Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen ebenso geht. Aber wenn ich einen größeren Arbeitsplan mache - noch dazu einen, der mit Reisen verbunden ist -, dann bin ich jedesmal zutiefst erstaunt, wenn wirklich alles so abläuft, wie es geplant war, und man dann vor einem fertigen Resultat steht: einem Kind, das man ins Leben gerufen hat! Und nun muss es seinen eigenen Weg gehen!Es war wohl so ungefähr vor drei Jahren, als ich Heinrich Breloer zum ersten Mal in der Bar des "Frankfurter Hofs" begegnete. Der Fischer Verlag hatte das Treffen vermittelt. Mit uns war mein guter Freund Eberhard Goerner, mit dem ich schon etliche Filmarbeiten zusammen gemacht hatte (u.a. "Botschafterin der Meere") und der übrigens schon seit Jahren einen ähnlichen Plan wie den Breloers gehegt hatte, zu dem ich ihm Mitarbeit versprochen hatte.
So stand ich dem Breloer-Unternehmen zunächst mit einiger Skepsis gegenüber, und es fiel mir nicht leicht, meine Zusage zur Mitarbeit zu geben. Die Vorbedingung war, die Beziehungen zwischen beiden Filmemachern freundschaftlich zu regeln, was auch geschah, und beide haben sich bis zuletzt treu an die Verabredung gehalten.
Auch war es das erste Mal, dass ich mich öffentlich über die Geschichte meiner Familie äußern würde, was ich mein Leben lang streng vermieden hatte. Die Familie war meine private Angelegenheit. Meine Arbeit gehörte der Öffentlichkeit, und keinesfalls wollte ich den Glanz des einen unverdienterweise auf meine eigene bescheidene Arbeit werfen lassen.
Dieses Argument konnte ich nun fallen lassen - im Alter von 80 Jahren. Niemand konnte mehr denken, ich wollte meine Karriere auf den Ruhm meiner Familie bauen. Dazu kam, dass alle meine Geschwister schon verstorben waren. Ich war die Letzte meiner Generation und war mir voll bewusst, dass ich Dinge weiß, die niemand sonst mehr weiß; und es lag mir daran, Missverständnisse und Fälschungen über meine Familie beseitigen zu helfen. Also gab ich meine Zustimmung zur Zusammenarbeit, die mich dann im Lauf von zwei Jahren mein Leben rekapitulieren ließ. Das war an sich bereits ein seltsames Erlebnis. Noch verwirrender gestaltete sich das Ganze für mich, als ich einige Zeit später die hervorragenden Schauspieler kennen lernen durfte, die die verschiedenen Mitglieder meiner Familie in den Spielfilm Abschnitten darstellen sollten - einschließlich des jungen Mädchens, Katharina Eckerfeld, die mich selber spielen sollte. Die Melodie von Schuberts "Doppelgänger" stieg in mir auf: "Du bleicher Gesell, was äffst Du mein Liebesleid?"Schon nach den ersten Reisen und den ersten Gesprächen begann mein Misstrauen, Gefühlen der Bewunderung und Freundschaft zu weichen. Breloers Kenntnis des Werkes und Lebens meines Vaters und all dessen, was sich um ihn herum abgespielt hatte, war grenzenlos, seine Vorarbeiten unglaublich umfassend und systematisch. Sein Material hätte für zehn Filme gereicht. Gar mancher Literaturkritiker könnte ihn beneiden. Dazu kommt, dass er - wie nicht alle Literaturkritiker - frei und offen war und zur Diskussion bereit. Er konnte seine Einstellung ändern, wenn man ihn überzeugen konnte. Zur ungeheuren Sachkenntnis kommt die künstlerische und filmtechnische Erfahrung und Sicherheit: eine ganz ungewöhnliche Kombination von Talenten, Disziplin und Meisterschaft, die seine großen Erfolge voll und ganz erklären.
Schließlich saßen wir vor dem Resultat. Es war eine erste Privatvorführung in Köln im Frühling dieses Jahres. Ich hatte mir vorgenommen, den Film ganz als ein "outsider" anzuschauen, als wäre ich eben irgendjemand im Publikum. Dies gelang während der Doku-Teile. Sicher habe ich die so gesehen wie alle anderen. Und sie waren einfach sehr, sehr gut und interessant zusammengestellt. Wenn es aber zu den Spielfilm-Abschnitten kam, musste meine Reaktion eben doch anders sein, als die des außenstehenden Publikums. Für die "outsiders" konnten die Szenen Wirklichkeit sein. Dokumentar und Spielfilm gingen fließend ineinander über. Das waren "Die Manns". Für mich hingegen waren es eben doch nicht meine Eltern, meine Geschwister, mein Onkel. Es waren hervorragende künstlerische Interpretationen. Die Gestaltung der Figur meines Vaters durch Mueller-Stahl ist einfühlend und überzeugend, und ich empfand Sympathie und Bewunderung für Armin Mueller-Stahl vom ersten Moment unserer Bekanntschaft. Besonders ergreifend fand ich die Darstellung der Tragödie meines Bruders Klaus und der meines Onkels Heinrich und seiner Frau Nelly. Packend. Stark - aber für mich bleibt es eben doch Kunstwerk, nicht Realität.
Ich hoffe, meine Freundschaft mit Heinrich Breloer wird die Jahre unserer Zusammenarbeit an diesem Film weit überleben. Aber wird er überhaupt je wieder herauskommen aus dieser Arbeit? - Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung. Ich habe mich vor fast 40 Jahren in die Arbeit über die Ozeane geworfen, und komme nicht mehr heraus. Wenn ich Studenten und junge Freunde dazu anrege, sich für die Meere zu interessieren, warne ich sie jeweils: Pass auf, wenn Du einmal ins Meer gefallen bist, kommst Du nicht mehr heraus!Mit einiger Besorgnis denke ich an das Meer des Materials, das Heinrich Breloer noch in seinen Schubladen birgt. Heinrich, ich weiß nicht, ob ich Dir's wünschen soll, dass Du den Rest Deines Lebens damit verbringen sollst!
Elisabeth Mann Borgese






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