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Montag, 28. Juli um 21.00 Uhr - 28/07/08

Die Nacht (La Notte)

Ein Film von Michelangelo Antonioni


„Die Nacht“ (1961) ist der zweite Teil einer Trilogie über das Leben moderner Paare im Europa der Nachkriegszeit. Der erste Film, „Die mit der Liebe spielen“ entstand 1960 und der dritte Teil, „Liebe“ 1962. „La Notte“, dessen Handlung etwas weniger komplex angelegt ist als die der beiden anderen Filme, erhielt auf der Berlinale 1961 den Goldenen Bären.

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Von Michelangelo Antonioni
(Italien/Frankreich, 1961, 122 mn)
Mit Jeanne Moreau, Marcello Mastroianni, Monica Vitti


Synopsis: Lidia (Jeanne Moreau) und der Schriftsteller Giovanni (Marcello Mastroianni) besuchen ihren todkranken Freund, den Schriftsteller Tommaso (Bernhard Wicki), im Krankenhaus. Jeder erlebt seine Angst, Tommaso zu verlieren, auf seine Weise. Danach muss Giovanni auf eine Promotion-Party für sein jüngstes Buch. Anschließend treffen sich beide wieder zu Hause. Zwischen ihnen baut sich ein zunehmend bedrückendes Schweigen auf. Sie beschließen auszugehen. Ihre (titelstiftende) Nacht beginnt in einer Stripteasebar und endet auf einer Party in der Villa eines reichen Industriellen.

Kommentar: Der Film ist primär konzeptuell angelegt. Das Thema ist die sukzessive Auflösung eines Paares. Dieses Schwinden steht im Mittelpunkt der gesamten Trilogie: „Die mit der Liebe spielen“ handelt von der Suche nach einer verschwundenen Frau. In „Liebe“ geht es um die Schicksale zweier Menschen, die sich trennen und aus den Augen verlieren.

Lidia und Giovanni werden von zwei Schauspielern verkörpert, die in ihren Heimatländern Frankreich und Italien auf dem Höhepunkt ihres Erfolges standen: Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni. In der Gleichung taucht eine dritte Größe auf, die am Ende die unvermeidliche Beweisführung antritt: Valentina (wunderbar gespielt von Monica Vitti), die hochintelligente, desillusionierte Tochter des Fabrikanten und künftige Erbin des väterlichen Imperiums, wird von dem Paar bewusst oder unbewusst manipuliert. Am Morgen schleudert sie ihnen entgegen: „Ihr beide habt mich restlos ausgelaugt!“

Die Radikalität diese Meisterwerks besticht auch heute noch: Das filmische Experiment nimmt die Form einer Schnitzeljagd an, bei der man die Gefühle der Gestalten auf deren fast völlig verschlossenen Gesichtern entschlüsseln muss. Antonionis Suche nach sinntragenden Zeichen im Bild lässt sich an jeder Einstellung erkennen. Bei einem ihrer Spaziergänge kratzt Lidia beispielsweise etwas Rost von einer Wand, trifft auf ein weinendes Kind und betrachtet eine stehengebliebene Uhr. Ständig schaut sie in den Himmel, folgt mit melancholischem Blick dem Flug eines Hubschraubers, eines Flugzeugs oder der Bahn von Raketen. Als der Geschäftsmann das Wort „Gehalt“ in den Mund nimmt, zeigt die Kamera einen Vogelkäfig in einem Garten. Eine Katze starrt unverwandt auf den Kopf einer Statue. Ein Krankenhaus wird paradoxerweise zu einer Art Nachtclub, als in einem Zimmer der letzte Champagner ausgeschenkt wird. Eine Menge spendet einem Pferd Beifall. Eine schwarze Frau in weißem Kleid vollführt, mit einem Weinglas spielend, einen akrobatischen Striptease. Das Absurde ist immer da, manchmal auch die Poesie.

Darüber hinaus wirkt die Kraft der Bilder (erster Kameramann: Gianni Di Venanzo) durch die Klarheit der Schwarz-Weiß-Töne und die haarscharfen Einstellungen. Der gelernte Architekt Antonioni platziert seine Gestalten stets in einem konkreten Umfeld. Hier spielt die Handlung in der sich wandelnden und durch Industrieexpansion verunstalteten Stadt Mailand. Giovanni und Lidia streifen durch eine neue Stadt (das Luxuskrankenhaus, die von einem Architekten erbaute Villa des Industriellen, die entstehenden Vororte). Allmählich schwindet ihre Orientierung ebenso wie ihre Erinnerung.

Allerdings hat diese Virtuosität auch ihre Grenzen. Antonioni betreibt die Suche nach Symbolen bis zur absoluten Künstlichkeit. Zuweilen reizt seine Ernsthaftigkeit zum Lachen. Jede Einstellung ist absolut sinnträchtig. Nie gibt es ein Aufatmen. Chabrol witzelte über Antonionis Filme: „Sie riechen nach Schweiß und Knochenarbeit!“

Die Geschichte wird ohne jedes Augenzwinkern erzählt. Erforscht wird der Schmerz jedes Augenblicks. Alle Gestalten sind vom Tod besessen: dem Verlust eines Freundes, dem Schwinden der Lust, dem Sterben einer Liebe. Die beiden Frauengestalten tragen die ganze Nacht schwarze Kleider, wie zwei Schwestern auf einer Beerdigung. Der Film selbst beginnt mit einer langen Kamerafahrt nach unten. Zu den schrägen Klängen experimenteller Musik sieht man zwei Paralleleinstellungen: Die Kamera befindet sich im Innern eines Fahrstuhls und fängt zugleich das sich in den Fassadenfenstern spiegelnde Stadtbild ein – ein langer, endloser Abstieg in die Hölle. Dieser Vorspann gehörte der italienischen Zeitschrift „Ciak“ zufolge zu den Lieblingsvorspännen von Stanley Kubrick. Dessen letzter Film „Eyes Wide Shut“ (1999) nach Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ verwendet praktisch dasselbe Muster: Ein Paar erliegt einen Tag lang den Versuchungen des Ehebruchs und scheint sich während der Party aufzulösen, um vielleicht am nächsten Morgen durch ein mögliches Stillen des Begehrens wieder zusammenzufinden.

Ingmar Bergman, der letztes Jahr am selben Tag wie Antonioni starb, hielt „Die Nacht“ ebenfalls für Antonionis gelungensten Film – wahrscheinlich wegen des schonungslosen Intellektuellenporträts: ein Schriftsteller, der sich fast allen ihm Nahestehenden (der Ehefrau, dem Freund, dem Geschäftsmann) verweigert und sich dadurch in eine Isolation bringt, die seinem Schaffen wenig förderlich ist. Die deprimierende Promotion-Party für Giovannis Buch wird beispielsweise als „Vorzimmer zur Berühmtheit“ bezeichnet, als eine Art offizielles Purgatorium für den Künstler. Am Ende bringt Lidia es auf den Punkt: Giovanni ist wahrscheinlich nicht besonders begabt; sein Talent steht der verborgenen Begabung Valentinas um vieles nach. Er scheint von sich selbst abgekoppelt; vielleicht ist seine ganze Substanz in sein Schaffen eingeflossen? Er sagt selbst: „Ich habe keine Inspiration mehr, nur noch Erinnerungen“.

Mit ihrer Kälte und ihrem Nihilismus steht „Die Nacht“ im krassen Gegensatz zu Agnès Vardas Film „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, der im selben Jahr entstand. Beide verfolgen einige entscheidende Stunden lang die Entwicklung von zwei verzweifelten Gestalten. Die unheilvollen Zeichen reihen sich in einer Art mystischer Initiation aneinander. Doch während Antonioni seine Helden in die Tiefen ihres eigenen Untergangs abstürzen lässt (Eros und Thanatos), führt Varda ihre Figuren vom Tod zum Leben, von der Dunkelheit in Licht und Hoffnung. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Delphine Valloire
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Die Nacht
(La Notte)
Von Michelangelo Antonioni
(Italien/Frankreich, 1961, 122 mn)
Mit Jeanne Moreau, Marcello Mastroianni, Monica Vitti
Auf ARTE am 28. juli um 21.00 Uhr
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Erstellt: 25-07-08
Letzte Änderung: 28-07-08