Schriftgröße: + -
Home > Erotisches Kino aus Asien > Programm > Die Lust und der Tod

Freitag 04. November 2005 ab 22.10 Uhr - 31/10/08

Die Lust und der Tod

Themenabend (ARTE / ZDF 137 Min.)


Die Verbindung von Sexualität, Leidenschaft, Liebe und Tod hat in der japanischen Kultur tiefe Wurzeln. Das schlägt sich auch in den erotischen Filmen des Landes nieder. Der Themenabend beleuchtet inder Dokumentation Sterben imReich der Lust die lange und einzigartige Tradition dieses Filmgenres in Japan und zeigt als Beispiel den Spielfilm Die Geschichte der Abe Sada - eine frühere und beinahe in Vergessenheit geratene Verfilmung derselben wahren Geschichte, die Nagisa Oshima zu seinem gefeierten, aber auch umstrittenen Werk Im Reich der Sinne aus dem Jahr 1976 anregte.
ARTE zeigt diesen Themenabend innerhalb des Programmschwerpunktes Erotisches Kino aus Asien.


Das Genre des erotischen Films hatte schon immer mehr zu bieten als das bloße und ausschließliche Versprechen nackten Fleisches. Stets stellten die anspruchsvolleren Filme höchst komplexe emotionale, psychologische, philosophische und existentielle Fragen. In besonderem Maße gilt dies für das erotische Kino Japans. Die im Westen bekannteste, möglicherweise auch die kontroverseste filmische Darstellung der Zusammenhänge von absoluter Liebe, körperlicher Leidenschaft, sexuellem Verlangen und Tod ist sicherlich Nagisa Oshimas Im Reich der Sinne aus dem Jahr 1976. Der Film, in dem Botho Strauß ein "elementarisches Lehrstück über ein Grunddilemma der menschlichen Gattung" sieht, beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1936, als eine junge Frau durch Tokios Straßen irrte, die von ihr abgetrennte Männlichkeit ihres Liebhabers bei sich tragend. Er war in einer Ekstase sexueller Freuden gestorben.

Oshima drehte zwei Jahre später mit Im Reich der Leidenschaft eine ebenso kraftvolle Fortsetzung. Die Verknüpfung der Sexualität mit ihrem Zwillingsmotiv, dem Tod, ist auch der abendländischen Kultur alles andere als fremd. Wir finden sie in der griechischen Mythologie ebenso wie in den Schriften des Marquis de Sade oder Oscar Wildes, in der Malerei der Pariser Dekadenten ebenso wie in der Freudschen Psychoanalyse. Doch während sie bei uns immer wieder nur eher als abgründige Randerscheinung auftaucht, ist sie in der japanischen Kultur tief verwurzelt. Es handelt sich um eine Dualität, die dem japanischen Denken nur allzu vertraut und natürlich, ja geradezu zwingend erscheint.


22.10 Uhr:
  • Sterben im Reich der Lust
Dokumentation von Eva und Georg Bense

Schon immer gehörten zur japanischen Kultur freizügige erotische Darstellungen. Diese Tradition beeinflusste auch den erotischen Film des fernöstlichen Landes. Vor allem die Verknüpfung von Sexualität und Tod dokumentiert der Film anhand von Spielfilmausschnitten und Interviews mit japanischen Filmemachern und Autoren.

Japan blickt auf eine - verglichen mit der westlichen - ebenso bedeutende wie freizügige kulturelle Tradition erotischer Darstellungen zurück: Ob es die als "Frühlingsbilder" bezeichneten erotischen Holzschnitte des 17. und 18. Jahrhunderts ("Shunga"), die als klassische Literatur anerkannten Werke von Ihara Saikaku ("Fünf Geschichten von liebenden Frauen", "Der Liebespfad des Samurai") oder die praxisorientierten Sexhandbücher ("Saiken") sind: Erotik hatte im vormodernen Japan einen wichtigen und selbstverständlichen Platz. Jenseits christlicher Moralvorstellungen wurden etwa Homosexualität, Voyeurismus oder SM-Praktiken im alten Japan freizügig toleriert. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden unter westlichem Einfluss diese Formen der Sexualität nach und nach unterdrückt und strafrechtlich verfolgt. Die kulturellen Besonderheiten Japans im Umgang mit Sexualität haben sich auch im Genre des erotischen Films niedergeschlagen.
Die Dokumentation beleuchtet mit Hilfe von Spielfilmausschnitten, Interviews und Beobachtungen vor Ort die lange und einzigartige Tradition des erotischen Films in Japan. Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf die Verknüpfung von Sexualität und Tod, die oft auch intimen Kennern des fernöstlichen Landes und seiner Kultur manches Rätsel aufgibt. In der Malerei, Literatur, Fotografie und im Film treffen wir ungewöhnlich häufig auf diese Verbindung. Dass Tod und Eros traditionell in der populären Kultur Japans nahe beieinander liegen, zeigen auch die vielen Geistergeschichten, die Literatur und Film durchziehen. Der böse Geist ist oft eine Frau - die von Eifersucht oder anderen Leidenschaften getrieben - als wunderschönes Geschöpf in Erscheinung tritt, ihren männlichen Partner verführt und ins Verderben stürzt. Mit der 1999 von Japans Regie-Shootingstar Takashi Miike inszenierten Verfilmung von Murakamis Roman "Audition" kehrt die Figur der tödlichen Verführerin zurück, wie man sie traditionell seit Jahrhunderten in der Literatur und Kunst Japans kennt.

Dokumentation von Georg und Eva Bense, ARTE/ZDF 2005, 60 Min.

23.10 Uhr:
  • Die Geschichte der Abe Sada

Im Alter von 16 Jahren vergewaltigt und aus dem Elternhaus gewiesen, gerät Abe Sada in die Welt der Prostitution und entwickelt bald ein nahezu unstillbares Verlangen nach Sex. Eines Tages schließt sie sich mit ihrem Liebhaber Ishida Kichizo in einem Hotelzimmer ein. Das Paar gibt sich einem äußerst leidenschaftlichen und impulsiven Sexleben hin, das mit dem Tod des Mannes endet. Abe Sada irrt in einer Mischung aus Glück und Verzweiflung durch die Straßen Tokios.

Die Geschichte der Abe Sada
Jitsuroku: Abe Sada
Spielfilm, Japan 1975, Synchronfassung, Erstausstrahlung, 77 Min.
Regie: Noboru Tanaka
Drehbuch: Akio Ido
Kamera: Masaru Mori
Musik: Koichi Sakata
Mit: Junko Miyashita (Abe Sada), Hideaki Ezumi (Ishida Kichizo), Nagatoshi Sakamoto (Osato), Ikunosuke Koizumi (Detektiv), Genshu Hanayagi (Geisha), Yoshie Kitsuda (Kishizos Frau)

  • Synopsis

Am 18. Mai 1936 wird eine Geisha namens Abe Sada in den Straßen von Tokio aufgegriffen. Sie irrt umher, in der einen Hand ein Messer, in der anderen ein Seil. An ihrem Körper verborgen, trägt sie ein kleines Päckchen, das den abgetrennten Penis ihres Liebhabers Ishida Kichizo enthält. Er war der reiche Besitzer des Hotels, in dem sie zuletzt arbeitete. Die beiden hatten einen Monat gemeinsam in einem Hotelzimmer verbracht, das sie kaum verließen: als Gefangene einer ebenso leidenschaftlichen wie tragischen amour fou. Als Abe Sadas Liebe zu Ishida Kichizo immer obsessiver wird, beginnt sie ihren Liebhaber mit Tüchern, Seilen und Gürteln zu strangulieren, um seine Lust länger aufrecht zu erhalten und ihn schließlich ganz zu besitzen. Ihre Obsession endet tödlich. Eine Bedienstete entdeckt schließlich den leblosen Körper des strangulierten und entmannten Familienvaters. Wenige Tage später berichten die Zeitungen über die Verhaftung seiner Geliebten Abe Sada. Sie selbst erzählt, wie zwischen dem 23. April und dem 18. Mai 1936 ihre Liebesbeziehung zu Ishida Kichizo in einer Art erotischer Vergiftung über alle Grenzen hinaus getrieben worden war.

  • Zum Film

Die Geschichte der Abe Sada ist eine frühere, beinahe in Vergessenheit geratene filmische Umsetzung derselben wahren Geschichte, die Nagira Oshima als Vorlage für seinen gefeierten und kontroversen Film "Im Reich der Sinne" diente. Während Oshimas Film sich auf die kurze Zeitspanne der sexuellen Liaison zwischen den beiden Liebenden konzentriert und Ishida Kichizos Tod der Höhe- und Endpunkt ist, geschieht er in Tanakas Film zu Beginn des letzten Drittels. Danach fokussiert sich der Film vollständig auf Abe Sadas Trauer, Schmerz und Verlangen nach ihrem toten Geliebten. Die Figur der Abe Sada wird in einer Reihe von alten Fotografien eingeführt, in einer Rückblende gegen Ende des Films erfährt der Zuschauer in einer detaillierten Darstellung ihre unglückliche Kindheit. Tanakas Film ist zweifelsfrei der zugänglichere der beiden. Abgesehen von seiner weniger expliziten Darstellung der Sexualität, ist er intimer und kinematografisch stilisierter. Die exzellente Inszenierung, die hochkarätigen schauspielerischen Leistungen und eine atemberaubende Kameraführung schaffen eine verstörend klaustrophobische Atmosphäre und geben dieser schockierenden Geschichte den Glanz von künstlerischer Qualität.

Das "Lexikon des Internationalen Films" schreibt: "Eine formal durchaus interessante Low-Budget-Variante des authentischen, ein Jahr später von Nagisa Oshima nochmals verfilmten Falles , welche die Etappen der pathologischen Beziehung nicht minder radikal und zeichenhaft verkürzt darstellt, wobei die spekulativen Genre-Szenen um Sex und Gewalt weniger 'anstößig' sind als die These, dass Liebe und Tod identische Formen der Sinnerfüllung darstellen."

Regisseur Noboru Tanaka realisierte eine Reihe von Filmen für die Produktionsfirma Nikkatsu, unter anderem Yaneura No Sanpo Sha (Der Voyeur, 1976), basierend auf einem Roman von Edogawa Rampo. Er gehört zu den viel gelobten Regisseure der 70er Jahre. Die wunderbare Junko Miyashita spielt die Rolle der Abe mit großer Überzeugungskraft. Die Schauspielerin war ein erfolgreiches Starlet, das zwischen 1972 und 1974 in einer ganzen Reihe von Softcore-Sexfilmen Hauptrollen übernommen hatte. In den 80er- und 90er Jahren wurde sie von Japans Regiegenie Mitsuo Yanagimachi für seine Meisterwerke Himatsuri (1985) und About Love, Tokyo (1992) wieder entdeckt.


  • ARTE zeigt diesen Themenabend innerhalb des Programmschwerpunkts
Erotisches Kino aus Asien. Die einzelnen Sendungen im Überblick:

Mittwoch, den 2. November um 22.40 Uhr
Im Reich der Leidenschaft, Spielfilm

Freitag, den 4. November ab 22.10 Uhr
Die Lust und der Tod, Themenabend

Mittwoch, den 9. November um 22.40 Uhr
Seom - Die Insel, Spielfilm

Mittwoch, den 16. November um 22.40 Uhr
Audition, Spielfilm

Erstellt: 31-10-08
Letzte Änderung: 31-10-08