Doch wer waren die Germanen? „Die grobschlächtigen Krieger“, vor denen Cäsar bereits in „De Bello Gallico“, seinem Werk über die Gallischen Kriege, im Jahr 53 vor Christus warnt, waren alles andere als ein einheitliches, großes barbarisches Volk. Die verschiedenen Stämme, die schon seit Jahrhunderten zwischen Skandinavien und den Alpen, zwischen Rhein und Weichsel siedelten, waren hoch differenziert. Der Begriff „die Germanen“ ist eine Erfindung Cäsars, der ihn aus innenpolitischem Kalkül heraus geschickt als Propagandacoup platzierte. Erst mit dieser konkreten, bedrohlichen Gefahr für Rom in Form eines mächtigen, kampfeslustigen Volkes vor Augen, ließ sich der Senat dazu bewegen, Cäsars Feldzüge in Gallien weiter zu finanzieren und den Rhein als Reichsgrenze festzulegen. Ein Beleg dafür, dass Cäsar mit der Feder nicht minder mächtig als mit dem Schwert war.
Ein Volk der unterschiedlichsten VölkerIn Wahrheit hatten es die Römer mit einer Vielzahl von Stämmen zu tun, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder zusammenschlossen oder voneinander abspalteten und so auch gänzlich neue Stämme bildeten. Die daraus entstandene Vielfalt ist einer der spannendsten Aspekte der aktuellen Germanenforschung. Wie aber verlief nun die Geschichte unserer Ahnen? Wie erlebten sie die Konfrontation mit dem Imperium Romanum und was gibt die Forschung über ihren Alltag preis? Die vierteilige Dokumentationsreihe „Die Germanen“ (zwei Folgen am 21.7. und zwei Folgen am 28.7.2007) gibt mit aufwändigen Inszenierungen und kurzen Statements von Wissenschaftlern Antworten auf diese Fragen.
Der erste Teil setzt im Jahr 58 vor Christus ein und bietet auf den Spuren der Priesterin Basena einen Einblick in das Leben des Stammes der Sueben, die von ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet an der Elbe bis ins heutige Elsass wandern und dort als erster Germanenstamm auf die Legionen Cäsars treffen. Die zweite Folge thematisiert bereits die legendäre Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus: Die römischen Legionen des Statthalters Varus erleiden eine vernichtende Niederlage gegen ein Germanenheer unter der Führung des Cheruskers Arminius. An der Seite des Fürstensohns kämpft auch Notker, der Hauptprotagonist dieser Folge. Der dritte Teil erzählt von den Erlebnissen des jungen Chatten Grifo, dessen Stamm östlich des Rheins lebt, in unmittelbarer Nachbarschaft des Limes, des bis ins Jahr 260 nach Christus von den Römern überwachten Grenzwalls. Der Austausch, aber auch die gewaltsamen Konflikte zwischen Römern und Germanen werden immer intensiver, bis Rom den Zenit seiner Macht überschreitet und die zahlreichen kleineren germanischen Stämme im Laufe der Zeit in einzelne, wenige größere Stämme, wie die Franken oder Alemannen, aufgehen. Die letzte Folge endet mit der Taufe des Franken Radulf und seines Königs Chlodwig um das Jahr 500 nach Christus.
Die Inszenierungen werden von Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen untermauert, die mit ihren Erkenntnissen Licht in das Dunkel der düsteren germanischen Wälder bringen. So beweist eine Textilarchäologin, dass die Kleidung der Germanen aus kunstvoll gewebter und gefärbter Wolle oder Leinen bestand, und ein Biomechaniker erprobt an einer Puppe, ob die gefürchtete Wurfaxt der Franken – die Franziska – im Fernkampf tatsächlich als zielgenaue, tödliche Waffe eingesetzt werden konnte. Ein Archäologe zeigt anhand von Röntgenaufnahmen, dass die Franken und Alemannen ihre Schwerter damaszierten – eine aufwendige Schmiedeweise, bei der mehrere Schichten Eisen übereinander verarbeitet werden. Ein Numismatiker schließlich erklärt anhand der Motive auf antiken Goldmünzen die Geiselpolitik des Kaisers Augustus, der die Kinder unterworfener germanischer Stammesfürsten nach Rom bringen ließ.
Ein neues Geschichtsbild
Die gemeinsame Aussage der Forscher stellt klar: Unser ursprüngliches Geschichtsbild von den Germanen muss revidiert werden. Cäsar hätte es wohl nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet „seine Germanen“ das römische Erbe antreten und das Fundament der europäischen Kulturen in all ihrer Vielfalt legen sollten.
Erika Regner und Thomas Voigt für das ARTE Magazin







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

