die sich aus dem Krieg in Europa heraushalten wollten, begannen zu verstummen: Die Unterstützung der englischen Verteidigungsbemühungen stand fortan ganz oben auf der präsidialen Agenda. Und damit wurde die Luftschlacht um England, langfristig betrachtet, doch zur ersten deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg.
Uwe A. Oster







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