War der Prozess gegen Slobodan Milošević Ihrer Meinung nach ein Erfolg oder ein Misserfolg?Nach solchen Kriterien würde ich das Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Serbiens, Slobodan Milošević, vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) nicht beurteilen. Ein Gerichtsverfahren ist keine Bühnenshow, obwohl Milošević es mit seinen ständigen Versuchen, das Gericht lächerlich zu machen und seine Autorität zu untergraben durchaus darauf anlegte, das Verfahren zu einem Spektakel zu degradieren. Ein Verfahren wegen Kriegsverbrechen ist eine sehr ernste Angelegenheit, besonders wenn sich die Anklage gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt richtet. Es war wichtig, dass Milošević sich für seine Taten vor einem internationalen Gerichtshof verantworten musste, denn niemand darf sich über das Recht stellen. Leider entkam Milošević durch seinen Tod einer Verurteilung, was sehr bedauerlich ist. Ein Urteil hätte dem serbischen Volk helfen können, sich der Wahrheit zu stellen und sich mit seiner Rolle in den Balkankriegen (Kroatien, Bosnien, Kosovo) auseinanderzusetzen.
Ist ein internationaler Gerichtshof die richtige Instanz, um Staatsführer zur Verantwortung zu ziehen?

BUCH
Slavenka Drakulic
Keiner war dabei: Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht
195 Seiten
Zsolnay Verlag 2004
ISBN-13: 978-3552052901
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Slavenka Draculic kommentiert in der Süddeutschen Zeitung vom 22. Juli die Festnahme von Radovan Karadzic

Milošević behauptete immer wieder, er sei unschuldig. Glaubte er das wirklich?
Fast jeder Angeklagter behauptet, dass er unschuldig sei. Nur sehr wenige gestehen ihre Schuld ein.
Um den Milošević-Prozess ranken sich viele Verschwörungstheorien. Manche behaupten, man hätte ihn umgebracht, um zu verhindern, dass Absprachen westlicher Politiker mit der serbischen Regierung bekannt werden. Glauben Sie, dass an diesen Gerüchten etwas dran ist?
Die Öffentlichkeit liebt Verschwörungstheorien! Verschwörungstheorien sind angenehmer als sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Wenn man sich das sehr spezielle Verhältnis zu seiner Ehefrau - und politischen Beraterin - Mira Marcović anschaut, wage ich die Behauptung, dass Slobodan Milošević an Sehnsucht gestorben ist. Milošević war seiner Frau Mira verfallen und sehnte sich danach, sie in Moskau zu besuchen. Immerhin hatte sich das Ehepaar drei Jahre lang nicht gesehen. Mira war der einzige Mensch, den er liebte und furchtbar vermisste. Deswegen verfiel er auf den Gedanken, sich noch etwas kränker zu machen, als er ohnehin war, damit man ihm erlaubt, sich in Russland untersuchen zu lassen. Irgendwer hat ihm das gefährliche Medikament verschafft, und er hat schlicht zu viel davon genommen. Man könnte sagen, es war unbeabsichtigter Selbstmord. Und zudem eine traurige Liebesgeschichte, die ihn sehr menschlich erscheinen lässt.
Im Westen gelten die Serben als die Hauptaggressoren in den Balkankriegen der 1990er Jahre. Die Serben selbst sehen sich jedoch nach wie vor als Opfer. Wie erklären Sie sich das?
Wenn das ICTY etwas beweisen konnte, dann mit Sicherheit die Rolle Serbiens als Aggressor und Hauptverantwortlicher für den Krieg. Dennoch waren die Serben auch Opfer. Das mag paradox klingen, doch Fakt ist, dass Serbien 1999 von den alliierten Truppen bombardiert wurde. Außerdem waren sie Opfer von Milošević und seiner Regierung; sie haben das Volk in den Krieg und die internationale Isolation getrieben. Das spricht das serbische Volk jedoch nicht von seiner politischen Verantwortung frei. Immerhin hatte die Mehrheit drei Mal hintereinander für eine nationalistische, kriegsbefürwortende Partei gestimmt und ist daher mitverantwortlich für das eigene Elend.
Sie haben die Biographien von Menschen untersucht, die zu Kriegsverbrechern wurden. Gibt es da Gemeinsamkeiten?
Ja, die gibt es. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Kriegsverbrecher keine geborenen Monster, sondern ganz normale Menschen wie Sie und ich. In meinem Buch "Keiner war dabei" schildere ich Geschichten von Männern (und einer Frau, Biljana Plavsić) mit sehr unterschiedlichen sozialen, bildungs- und wirtschaftlichen Hintergründen. Vom Taxifahrer bis zum Universitätsprofessor ist alles vertreten. Es gibt eine Menge Literatur über ganz gewöhnliche Menschen, die Kriegsverbrechen begangen haben. Die Historiker Christopher Browning und Jan Gross haben sich ebenfalls mit dieser Thematik beschäftigt. Es ist natürlich einfacher sich vorzustellen, Kriegsverbrecher seien Monster und wir - d. h., normale Leute - zu derartigen Gräueltaten nicht fähig. In Wahrheit trägt jeder Mensch das Gute und das Böse in sich. Welches von beiden die Oberhand gewinnt, hängt in erheblichem Maße von den äußeren Umständen hab. Deshalb ist es eminent wichtig, die Wahrheit zu kennen. Das steigert das Bewusstsein für die Duplizität der menschlichen Natur.
Die Ursachen für die Spannungen auf dem Balkan sind tief in der Geschichte verwurzelt. Tragen die "europäischen" Nationen eine Mitverantwortung an den schrecklichen Ereignissen auf dem Balkan?
Jeder Konflikt ist tief in der Geschichte verwurzelt. Schauen Sie sich nur die beiden Weltkriege an. Konflikte und Kriege haben nichts mystischen und sie werden immer von oben ausgelöst. Westeuropa hat die nationalistischen Bestrebungen auf dem Balkan zu lange nicht zur Kenntnis genommen. Selbst als in Kroatien bereits gekämpft wurde, wollte Westeuropa nicht an die Möglichkeit glauben, dass Jugoslawien in einem blutigen Bürgerkrieg auseinanderbrechen könnte. Westeuropa ignorierte die Schießereien in seinem Hinterhof und als es sich endlich entschloss, zu handeln, war es zu spät, um das Unheil zu stoppen. Das Problem in Bosnien waren die bosnischen Moslems: der Westen wusste nicht, wie er sich ihnen gegenüber verhalten und mit ihnen umgehen sollte. Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass es nicht die Europäer, sondern die Amerikaner waren, die den Krieg auf dem Balkan schließlich beendet haben.
Die östlichen Balkanstaaten gehören zu Europa. Was kann die EU zusätzlich tun, um den Frieden auf dem Balkan dauerhaft zu sichern? Kann der deutsch-französische Aussöhnungsprozess als Vorbild dienen?
Meiner Meinung nach sollten die nach dem Zerfall Jugoslawiens entstandenen neuen Staaten möglichst rasch in die Europäische Union aufgenommen werden. Je schneller, desto besser. Nur so kann die Stabilität in der Region dauerhaft gesichert werden. Schauen Sie sich doch an, wie es 13 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton auf dem Balkan aussieht: Bosnien und das Kosovo sind nicht funktionsfähig (bzw. nur unter Einsatz einer kostspieligen internationalen Administration und Militärpräsenz), Serbien schrumpft und wird immer frustrierter und Mazedonien steht am Rande eines Bürgerkriegs. Nennen Sie das Stabilität?
Die Fragen stellte Patrick Aufenanger
Foto: Tomislav Cuveljak







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